Einige Pflanzen vertilgen bevorzugt Fruchtfliegen

Sonderbare Pflanzen stehen aufgereiht in Metallregalen. Einige haben lange Tentakel, übersät mit kleinen Drüsen, die durchsichtige, klebrige Tropfen absondern. Andere erinnern an nach oben wachsende, rot geäderte Schläuche mit Deckel, die zur Hälfte mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt sind, in der tote Fliegen schwimmen. Von der Decke hängen Körbe mit Pflanzen, deren Blattenden wie Kannen geformt sind. Auf dem Grund eines Aquariums bilden hellgrüne Pflänzchen eine Art Unterwasserrasen. Die Luft im kleinen Raum ist feuchtwarm und erinnert an tropischen Regenwald.

"Am bekanntesten ist wohl die Venusfliegenfalle", sagt Frank Rudolf, während er auf eine Pflanze zeigt, deren Blattspitzen in Klappen umgewandelt sind, auf deren Rändern nadelähnliche Fortsätze sitzen. Landet ein Insekt in der geöffneten Klappe, die einen guten Landeplatz vorgaukelt, schließt sie sich innerhalb von Sekunden, das Tier ist wie in einem Käfig gefangen, und die Pflanze kann es in Ruhe verdauen.

Frank Rudolf ist Gründer und Besitzer der Gärtnerei Carnivor-Plants in Kreuzwertheim in der Nähe von Würzburg. Der 33-Jährige verkauft fleischfressende Pflanzen, die auch als Karnivoren oder Insektivoren bezeichnet werden. Sie können mit ihren umgewandelten, spezialisierten Blättern kleine Tiere fangen und verdauen. So sichern sie in der Natur an nährstoffarmen Standorten wie beispielsweise in Mooren ihre Nährstoffversorgung und haben anderen Pflanzen gegenüber einen Vorteil.

"Soviel ich weiß, ist mein Laden der einzige in Deutschland, der ausschließlich Insektivoren verkauft. Man kann diese zwar auch in Baumärkten erwerben, allerdings nur neben vielen anderen Pflanzen und in beschränkter Auswahl", sagt Rudolf stolz. Nach der Schule studierte er Betriebswirtschaft in Würzburg und ist heute hauptberuflich als Einkäufer in einem Industrieunternehmen tätig. Vor zehn Jahren erwarb er in einem Baumarkt seine erste fleischfressende Pflanze, die seine Leidenschaft weckte. "Ich bin ein Quereinsteiger. Mein Gartenwissen habe ich mir selbst angeeignet."

Der Laden mit den großen Schaufenstern war ursprünglich nur als Lagerraum für die vielen fleischfressenden Pflanzen gedacht. Denn auf die erste Pflanze folgten bald viele weitere. "Meine Fensterbretter waren schon vollgestellt, und auch den Speicher meiner Eltern hatte ich ausgeräumt, um Platz für Neuzugänge zu schaffen. Da erschien mir ein Lagerraum als ideale Lösung", berichtet der kleine, kräftige Mann mit dunklen, kurzen Haaren und dem kurzen Kinnbart.

Da Frank Rudolf den Laden als Hobby nebenberuflich führt, ist er nur freitagnachmittags geöffnet. "Nur mit der Laufkundschaft, zwei bis drei Leute in der Woche, würde das Geschäft nicht funktionieren. Jeden Monat werden aber über 200 Pakete mit Pflanzen an weit entfernte Kunden versendet - manchmal sogar nach Italien oder Griechenland. Sie bestellen über unsere Homepage." Der weltweite Versand der Pflanzen ist wegen der strengen Einfuhrbestimmungen vieler Länder nicht möglich. Ein Grund dafür ist, dass die Karnivoren unter Naturschutz stehen.

Frank Rudolf züchtet seine Pflanzen, die er auf Tauschbörsen oder über Züchterkollegen erworben hat, selbst weiter. Er hat einen Garten mit zwei großen Gewächshäusern und einem Moorbeet und vermehrt seine Pflanzen über Samen, Stecklinge und Ableger. Daneben beantwortet er Fragen und gibt Ratschläge zur richtigen Pflege. Zurzeit schreibt er ein Buch über seine Erfahrungen, das im nächsten Herbst erscheinen soll.

"Insektivoren müssen als Sumpfpflanzen sehr feucht gehalten werden. Am besten eignet sich dafür das Anstauverfahren, bei dem der Blumentopf in einem großen Untersetzer steht, der ständig mit Wasser gefüllt ist", rät der Experte, der im Sommer täglich nach der Arbeit in seinen Laden geht, um die Pflanzen mit Wasser zu versorgen. Es darf allerdings nicht mit Leitungswasser gegossen werden, da dies zu viel Kalk enthält. Die Pflanzen müssen destilliertes Wasser oder Regenwasser bekommen. Auch gewöhnliche Blumenerde vertragen sie nicht. Deshalb verkauft Frank Rudolf ein Spezialgemisch aus Sand und Torf, das einen niedrigen pH-Wert hat, also sauer ist wie an den natürlichen Moorstandorten der Pflanzen.

"Füttern muss man die Pflanzen nicht, wie viele Kunden zuerst denken. Sie fangen sich ihre Tiere selbst." Bei der Beute handelt es sich vor allem um kleine Insekten wie Fliegen, Käfer oder Ameisen. Einige Kannenpflanzen vertilgen bevorzugt Fruchtfliegen und sind daher im Sommer in der Nähe von Obstschalen nützlich. "Manche ganz großen Kannenpflanzen schaffen auch größere Tiere bis hin zu kleinen Affen. Bei einem meiner Kollegen waren einmal Mäuse in der Kanne, was dann entsprechend gestunken hat." Bei ihrer Jagd nach Beute unterscheiden die Pflanzen nicht zwischen Nützlingen und Schädlingen, und so fallen ihnen oft Bienen, Hummeln und kleine Libellen zum Opfer. "Interessant ist noch, dass die Blütenstengel der fleischfressenden Pflanzen sehr lang werden und sich die Blüten so weit entfernt von den Fallen befinden. Die Blütenbestäuber, auf die die Pflanze angewiesen ist, sollen nicht in die Fallen tappen", erklärt er begeistert.

Viele Menschen haben die wildesten Vorstellungen über fleischfressende Pflanzen und werden zu Kunden. "Ich muss aber oft erklären, dass keine Gefahr für kleine Kinder oder Haustiere besteht. Fleischfressende Pflanzen sind keine Menschenfresser. Auch giftig sind die Pflanzen nicht."

Im Laden verkauft er auch Samentütchen. Bei der Aussaat muss beachtet werden, dass alle Insektivoren Lichtkeimer sind, was bedeutet, dass die Samen nicht mit Erde bedeckt werden dürfen.

"Eine meiner Lieblingspflanzen ist der Zwergkrug", sagt Rudolf und zeigt auf eine kleine, unscheinbare Pflanze, die winzige Krüge mit Deckel hat und zwischen dem Moos im Topf kaum auffällt. "Sie ist die teuerste Pflanze und kostet zwanzig Euro." Es braucht ein paar Jahre, bis eine solche Pflanze ausgewachsen ist. Außerdem ist die Kultivierung der Zwergkrüge nicht ganz einfach: "Das Substrat darf nie austrocknen, aber auch nicht dauerhaft feucht sein. Hinzu kommt, dass die Krüge kein Wasser von oben vertragen, sobald sie nämlich nass werden, sterben sie schnell ab." Zum Glück sind nicht alle Insektivoren so anspruchsvoll. Das Hobby sollte mit einer einfacheren Anfängerpflanze wie zum Beispiel der Drosera capensis, einem subtropischen Sonnentau, oder der Sarracenia purpurea, einer winterharten Schlauchpflanze, begonnen werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einige Pflanzen vertilgen bevorzugt Fruchtfliegen
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2013, Nr. 282, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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