Auf Feldzug mit römischen Hobby-Soldaten

Unterwegs mit der Gruppe Numerus Brittonum

Pergite- folgt", ertönt es. Abrupt setzt sich der Trupp in Bewegung. Der Kies knirscht unter den benagelten, antiken Ledersandalen. Die eisernen Kettenhemden rasseln leise, die goldenen Helme glänzen in der Mittagssonne. "Drei, Schritt, drei, Schritt", geht der Marsch der Gruppe Numerus Brittonum in flottem Tempo voran. Ein etwa 140 Kilometer langer Feldzug steht den Hobby-Soldaten bevor. Die Gruppe ist eine auf die alten Römer spezialisierte Unterabteilung des Historischen Vereins in Welzheim. Es geht darum, Geschichte am eigenen Leib zu erfahren. Der Feldzug, der im August durch ehemaliges germanisches Territorium führt, ist für Interessierte aller Altersklassen offen. Teilnehmer aus ganz Deutschland haben den Selbstversuch gestartet. Es ist auch erlaubt, mit Wanderschuhen und Trekkingstöcken mitzulaufen statt in Römermontur. Nach einer Auftaktveranstaltung im Limesmuseum Aalen führt der Weg in acht Tagesetappen bis nach Osterburken, das etwa 80 Kilometer westlich von Heidelberg liegt. Während Pferdehufe und nägelbeschlagene Sandalen auf dem Asphalt klappern, müssen die verdutzten Autofahrer in ihren stählernen Quadrigen anhalten.

"Wir marschieren in den Stiefelspuren des Kaisers Caracalla und seines Heeres, der vor 1800 Jahren, also 213 nach Christus, hier den Limes überschritt, um einem Hilfegesuch der Germanen nachzukommen", erklärt Andreas Schaaf, einer der Initiatoren. Der 31-Jährige mit den kurzen, braunen Haaren trägt über seinem sandfarbenen Leinengewand ein feingliedriges Kettenhemd, darunter eine weite Stoffhose. Seine Füße stecken in Ledersandalen und Wollsocken. Über der Schulter hängt eine Ledertasche. Auf den Rücken hat er einen ovalen Schild geschnallt. Am roten Gürtel ist sein Langschwert befestigt. Ähnlich sind seine 20 Kameraden gekleidet. Bis zu 30 Kilogramm kann die Ausstattung wiegen und weit über tausend Euro kosten.

Jedem ist ein Name zugewiesen. "Mein Römername ist Flavius Iulius Pervincus. Wir verwenden keine Fantasienamen. Sie sind alle durch Inschriften belegt. So schenken wir den toten Namen wieder Leben." Vor eineinhalb Jahren begann der Religions- und Geschichtslehrer mit anderen Geschichtsbegeisterten mit der Planung des Jubiläumsfeldzugs. Zur Vorbereitung gab es zwei Übungsmärsche. "Dadurch wurde ich so gefordert, dass für mich jede weitere sportliche Aktivität, wie der Besuch eines Fitnessstudios, überflüssig wurde", sagt der 35 Jahre alte Verwaltungsbeamte Ralf Barth, der in die Rolle des Lucius Aurelius Titius Iulianus, eines einfachen Soldaten, geschlüpft ist. "Am anstrengendsten ist das hohe Gewicht des Gepäcks. Ich genieße das befreiende Gefühl, wie die alten Römer ganz nah an der Natur zu leben und mal von der ganzen Elektronik wegzukommen." Dennoch befindet sich im Marschgepäck vieler ein Handy.

Der Weg führt über das freie Feld. Die mitgeführten Lasttiere am Ende des Zuges beginnen langsam zu bocken. Der 47 jährige Karl-Heinz Köppel, alias Caeso Callius, hat Mühe, seine Pferde in Zaum zu halten: "Ich bin seit 2010 mit der Gruppe unterwegs und interessiere mich für die Pferde und Reiterei Roms. Eigentlich bin ich Entwicklungsingenieur, aber mein Hobby ist das Geländereiten. So eine Expedition ist etwas anderes als eine normale Reiterreise." Als Reiter dürfe er ausnahmsweise einen Helm aus dem ersten Jahrhundert statt aus dem dritten tragen: "Ich probiere viel aus und habe feststellen müssen, dass mit dem Standardhelm der Pedes das Unfallrisiko zu groß ist, da er die Bewegungsfreiheit einschränkt." Auch sein Kettenhemd ist kürzer, da es sonst hoch zu Ross hinderlich wäre.

Nicht nur für die Tiere ist der Feldzug eine ungewohnte Herausforderung, auch die ersten Soldaten klagen über Blasen an den Füßen. Alle sind erleichtert, als Rast gemacht wird. Bequem wie es die alten Römer nicht hatten, warten hier Autos mit kühlem Wasser und Snacks. "Je nachdem wie die Jagd in den Supermärkten gelaufen ist, gibt es abends im Lager auch Fleisch zu essen. Daneben stärken wir uns auch durch traditionelle Speisen und Getränke, wie beispielsweise den Puls, einen Getreidebrei, oder Posca, mit Essig versetztes Wasser, dem Energy Drink der Antike", sagt Andreas Schaaf.

Übernachtet wird in Leinenzelten, die in Einvernehmen mit den Kommunen auf Sportplätzen aufgeschlagen werden. Im Falle eines Kälteeinbruchs ist der wärmende Schlafsack erlaubt. "Gesundheit ist unser oberstes Gebot. Alles hat seine Grenzen. Der Feldzug soll ja Spaß machen und nicht zur Tortur werden. Wir geben aufeinander Acht. Man überschätzt seine Kräfte schnell und merkt selbst nicht, dass man eigentlich nicht mehr kann", fügt er hinzu. Als die Blasen an den Füßen zweier junger Soldaten nicht mehr auszuhalten sind, entschließen sich die beiden notgedrungen, den Rest der Strecke im Auto zurückzulegen. Dennoch sind sie entschlossen, die nächsten Tage weiterzumarschieren.

Die Gymnasiastin Corinna Lamatsch in der Rolle der Cara will auch bis zum Ende dabei sein. "Seit drei Jahren bin ich Mitglied des Numerus Brittonum. Meine Familie unterstützt mich, und meine Freunde finden mein Hobby interessant." Ihr knielanges, ockerfarbenes Hemd wird von einer Kordel zusammengehalten, dazu trägt sie eine graue Stoffhose und Römersandalen, die sie von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Die 16-Jährige gehört zum Ziviltross, der die Nachhut der Truppe bildet.

Ob es in dieser Nacht eine Wache geben wird, ist noch unklar. Alle sollen sich ausreichend erholen können, denn spätestes um acht Uhr morgens ist Aufbruch. Erschöpft und mit Vorfreude auf die abendliche Mahlzeit bewältigt die Gruppe die letzten Schritte der 14 Kilometer langen ersten Tagesetappe und erreicht die Überreste des ehemaligen Römerkastells in Rainau. In Sekundenschnelle ist das Marschgepäck abgelegt, und die ausgelaugten Wanderer lassen sich ins Gras fallen. Dennoch sind alle froh, dabei zu sein. "Wir machen Geschichte lebendig."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Feldzug mit römischen Hobby-Soldaten
Autor
Alina Schlien und Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2013, Nr. 288, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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