Die Tannen täuschen ihn nie

Der kleine Peter lief ins Tal, um dem Vater zu berichten, was die Ameisen tun: Eilen sie, dann regnet es, und die Heuernte ist in Gefahr. Längst ist Peter Suter in der Schweiz ein kluger Wetterkenner.

Um neun Uhr morgens umschleiert leichter Hochnebel die Felsen des Weilers Ried, die Sonne steht schon etwas höher am Himmel. Ried gehört zur Gemeinde Muotathal, die wiederum im Muotatal liegt, einem innerschwyzer Bergtal. Peter Suter, auch "der Sandstrahler" genannt, wohnt in einem kleinen Haus mit einem hübschen Garten, das direkt an der Hauptstrasse von Ried steht. Er selbst sagt, er sei ein Wetterfrosch. Suter ist einer der sechs bekannten innerschwyzer Wetterfrösche, die Beobachtungen in der freien Natur für ihre Wetterprognosen nutzen.

Da die Menschen früher keinen Radio hatten, mussten sie schon als Kinder auf Wetterzeichen achten. "Es war für die Bauern bedeutend zu wissen, wie das Wetter ausfällt", sagt er, sich räuspernd. Heute erledigen Computer die Arbeit für den Wetterbericht. Suter war früher der Laufbursche der Familie und lief ins Tal, wo sein Vater das Gras mähte, wieder zurück auf die Alp, wo die Mutter arbeitete. Was tun die Waldameisen, wo sind die Schnecken, und wie pfeift der Vogel? Das waren Fragen, die er seinem Vater beantworten musste. Es war wichtig, am Abend zu wissen, ob in der Nacht der Regen kommt. Denn das Heu musste trocken sein, bevor man es einbringen konnte.

Peter Suter ist ein 86 Jahre alter Mann, den man jünger schätzt, weil er ziemlich fit unterwegs ist. Während einer vierstündigen Wanderung muss er sich nur einmal setzen und ausruhen. Suter sitzt am Esstisch im Wohnzimmer, das mit Holzmöbeln eingerichtet ist. Er trägt ein blaugraues Hemd, hat ein freundliches Lächeln und blaue Augen. In seinem rechten Ohr trägt er ein Hörgerät. Er hat immer einen Witz auf Lager. An seiner Uhr ist ein kleiner Kompass eingebaut, aber den braucht er in den Bergen nicht, nur in den Städten, wenn die Sonne nicht scheint.

Als er vor 66 Jahren von zu Hause weg ging, lernte er das Sandstrahlen und arbeitete in seinem Beruf zehn Jahre lang in Schwyz, bevor er sich 1962 selbstständig machte. Um acht oder neun Uhr morgens, wenn die Sonne scheint, schaut er auf die großen Haufen der schwarzen Waldameisen. "Auf diese kann man sich irrsinnig gut verlassen", sagt er schmunzelnd. Es ist ein gutes Zeichen, wenn sie normal arbeiten. Aber falls sie herum eilen, muss man im Tal mit Regen rechnen. Und sind beim allerschönsten Wetter nur einzelne Ameisen draußen, schneit es in weniger als zwei oder drei Tagen, im Sommer sogar unter 2000 Meter.

Suter war oft mit einer Gruppe Wanderern in den Bergen unterwegs. Meistens stellte er eine andere Prognose auf als der Wetterbericht. Viele Male glaubten ihm seine Begleiter seine Vorhersage nicht, doch er behielt immer recht.

Die Schnecken sind insofern ein Zeichen, weil sie je nach Wetter in die Gebüsche oder auf die Bäume kriechen. Sieht man viele von ihnen in den Bergen auf dem Boden kriechen, ist es gut möglich, dass es regnen wird. Bei den Vögeln variiert der Ton des Pfiffs. Da die Tiere ein so gutes Gespür haben, was das Wetter angeht, muss Suter nur auf die Zeichen achten. "Auf eine gewisse Höhe muss man schon hinauf, etwa auf 1400 bis 1600 Meter."

Stolz erwähnt er, dass seine Mutter oft den Schnee vorausgesagt hat und es dann wirklich geschneit hat. Sie wusste es nur, weil sie auf das Zwitschern der Vögel gehört hatte. "Meine Prognosen stimmen größtenteils. Klar, manchmal kann eine danebengehen, aber dieses Phänomen kennen wir ja auch von der heutigen Wettervorhersage." Der Unterschied zwischen seinem Hobby und der Meteorologie besteht darin, dass er auf die Tier- und Pflanzenwelt schaut, während die wissenschaftliche Meteorologie unter anderem die Temperatur und Windgeschwindigkeiten misst.

Seit 1947 existiert der Verein der Innerschwyzer Meteorologen. Der Verein wurde aufgrund von vielen Streitereien zwischen Bauern gegründet. Sie sagten das Wetter vom Herbst schon im Frühling richtig voraus, konnten dies jedoch nicht beweisen. Jeder, der eine Halbjahresprognose hat, muss diese aufschreiben. Zweimal im Jahr präsentieren sie diese mit viel Humor verbundenen Wettervorhersagen an den öffentlichen Vereinsversammlungen. Der Verein zählt heute etwa 3000 Mitglieder plus die Gruppe der sechs Hobbymeteorologen.

Natürlich suchen sie nach jungen Nachfolgern, dies gestaltet sich schwieriger als erhofft. Etwas nervös spielt Suter mit den Bügeln seiner abgenutzten Brille. Entweder fehle das Interesse junger Menschen an dem Hobby, oder es verhält sich wie bei seinen sieben Kindern, die dieses Hobby nicht in der Öffentlichkeit ausüben wollen. Ab und zu hört man durch die halboffene Balkontüre die Autos und Motorräder vorbeifahren. Auf dem Feld versuchen zwei junge Katzen Mäuse zu fangen.

Im Herbst schaut Suter, wie die Bäume das Laub verlieren: schnell und alles auf einmal, oder langsam und nur vereinzelt an den Spitzen der Äste. Falls im Herbst noch einmal Frühlingsblumen blühen, ist dies ein Zeichen für einen späten Frühling. Im Tal kann man dies leider nicht mehr beobachten, da alles überdüngt ist. Ebenfalls beobachten kann man, wie sich die Murmeltiere vor ihrem Winterschlaf verhalten. Oder wann und wie große Erdhügel die Mäuse stoßen. Die Katzen sieht man nicht so gerne im März in der Sonne liegen, denn dies weist auf einen kälteren Mai hin. "Die Natur hat so viele Wetterzeichen, man müsste nicht auf dem Mond forschen gehen", meint er lachend.

Ab Mitte Juni sind abgeknickte Tannenspitzen, auch wenn es nur eine Tanne unter vielen ist, ein Regenzeichen für den nächsten Morgen. Auf die Tannen kann er sich immer verlassen, sie haben ihn noch nie getäuscht. Der Hauptfaktor, der bei dem Ganzen mitspielt, ist die Sonne, und von ihr hängt die Luftfeuchtigkeit ab. Ein kleines Hilfsmittel ist ein kleiner Tannenast, der an ein Brett genagelt wird und je nach Luftfeuchtigkeit sich nach oben oder unten biegt und ihm somit anzeigt, wie das Wetter wird. Wenn beim Wanderweg am Mittag noch einzelne Steine nass sind, deutet das auf Regen am Abend hin. Ein gutes Regenzeichen sind auch Wasserleitungsröhren, die kaltes Wasser führen und außen nass sind.

Suters Rentnerdasein genießt er, weil er viel Zeit zum Wandern hat. Nach dem Aufstehen schaut er als Erstes aus dem Fenster. Einige Dinge muss er über Jahre beobachten, um zu wissen, ob sich die Veränderungen auf das Wetter beziehen oder nicht. "Ich habe immer etwas zu tun, und wenn nicht, dann gehe ich in die Natur. Nichtstun ist ungesund." Am allerliebsten geht er alleine wandern, denn in Gesellschaft ist er langsamer.

Angenommen, es ist wunderschönes Bergwetter, und es herrscht seit etwa fünf bis zehn Minuten Windstille, stehen die Zeichen gar nicht gut. Es entsteht eine ganz eigenartige Stimmung, eben die Ruhe vor dem Sturm. "Wenn ein Windstoß stärker als normal ist, regnet es meistens in drei Stunden." Ein ganz schlechtes Zeichen wäre es, wenn die Schwalben schon Ende August in den Süden fliegen würden. "In den Bergen hat das Rauschen des Baches zwei oder drei Stunden vor dem Gewitter einen anderen Ton. Es gibt viel mehr Zeichen vom schönen ins schlechte Wetter als umgekehrt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Tannen täuschen ihn nie
Autor
Michelle Lorgé
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2013, Nr. 282, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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