Wertvolle Schleimer

Mit festem Schuhwerk und grüner Latzhose betritt Marcel Böhm die im Industriegebiet Fulda-West liegende Aquakulturanlage Desietra, in der Störe gezüchtet, gemästet und verarbeitet werden. Die Anlage gehört dem amerikanischen Unternehmer William Holst. Auf einer Fläche von 7500 Quadratmetern nimmt der Mastbereich den größten Teil ein. Er umfasst zwölf Becken mit je 500 Kubikmeter Wasservolumen, in denen 130 bis 150 Tonnen Sibirischer, aber auch Russischer Stör und Beluga gehalten werden.

Es gibt Stege, auf denen Böhm und seine drei Kollegen die Futtertrichter auffüllen und die Störe herausfischen können. Die Anlage arbeitet auf der Basis eines biologischen Indoor-Kreislaufsystems, das sich durch einen geringen Frischwasserverbrauch auszeichnet: Jedes Becken hat Rohrleitungen für frisches, sauerstoffreiches Brunnenwasser und Ableitungsbahnen für von Kot und Kohlenstoffdioxid verschmutztes Wasser. Die mit tiefhängenden Rohren ausgerüstete Decke der Fischfarm wird von massiven Stahlträgern gehalten.

Der erste Weg führt den fast 1,90 Meter großen Böhm in den Aufzuchtbereich. "Zuallererst muss ich jetzt meinen täglichen Kontrollgang machen und schauen, ob die Temperatur und der pH-Wert in den Becken stimmt", erläutert der studierte Aquakultur- und Fischereiwissenschaftler. Hierfür verwendet er ein Handmessgerät, das mit drei Sensoren versehen ist, und hält es in das klare Wasser jedes einzelnen 300 bis 1000 Liter fassenden Beckens. Die Werte trägt Böhm in eine Liste ein. "Diese Formalitäten sind in unserem Betrieb äußerst wichtig, damit für das Wohl der Störe gesorgt ist." Durch den ständigen Kontakt mit dem Wasser sind die großen Hände des Mannes rauh.

Später befüllt er die elektrisch betriebenen, zylinderförmigen Futterautomaten mit der braunen, sandkörnergroßen Nahrung. Die kleinen Störe rangeln sich mit ihren dunkelgrauen bis schwarzen Körpern und ihrer mit vier Barthaaren besetzten, kegelförmigen Schnauze um die Körnchen. Die Augen der flinken Fische schimmern rötlich, und auf dem Rücken tragen sie weiße Dornen und eine weit hinten sitzende Rückenflosse.

In dem Becken der acht bis neun Monate alten Störe hat sich auf der Oberfläche weiß-gelblicher Schaum gebildet. Ab und zu schaut die Rückenflosse eines Störs aus dem Schaum heraus, und der Anblick ähnelt dem einer Haifischflosse. "Der Schaum bildet sich immer dann, wenn die Fische hungrig sind und die abgesonderten Fette und Eiweiße mit den Luftblasen der Belüftung in Kontakt kommen. Die Fische schleimen." Böhms Arbeitstag wird vom rauschenden Geräusch der Luftgebläse und vom Wassergeplätscher begleitet. Nach einer Frühstückspause steht die Sortierung von russischen Störweibchen auf dem Programm, die Eier angesetzt haben. Die Fische werden in ein Hälterbecken gebracht, damit sie überschüssiges, im Körper gespeichertes Fett abbauen, bevor sie von zwei ausgebildeten Metzgern geschlachtet werden. Die gräulich-schwarzen Eier werden zu dem späteren Kaviar verarbeitet, der zurzeit viel nach Osteuropa und an Feinkosthändler verkauft wird.

In den Hälterbecken gibt es klares, hellblaues Brunnenwasser mit acht bis zwölf Grad Wassertemperatur. Die fünf Jahre alten, einen Meter langen und sechs bis acht Kilogramm schweren russischen Störweibchen werden mit einem großen, sackartigen Kescher gefischt und in eine Wasserwanne auf einem Gabelstapler gesetzt. In Schrittgeschwindigkeit fährt ein Kollege von Böhm die Wanne zu dem Hälterbecken. Mit einem schnellen Handgriff fasst er ein betäubtes Störweibchen nach dem anderen am Schwanz und hebt es aus der Wanne. Vor lauter Anstrengung zittern die Oberarme des Mannes. Vorsichtig lässt er das Störweibchen in das klare Wasser des neuen Beckens gleiten. "Zu Anfang sind die Tiere erst ein wenig orientierungslos, aber durch das frische Wasser ändert sich das sofort", sagt Böhm. Nun ist die Fischgroßstadt fürs Erste versorgt, bis Böhm um 15 Uhr abgelöst wird und die Störe wieder hungrig werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wertvolle Schleimer
Autor
Elisabeth Schlitzer
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2013, Nr. 270, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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