Für Mutter Erde und Onkel Sam kämpfen

Im Navajo-Reservat auf dem Colorado Plateau erinnert ein Museum an die Geschichte der Indianer im Zweiten Weltkrieg. Ein ehemaliger Code Talker erinnert sich an seinen Einsatz.

Die Wolken werfen vereinzelt kühlende Schatten in die rote Wüste. Trotz der späten Nachmittagsstunde ist es brütend heiß. Es riecht nach Wüste, ein würziger Duft geht von unzähligen Sträuchern aus. In der Ferne sieht man die ersten Buttes des Monument Valley. Inmitten der Western-Idylle liegt das Städtchen Kayenta. Auf dem Parkplatz des Kayenta Inn Motels fällt eine Fahne auf, die unterhalb der amerikanischen weht. Sie erinnert an eine Kinderzeichnung: Auf beigem Grund überspannt ein Regenbogen eine Landfläche. Die Karte bildet einen Teil der Staaten Utah, Arizona, New Mexico und Colorado ab, erkennbar am "four corners point", wo sie aneinandergrenzen. Umringt ist die Fläche von vier Bergen.

Ein Indianer stellt sich als Marshall vor und erklärt, dass das die Fahne der Navajo-Nation ist. Er ist 1,70 Meter groß, hat dunkles, mittellanges, zerzaustes Haar und trägt ein ebenso zerzaustes Bärtchen. Auf seinen faltigen Wangen sprießen Barthaare. Sein Gesicht ist von Wind und Wetter geprägt. "Die Karte zeigt das Gebiet des größten Indianerreservates in Amerika. Die Berge stehen für die vier heiligen Berge der Navajo: Der Blanca Peak im Osten, die San Francisco Mountains im Westen, der Hesperus Peak im Norden und der Mount Taylor im Süden. Der Regenbogen symbolisiert die Souveränität des Navajo-Reservats."

Marshall erzählt, dass sein Volk heute seine eigenen Gesetze und einen Präsidenten hat. Das Reservat sei wie ein souveränes Land innerhalb der Vereinigten Staaten. Es ist mit knapp 70 000 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie die Schweiz und hat wunderschöne Landschaften. Eine ist das Monument Valley. Die Leute im Reservat sind trotz der unübersehbaren Armut überwiegend freundlich. Marshall ist heiter und kommt aus dem Erzählen nicht heraus. Er hat einen eigentümlichen Akzent. Sein Englisch erinnert an das eines Hawaiianers oder Indonesiers. Es klingt abgehackt. Hinzu kommt ein nasaler Ton, der der Sprache etwas völlig Eigenes verleiht.

Stolz zeigt er ein Türkis-Halsband. So verdient er seinen Lebensunterhalt: Er verkauft wie unzählige andere indianischen Schmuck an kleinen Ständen am Straßenrand. Natürlich kaufen wir das gute Stück mitsamt einem ordentlichen Trinkgeld als Dank für seine Geschichte. Sich vielmal bedankend, verabschiedet er sich und weist auf das Navajo Code Talker Museum hinter dem Burger King hin. Er habe beim Bau mitgeholfen. Dort könne man etwas über die Geschichte der Navajos während des Zweiten Weltkriegs erfahren. Am nächsten Morgen gehen wir ins Museum. Im Grunde handelt es sich um eine Ansammlung von Hogans, die traditionellen, runden Lehmhütten der Navajo. Der Eingang zeigt aus spirituellen Gründen immer in Richtung Osten, wo die Sonne aufgeht. Inmitten der Hogans steht ein etwas größerer, aus rohen Baumstämmen gezimmerter Schuppen, in dem sich das kleine Museum befindet. In Vitrinen sind alte, japanische und amerikanische Gewehre und Andenken aus dem Zweiten Weltkrieg ausgestellt. Plakate an den Wänden erzählen die Geschichte der Navajos im Krieg.

1941 traten die Vereinigten Staaten von Amerika offiziell in den Zweiten Weltkrieg ein. Für die Ureinwohner Amerikas bestand keine Wehrpflicht. Sie wohnten in ihren Reservaten, friedlich und in Sicherheit, weit ab von den blutigen Schlachtfeldern. Trotzdem meldeten sich viele Navajos freiwillig zum Militär. Sie wollten für ihr geliebtes "Mutterland" kämpfen. Mit "Mutter Erde" ist nicht die Nation, sondern das Land im Sinne des Bodens, der Pflanzen, der Landschaft gemeint. Die Indianer wurden als Funker ausgebildet. Parallel dazu wurde ein Funk-Code entworfen, denn die Japaner hatten inzwischen Übung, den amerikanischen Code in englischer Sprache zu knacken. Der neue Code basierte wie auch der alte auf einer einfachen Vertauschung, bei dem ein bestimmtes Wort die Bedeutung eines anderen erhielt. So stand Schildkröte zum Beispiel für Panzer. Nun wurde in der Indianersprache gefunkt. Der Navajo-Code war geboren. Er wurde nie geknackt und spielte eine wichtige Rolle für den erfolgreichen Ausgang des Krieges. Das Rezept war so simpel: Die Sprache der Navajo wurde nur von ihnen gesprochen und verstanden, und sie lebten nur in diesem einen Reservat. Die Japaner hatten keine Chance, etwas zu verstehen.

Einer dieser Navajo Code Talker ist Peter MacDonald, sr. Er tauchte plötzlich auf. Sofort versammelt sich eine kleine Menschenmenge, um ihm als Ehrerweisung die Hand zu schütteln. Trotz seines hohen Alters macht er eine gute Figur in der beigen Uniform, die mit Auszeichnungen dekoriert ist. Er lächelt, während er zu den Leuten spricht: "Ich wuchs hier im Reservat auf. Als der Krieg ausbrach, wollte ich wie viele andere Navajos auch für unser Land kämpfen. Obwohl ich erst fünfzehn war, mogelte ich mich zu den Marine Corps. Ich diente von 1944 bis 1946 und war während des Zweiten Weltkrieges im Südpazifik und Nordchina im Einsatz. Mein Bruder fiel beim Angriff auf Saipan. Er war auch ein Code Talker."

In seiner Stimme schwingt Stolz mit. "Wir waren immer dort im Einsatz, wo die Funknachrichten topsecret sein mussten. Das war sehr gefährlich." Die Funker mussten während Kampfhandlungen ständig bei der Truppe bleiben, um die Kommunikation sicherzustellen. So waren sie zum Beispiel für das Anordnen von Verstärkung, Luftunterstützung oder das Durchgeben von Zielkoordinaten an die Artillerie verantwortlich. Ständig dem Feindfeuer ausgesetzt, waren sie unbewaffnet und mussten das schwere, unhandliche Funkgerät schleppen, während links und rechts Granaten einschlugen. Sie hatten bloß einen bewaffneten Leibwächter zur Seite, der für ihre Sicherheit und ihr Überleben verantwortlich war. Sollten sie in Gefangenschaft geraten, hatten sie den Befehl, Selbstmord mittels Zyankali zu begehen, um den Code unter Folter nicht preisgeben zu können.

"Kennen Sie den Film Wind Talkers mit Nicolas Cage?", fragt MacDonald. "Wenn Sie sich für die Code Talkers interessieren, sollten Sie sich den Film anschauen. Er spiegelt die Realität von damals sehr genau wider." Der Beitrag der Indianer zum Erfolg im Pazifikkrieg erstaunt, wenn man bedenkt, dass sie für dieselbe Nation in den Krieg zogen, die sie hundert Jahre zuvor verfolgt, ihrer Heimat beraubt und in ein kleines Reservat gesteckt hatte.

Informationen zum Beitrag

Titel
Für Mutter Erde und Onkel Sam kämpfen
Autor
Kim Nipkow
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2013, Nr. 288, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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