Renato Ferrari liebt das langsame Rösten

Kaffeeduft durchzieht die Bremgartenerstraße in Dietikon. Renato Ferrari sitzt gemütlich vor seiner Kaffeerösterei und genießt die raren Sonnenstrahlen in vollen Zügen. Obwohl seine Pensionierung bald 20 Jahre zurückliegt, geht der 83-Jährige immer noch seiner Leidenschaft, dem Kaffeerösten, mit ganzem Herzen nach. Renato Ferrari ist Besitzer der ältesten Kaffeerösterei in der Schweiz, in der noch mit Kohle geheizt wird.

Renatos Vater Luigi, der aus dem Tessin stammte, übernahm 1924 die schon bestehende Kaffeefirma in Dietikon und führte sie weiter. Schon als Bub hielt sich Renato in der Rösterei auf, später wurde er in die Geheimnisse der Kaffeeproduktion eingeweiht. Nach dem Tod seines Vaters 1977 übernahm er die Rösterei Caffé Ferrari.

Die Rösterei verfügt über zwei Maschinen der deutschen Firma Emmerich, doch nur eine ist in Betrieb. "Diese Maschine läuft seit 1895, und ich musste noch nie etwas reparieren", erläutert Ferrari. Die Arbeit mit der Maschine fordert Geschicklichkeit, denn die Kaffeebohnen dürfen während des Röstvorgangs nie anbrennen. "Das ist eine Augensache, die auf Erfahrung beruht."

Bei diesem aufwendigen Röstverfahren wird langsam, schonend und bei niedriger Temperatur geröstet, was erheblich länger dauert als moderne Röstverfahren. Dieser vermeintliche Nachteil ist aber ein Vorteil, denn aufgrund des langsamen Röstvorgangs kommt es zu einem viel höheren Gewichtsverlust der Bohnen, bei dem ein großer Anteil an Gerbsäure eliminiert wird, was für den Magen verträglicher ist.

Bei Renato Ferrari braucht man ausschließlich hochklassige Arabica-Bohnen aus Zentralamerika und Brasilien. "Für höchste Qualität bezahle ich auch den entsprechenden Preis", erklärt Ferrari, der dauernd an seiner Tabakpfeife zieht und stets in einem roten Pullover steckt.

Unter seinen Kunden finden sich auch immer mehr junge Leute, die die gute Qualität des Kaffees schätzen. "Es ist erfreulich, dass immer mehr junge Leute sich wieder für die Tradition interessieren." Doch es werde immer schwieriger, gegen die großen Firmen anzukommen, da viele Leute seit der Erfindung der Kaffeekapseln, von den Bohnen auf die Kapseln umgestiegen sind. "Da kann ich nur existieren, indem ich etwas mache, was niemand macht. Unsere Existenz ist die Tradition."

An den Rösttagen, jeden Montag und Donnerstag, ist auch das Kafi-Lädeli von Renato Ferraris Frau Bethli geöffnet. Dort findet man ein Sortiment kulinarischer Geschenkartikel: von Gewürzen, Tee und Konfitüre hin zu Pasta und Tessiner Risottoreis samt Rezept.

Die jungen Leute, die bei Renato Ferrari kaufen, treffen hier auf eine Welt, die sie so nicht mehr kennen: Die alten Maschinen und dieses kleine, traditionelle Lädeli. "Der Besuch im Caffé Ferrari ist ein Erlebnis, im Gegensatz zu den modernen Großfilialen, wo man einfach durchgeschleust wird. Die Leute haben genug von der Masse, das ist einfach zu viel", meint Renato Ferrari. In seinem Kundenkreis findet man auch eine gewisse Prominenz. Die ehemalige Schweizer Velosportlegende Ferdi Kübler ist 94 Jahre alt und und kommt alle zwei Wochen, um seinen Kaffee abzuholen, und auch der Komiker Viktor Giaccobo ist ein langjähriger Käufer des gerösteten Kaffees aus Dietikon.

Vor zehn Jahren sah Renato Ferrari, der selbst keine Kinder hat, sein Lebenswerk aber in Gefahr. "Plötzlich sagte mir mein Neffe Mike Schärer, wir müssten ins Internet. Ich wusste gar nicht, was das ist." Aber kaum hatten sie die Website installiert, kam ein Brief vom Autohersteller Ferrari, unterschrieben vom Präsidenten Cordero di Montezemolo höchstpersönlich. "Er drohte mir einen Prozess an, wenn ich mein Logo nicht umgehend ändern würde." Obwohl die Firmenlogos sich nicht sehr ähnlich sahen, forderte di Montezemolo, dass er nun seinen traditionellen Schriftzug von Ferrari Caffè zu Caffé Ferrari ändern müsste mit einer Tasse in der Mitte, damit Renato Ferrari nicht auf die Idee käme, ein Pferd, das Symbol von Ferrari, als Logo zu benützen. Da sich Renato Ferrari nicht im Markenschutz eingetragen hatte, musste er nachgeben. "Gegen Ferrari hast du keine Chance", sagt er. Neben der Änderung seines Logos, musste er auch für die hohen Anwaltskosten aufkommen. "Insgesamt hat mich das etwa 50 000 Franken gekostet."

Doch das ist nun vergessen. Obwohl er gerne von der Vergangenheit erzählt, schaut er lieber in die Zukunft. Denn diese sei für die kleine Firma gesichert. Sein Neffe Mike Schärer wird die langjährige Tradition in ein paar Jahren übernehmen. "Wenn es die Gesundheit zulässt, werde ich in meiner Rösterei tätig sein, bis ich 90 bin."

Informationen zum Beitrag

Titel
Renato Ferrari liebt das langsame Rösten
Autor
Francesco Gazzotti
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2013, Nr. 276, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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