Der blumige Duft des Oolong-Tees

Tee klärt, während Wein benebelt, sagt Hsiang-fan Hu. Der Chinese lehrt die Stuttgarter das Teetrinken. Und auch, dass in seiner Heimat Kräuter- oder Früchtetees nicht als richtige Tees gelten.

Sehen Sie sich die Farbe an. Riechen Sie es?", sagt Hsiang-fan Hu mit chinesischem Akzent. Auf dem langen, hellen Holztisch stehen ein altmodischer Wasserkocher, eine dunkelbraune, bauchige Tonkanne und zwei henkellose Tassen aus feinem weißen Porzellan auf Untersetzern. Die Tassen sind gefüllt mit einer klaren, zitronengelben Flüssigkeit. Ein zarter, blumiger Duft, der an Jasmin erinnert, steigt auf. "Das ist ein Oolong-Tee", erklärt Hsiang-fan Hu, nimmt den Deckel ab und zeigt die in der Teekanne zurückgebliebenen, zusammengefallenen Blätter. Der 65-Jährige ist Leiter des China-Studios "Bambusbrücke" mitten in Stuttgart.

Geboren in Peking, studierte er Germanistik und Philosophie in Taipeh in Taiwan. In Stuttgart ließ er seine Stimme bei einem Gesangsprofessor privat ausbilden. Zusammen mit der deutschen Journalistin Carla Steenberg gründete er 1978 das China-Studio, um den Europäern chinesische Philosophie und Kultur näherzubringen. Die beiden begannen mit Vorträgen, Gemäldeausstellungen und chinesischen Liederabenden, für die sie die chinesischen Texte ins Deutsche übersetzten und bei denen Hu in seiner Bariton-Stimme unter Harfenbegleitung sang. Da er zurzeit ohne Begleitung ist, hat er momentan keine Gesangsauftritte. Sechs Jahre später gründeten Steenberg und Hu die erste chinesische Teeschule Deutschlands. "Ich hatte meinen Bruder in China besucht, und er bereitete mir einen Tee, der so köstlich schmeckte, dass ich ihn verwundert fragte, was er Besonderes hinzugetan habe. Er antwortete zu meinem Erstaunen, dass der Tee rein sei", erzählt Hu vom Schlüsselerlebnis, das ihn auf die Idee zur Gründung der Teeschule gebracht hat.

Hsiang-fan Hu ist ein kleiner, schlanker Mann mit asiatischen Gesichtszügen, braunen Augen und kinnlangem, dunkelgrauem Haar. Sein graues, weites Hemd ist aus grobem Stoff gefertigt und hat einen langen, schlitzförmigen Ausschnitt. Er trägt eine schwarze Stoffhose und dunkle Stoffschuhe. Der Eingang zur Teeschule, der versteckt zwischen zwei Häuservorsprüngen liegt, führt durch einen Vorraum, wo die Straßenschuhe ausgezogen werden, in einen großen, unmöblierten Raum, an dessen Wänden Aquarelle chinesischer Maler hängen. Hier gibt Hsiang-fan Hu Kurse in Tai Chi Chuan, einer Kampfkunstart, bei der die Entwicklung einer guten Körperhaltung im Mittelpunkt steht. Durchquert man den Übungsraum, geht es eine kurze Steintreppe hinauf und in den Raum, in dem viele Teekurse stattfinden. Immer wieder bietet Hu aber auch im Linden-Museum Stuttgart unter der Rubrik Vorführungen seine kleine Teeschule an.

An einer Wand steht ein Korbregal, vollgestellt mit Teekannen aus Ton, in dem Regal auf der anderen Seite stehen chinesische Bücher. "In den Teekursen geht es mir darum, Grundlagen zu vermitteln. Dazu reicht ein Nachmittag", erklärt der Teemeister, während er Wasser für einen Grüntee aufkocht. In seinen Kursen erfahren die Schüler, wie Tee hergestellt, zubereitet und getrunken wird. "Erst wenn man einen guten Tee kennengelernt hat, kann man ihn richtig schätzen. Deshalb machen wir auch Teeproben, die ich gerne mit Weinproben vergleiche. Der Unterschied ist, dass Wein benebelt, Tee klärt."

Echter Tee wird aus der Teepflanze Camellia sinensis hergestellt. Wenn in China von Tee gesprochen wird, ist immer diese Pflanze gemeint. Kräuter- oder Früchtetees sind keine richtigen Tees. Auf seinen Reisen nach China besucht Hsiang-fan Hu Teeplantagen und wählt den Tee selbst aus. "Hochwertigen Tee zu bekommen ist nicht so einfach. Der Blattspross hat die beste Qualität. Bis zum dritten Blatt am Ende eines Teezweiges können die Blätter für einen edlen Tee geerntet werden. Mit zunehmender Entfernung zum Ende des Zweiges werden die Blätter älter und damit holziger. Ein Tee aus Blättern ab dem vierten Blatt gilt als minderwertig."

 

Man kann die Qualität eines Tees auch durch Kauen der getrockneten Teeblätter prüfen. Zur Demonstration nimmt er ein paar der feinen, geringelten, grünen Blättchen in den Mund und beginnt zu lächeln. "Die Teeblätter müssen knackig sein und zart schmecken. Wenn man einige Blätter gekaut hat, entsteht bei guter Teequalität ein angenehmer Belag und vollmundiger Nachgeschmack am Gaumen. In China wird dies als Gaumenfreude bezeichnet." Aufgrund ihres aromatischen Geschmackes werden in China Teeblätter auch oft zu Salaten verarbeitet. So sprach man früher von Tee essen statt Tee trinken.

Grüntee ist unfermentiert, das heißt, dass die Blätter gleich nach der Ernte erhitzt werden, Oolong-Tee halb fermentiert und Schwarztee ganz fermentiert. Die Qualität eines Tees kann man oft schon durch einen Blick auf die zubereitungsfertigen Teeblätter erkennen. Hu deutet in die eben geöffnete Packung mit Grüntee. "Hier sieht man diesen staubförmigen, weißen Flaum, der auf einen Blattsprossentee hindeutet, also die edelste Teesorte, die so zart ist, dass man sie auch als Baby bezeichnet. Es sind die jungen Sprossen, die so weiß schimmern. Der Tee ist nicht etwa verschimmelt."

Aus ein und derselben Pflanze können nach der Ernte Grüntee, Oolong-Tee und Schwarztee, die drei wichtigsten Teesorten, hergestellt werden. Dazu werden die geernteten Blätter unterschiedlich lange liegen gelassen und der Fermentation ausgesetzt. Anschließend wird dieser natürliche Vorgang durch Hitze gestoppt. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten, erklärt Herr Hu: "Es kann eine Dampferhitzung folgen, die allerdings den Nachteil hat, dass der Tee später leicht nach Seetang riecht. Bei dem anderen Verfahren werden die Teeblätter in einem Wok auf einem Feuer erhitzt. Dabei können die Blätter zwar anbrennen, es entsteht aber ein sehr klarer Tee."

Bei der Zubereitung des Tees spielen Teemenge, Wassermenge, Wassertemperatur und Ziehzeit eine Rolle. "Ganz junge, zarte Teeblätter, wie beispielsweise in diesem Grüntee hier, dürfen nicht mit kochendem Wasser aufgegossen werden, da sie sonst bitter werden", sagt er, während er das heiße Wasser von einer Tasse in die andere schüttet, damit es schneller abkühlt. "Je länger der Tee steht, auch wenn sich keine Teeblätter mehr darin befinden, desto intensiver wird sein Aroma", erklärt er, während er aus den gleichen Teeblättern einen zweiten Aufguss bereitet. Bis zu vier Aufgüsse können so gemacht werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der blumige Duft des Oolong-Tees
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2013, Nr. 276, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180