Er zählt Fische, Insekten und Bären

Die 62 Quadratkilometer große Insel Gambier in der Nähe von Vancouver riecht nach Zedernholz und Salzwasser. Von überall sieht man den kühlen nordpazifischen Ozean. Inmitten der Insel steht ein zweistöckiges Holzhaus. Auf der Terrasse sitzt Michael Stamford und beobachtet die Kolibris, die den Nektar aus einer Topfpflanze saugen.

Er ist Mitte 40 und trägt eine Brille, die er an einer Schnur um den Hals befestigt hat. Seine Füße stecken in Sandalen, sein T-Shirt ist blau und alt. Oben auf dem Kopf hat er eine Glatze, während seine etwas längeren Haare eine Art Kranz bilden. Er lächelt. "Ich liebe es hier. Ich könnte mir keinen anderen Ort vorstellen, um zu leben." Stamford wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter auf der Insel. Das Mädchen besucht die Grundschule auf dem Festland, die Mutter ist die Bürgermeisterin der Insel. Stamford nennt sich selbst einen Fischbiologen, und seine Arbeit ist es, die Biodiversität zu erhalten. Er hat Ökologie an der University of British Columbia in Vancouver studiert und seinen Abschluss in evolutionärer Ökologie gemacht. "Seit fünf Jahren arbeite ich freiberuflich. Ich bin ein ökologischer Gutachter", sagt er.

Stamford arbeitet im Auftrag von Goldminen. Wenn eine Firma eine neue Mine eröffnen will, muss sie vom Gesetz her einen Biologen einstellen, der den Schaden auf die Umwelt minimiert. Stamford arbeitet dann den ganzen Sommer in der arktischen Tundra. "Mein Kollege und ich fliegen mit einem Helicopter ins Nirgendwo, um uns abgelegene Seen und Berge anzusehen. Die Natur im Norden ist einfach umwerfend."

Das Gestein, das vom Gold abgetrennt wird, enthält viel Schwefel. Schwefel oxidiert, wenn er mit Sauerstoff in Berührung kommt, das Oxid, das entsteht, ist giftig. Um dies zu vermeiden, muss das ganze Gestein in ein Wasserbecken gelegt werden. Dafür eignet sich ein großer See.

Stamford besucht das von der Mine erworbene Grundstück und misst zehn Quadratmeter ab. Dann zählt er alle Lebewesen, die dort drin vorkommen. "Das Zählen von Insekten kann sehr langweilig werden", seufzt er. Jedes Tier wird gezählt. Die Fische werden gefangen und markiert. Entweder bekommen sie ein kleines Radio-Instrument in den Bauch, oder ihnen wird eine der kleineren Flossen abgeschnitten. "Ja, wir sind sehr grob zu den Fischen würde man meinen. Die Wahrheit ist, Fische ertragen viel mehr, als wir denken. Sie können gut ohne die obere Rückenflosse überleben, aber sterben innerhalb weniger Minuten, wenn der Temperaturunterschied im Wasser zu groß ist." Die Markierungen helfen zu erkennen, welche Tiere schon gefangen wurden. Die Fische werden danach wieder freigelassen. Nach einiger Zeit beginnen die Biologen wieder von vorne, zählen sie aus und subtrahieren die bereits gezählten Fische. Die Anzahl Fische wird auf die Gesamtfläche multipliziert, so hat man eine ziemlich genaue Zahl, wie viele Fische im See sind.

Größere Tiere, wie zum Beispiel Bären, werden ähnlich gezählt. Ein Computer gibt den Biologen Zufallskoordinaten im markierten Feld an. Auf diesen Koordinaten stellen die Biologen Köder auf. Die Bären werden angelockt und versuchen ihn vom Baum zu holen. Dabei bleiben einige Haare hängen. Mit den gesammelten Haaren kann man jeden Bären anhand der DNA identifizieren.

Nachdem Stamford alle Lebewesen gezählt hat, schließt er daraus, ob der Ort ökologisch gesehen wichtig ist oder nicht. Er schreibt einen Bericht für die Regierung, in dem steht, ob das Land für eine Mine geeignet ist oder nicht. "Ich bin nicht der Einzige, der solche Berichte schreibt, es gibt noch viele andere. Das Frustrierende ist: Nicht alle machen es richtig. Sie beurteilen den Wert des Grundstücks anhand der Lebewesen, die wir Menschen als gut oder süß betrachten. Das heißt, wenn es viele Hasen hat, würden einige dies als ökologisch wichtiger erklären als das Stück Land mit den vielen Insekten. Obwohl das mit den Insekten wahrscheinlich wichtiger wäre, da sich viele Tiere von Insekten ernähren und diese fast alle Pflanzen bestäuben. Ich benutze auch viele Berichte zur Recherche, und wenn ich merke, dass Leute so urteilen, macht mich das ziemlich traurig und böse."

Einmal lasen Stamford und sein Kollege die Karte im strömenden Regen. Sie hatten die Kapuzen auf dem Kopf, als sie von hinten eine Art Schnauben hörten. Stamford drehte sich als Erster um und sah eine riesige Grizzlybär-Mutter mit ihrem Jungen. "Ich bin noch nie so erschrocken. Aber zum Glück sind wir beide ruhig geblieben und haben uns langsam Stück für Stück entfernt. Wir hatten Bärensprays, die wir hätten gebrauchen können. Die Mutter war bestimmt 450 Kilogramm schwer."

Stamford ist übrigens der Meinung, dass die Welt untergehen wird. "Das ist auch mit den Dinosauriern geschehen. In der Epoche der Dinosaurier änderten die klimatischen Bedingungen drastisch, dies erleben wir heutzutage auch. Natürlich trugen auch andere Faktoren zu der Vernichtung der Saurier bei, aber sie waren einfach zu groß und zu viele für diesen Planeten. Genau wie wir. Die Erde ist bald überbevölkert. Wir können versuchen, die Welt vor einem solchen Untergang zu retten. Bildung ist das Allerwichtigste. Nur so können wir uns, unser Ökosystem und die Welt verstehen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Er zählt Fische, Insekten und Bären
Autor
Seraina Weinmann
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf, Zürich
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2013, Nr. 270, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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