Verdingkinder wurden auf Auktionen versteigert

Ein kleiner Junge kauert im Heu. Plötzlich öffnet sich die Stalltür. Ein Mann nähert sich mit einem Ledergurt, schlägt auf ihn ein und beschimpft ihn. Unter dem Trailer zum Film "Der Verdingbub" von Markus Imboden auf der Internetplattform Youtube gibt es viele empörte Kommentare. Solche Szenen waren in der Schweiz nicht mehr als zwei Generationen vor uns gang und gäbe. Es ist die traurige Geschichte der Verdingkinder. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhundert hatten es alleinerziehende Frauen schwer, sich und ihre Kinder über die Runden zu bringen. Außerdem gab es lange keine Sozialversicherung für Familien. So kam es, dass viele Kinder von den Behörden in Kinderheime, auch Rettungsheime genannt, gesteckt wurden. Kinder wurden den Eltern weggenommen, zum Beispiel wegen einer unehelichen Geburt oder wegen Armut der Eltern, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall oder Tod eines oder beider Elternteile.

Im 20. Jahrhundert waren davon mehr als 100 000 Kinder betroffen. In den Heimen mussten sie hart arbeiten und wurden mit Schlägen bestraft. Landwirtschaftliche, harte körperliche Arbeit galt als positives Erziehungsmittel. Schule und Ausbildung wurden von den Behörden bewusst vernachlässigt, denn generell galt die Meinung, dass ein sozialer Aufstieg für Verdingkinder sowieso nicht in Frage kämen. In der Schweiz wird dieses traurige Kapitel aufgearbeitet, seit sich noch lebende Verdingkinder in Dokumentarfilmen, Büchern und Zeitungen geäußert haben. Auch Historiker beschäftigen sich mit der Aufarbeitung dieser Schicksale. So wie Thomas Huonker, Deutschlehrer in Zürich und als einer der zehn Vertreter der Opferseite Teilnehmer am runden Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen in Bern. Der 59-Jährige hat seit 1985 Kontakt mit Jenischen, die als Kinder von der Pro Juventute ihren Eltern entrissen und in Heime gesteckt wurden. "Sie erzählten in ihren Interviews, die ich im Buch ,Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe' publiziert habe, von der üblen Behandlung, der sie an vielen Orten ausgesetzt waren", berichtet er. "2002 arbeitete ich die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen in der Stadt Zürich auf und begegnete dabei den Lebenswegen weiterer Heim- und Verdingkinder, die oft später administrativ eingewiesen oder psychiatrisiert wurden."

Oft wurden die Kinder vom Kinderheim als Arbeitskraft in Bauernfamilien gegeben. Den Familien wurde dann vom Staat ein Pflegegeld für das Kind gezahlt. Bis etwa 1920 wurden die Kinder sogar auf Auktionen versteigert. Die Bauern, die am wenigsten Pflegegeld für das Verdingkind wollten, bekamen es. Manche Kinder wurden wie Sklaven gehalten, während die eigenen oft bevorzugt wurden. Sie hatten meist besseres Essen, bessere Kleidung, mussten weniger arbeiten. Es wurde ihnen auch oft unbestraft Spielraum belassen, die Verdingkinder zu plagen und ihnen für Streiche die Schuld zu geben, die sie selber verübten. Viele Verdingkinder wurden misshandelt, geschlagen, teilweise missbraucht. Weil sie manchmal schon vor dem Frühstück stundelang mähen, füttern und misten mussten, waren sie in der Schule müde. Sie wurden auch ausgelacht, weil sie in Lumpen, barfuß oder mit Holzschuhen direkt aus dem Stall in die Schule gehen mussten und entsprechend rochen. Statt Hausaufgaben zu machen, mussten sie weiter arbeiten. Oft wurden sie gezwungen die Schule zu schwänzen, um zu arbeiten. Viele absolvierten nur das schulische Minimum. Eine Lehre kostete bis in die fünfziger Jahre Lehrgeld, das kaum je für sie aufgewendet wurde. Man ging davon aus, dass sie Knechte, Mägde, Dienstpersonal oder Hilfsarbeiter werden sollten.

Huonker setzt sich für die Rechte ehemaliger Verdingkinder ein: "Ich will Gerechtigkeit und Gehör für Menschen, die lange aufs Übelste entrechtet und missachtet, vielfach auch ausgebeutet und missbraucht wurden. Und ich will deutliche Hinweise darauf geben, wie es in der Erziehung, insbesondere in Heimen und Pflegefamilien, nach Möglichkeit nie mehr zugehen sollte."

Mümliswil im Kanton Solothurn ist ein hübsches Dorf. Hier steht ein Gebäude mit rundem Anbau, das an ein Lagerhaus erinnert. Das idyllisch gelegene, ehemalige Kinderheim wurde kürzlich zur nationalen Gedenkstätte erklärt. Die Guido-Fluri-Stiftung, die sich unter anderem gegen Gewalt an Kindern einsetzt, hat das Heim gekauft. Mit Hilfe von Thomas Huonker hat die Stiftung hier ein Museum entstehen lassen, das bei der Aufarbeitung der Geschichte der Verdingkinder helfen soll. Von den Zuständen, in denen einige Kinder lebten, erfuhr niemand viel. Viele verschlossen einfach die Augen davor, die Kontrollinstanzen waren meist dieselben Stellen, die die Kinder vermittelten. Bei den angekündigten Kontrollen spielten die Bauern den Beamten gern einen Alltag vor, der keineswegs der Realität entsprach. Sie bekochten den Kontrolleur gut, gaben dem Verdingkind neue Kleidung und behandelten es gut. Die Kinder selbst beklagten sich grundsätzlich nie über ihre Situation, meist weil ihnen gedroht wurde, sie würden bestraft.

"Es wird nun einen runden Tisch zur Aufarbeitung dieser Geschichte geben. Dort sollen die weiteren Schritte, die nach der Entschuldigung, juristischen Aufarbeitung, Aktenrichtigstellung und Entschädigung endlich auf der Tagesordnung stehen, geregelt werden, unter Einbezug von Vertretern der Opfer- wie der Täterseite", berichtet Huonker. Viele der ehemaligen Verdingkinder verlangen vom Staat eine Wiedergutmachung in Form eines Schmerzensgelds. Das sei "nur gerecht", findet er. Kinder, die in Heimen oder an Privatplätzen ausgebeutet wurden, seien auch in anderen Ländern entschädigt worden. Viele blieben gesundheitlich fürs Leben gezeichnet. "Die Leiden der Kinder können mit Geld nicht aufgehoben und weggezaubert werden, aber in einem Rechtsstaat steht allen, die geschädigt wurden, auch Entschädigung zu." Für viele kommt diese Entschädigung zu spät.

Informationen zum Beitrag

Titel
Verdingkinder wurden auf Auktionen versteigert
Autor
Sophie Sturzenegger.
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2013, Nr. 288, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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