Es juckt, sie kratzt

Manchmal ist es so schlimm, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen kann. Dann bin ich ununterbrochen am Kratzen. Morgens finde ich dann viele neue aufgekratzte und entzündete Stellen. Wenn ich einen starken Schub habe, kann es passieren, dass ich mehrere Nächte hintereinander kein Auge zumache", sagt Maja Kaiser, die nach dem Abitur Biologie studieren möchte. Die 19-Jährige ist klein und zierlich, unter ihren langen braunen Haaren kann sie die geröteten Stellen am Hals verdecken. Seit ihrer Geburt leidet sie an Neurodermitis. "Man gewöhnt sich an das Eincremen der trockenen und aufgekratzten Stellen zweimal am Tag, auch wenn es manchmal nervt. Die Symptome sind seit der Pubertät schon viel besser geworden. Als Kleinkind war ich übersät von entzündeten Stellen. Man kann sich nicht vorstellen, was ich schon alles an Therapien und Salben ausprobiert habe", sagt Maja, während sie ihre geröteten Stellen an den Armbeugen, Kniekehlen sowie am Hals und den Handrücken zeigt. Neurodermitis, auch atopisches oder endogenes Ekzem genannt, ist eine in den Industrieländern verbreitete nicht ansteckende Hautkrankheit. Betroffen sind sechs Millionen Menschen nach Angaben des Bundesverbands Neurodermitiskranker in Deutschland. Die genaue Ursache der Krankheit ist noch nicht erforscht, angenommen wird, dass es durch einen genetischen Enzym-Defekt zu einer Stoffwechselstörung kommt. Das Krankheitsbild hängt vom Alter des Betroffenen ab. Maja war als Dreijährige sechs Wochen auf Fehmarn in Kur, begleitet von ihrer Mutter, die auch an Neurodermitis leidet, und von ihrem Bruder, der damals starken Keuchhusten hatte. Allen dreien hat der Aufenthalt gutgetan. "Im Kindergarten wurde ich von den anderen Kindern wegen meiner offenen Stellen gehänselt, wodurch ich psychische Probleme bekam. Daraufhin war ich ein Jahr in Behandlung bei einer Kinderpsychologin. Meine Mutter hat alles versucht, meinen Juckreiz zu stillen, Unmengen von verschiedenen Cremes, Salben und Lotionen haben ich ausprobiert. Manche helfen einige Wochen, und dann hört ihre Wirkung wieder auf. Bachblüten, Aloe Vera, Fettcreme, Feuchtigkeitscreme, Kortisonsalben, alle habe ich schon ausprobiert. Als Kleinkind hat meine Mutter mir nachts die Arme und Beine mit Stoffbinden verbunden, meine Schlafanzugärmel vorne zugebunden oder mir Handschuhe angezogen, immer in der Hoffnung, dass ich nicht kratze. Nichts hat geholfen. Die Binden habe ich im Schlaf aufgemacht und die Handschuhe ausgezogen." Das Schlimmste an allem sei der Juckreiz. Es juckt, sie kratzt, die Haut entzündet sich, es juckt wieder, und sie kratzt, ein schrecklicher Kreislauf. Die Erkrankung tritt meistens in Schüben mit unterschiedlicher Stärke und Dauer auf, auslösende Faktoren können Stress, Nahrungsmittel oder Schwitzen sein, manchmal gibt es aber auch keinen erkennbaren Grund. Meistens haben Patienten auch noch Allergien. Wie auch Maja. Sie ist gegen Tierhaare und Baumblüten allergisch. "Trotzdem haben wir schon immer Katzen, Hunde und Pferde zu Hause. Meine Mutter hat mir nie den Kontakt zu den Tieren verboten, sie hat nur versucht, meine Abwehrkräfte in Maßen zu strapazieren. Beispielsweise haben wir uns beim Kauf eines Hundes für eine Rasse entschieden, die keine Haare verliert, außerdem durften er und unsere Katzen nicht in mein Zimmer, und meine Pferdekleidung musste ich immer in der Waschküche ausziehen." Vor wichtigen Situationen hat Maja oft starke Schübe. "Aber es ist kein Problem mehr für mich, mit meiner Krankheit zu leben, es könnte mir viel schlechter gehen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Es juckt, sie kratzt
Autor
Irina Eckhard, Weidiggymnasium, Butzbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2010, Nr. 250 / Seite N6
Projekt
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