Willkommen und rasch integriert

Das große Holzhaus, das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer, der schlafende Hütehund auf dem Teppich - eigentlich erscheint alles normal bei Familie Andorfer im hessischen Wermertshausen bei Marburg. Erst bei der Begrüßung hört man den französischen Akzent der schlanken, dunkelblonden Frau. "Der macht sie doch erst einzigartig", sagt ihr Mann Ralf. Er ist der Grund, weshalb Valerie mit 23 Jahren nach Deutschland gezogen ist. Kennengelernt haben sie sich durch die Arbeit im Bereich der Kältetechnik, nach einem Jahr Fernbeziehung entschieden sie sich, zusammenzuziehen. Dabei fiel die Wahl auf Deutschland, da Valerie Deutsch spricht und hier eine Arbeitsstelle in Aussicht hatte. Der Schritt war für ihre Familie und besonders für ihre Zwillingsschwester ein Schock, da Valerie eine starke Bindung zu ihrer Familie hat, die in der Nähe von Lyon lebt. "Meine Hochzeit wollte ich daher bei meiner Familie in Frankreich feiern."

Anfangs fühlte sie sich etwas einsam, doch als eine Nachbarin sie einlud, bei der Krabbelgruppe mitzumachen, fühlte sie sich in der Dorfgemeinschaft aufgenommen. "Franzosen sind in Deutschland immer willkommen." Auch der französische Akzent werde positiv aufgenommen. Anschluss zu anderen Franzosen in Deutschland habe sie bis jetzt nicht gefunden. Um dennoch ihre Muttersprache sprechen zu können, gibt sie Französischnachhilfe. "Manchmal fällt mir ein Wort nicht mehr ein, dann muss ich direkt meine Geschwister anrufen und nachfragen." Mitunter hat sie deutsche Ausdrücke wörtlich übersetzt, die man nicht im Französischen verwenden kann, wie zum Beispiel "vor Wut an die Decke gehen", so dass ihre Familie nicht verstand, wovon sie redete.

Kleinigkeiten wie französische Croissants, für die sie hier noch keine vergleichbaren gefunden hat, fehlen ihr im täglichen Leben. Valerie findet aber, "die Deutschen können richtig feiern", besonders für die Kinder seien Laternenumzüge, Fasching, Nikolaus und der Osterhase schön. Auch ihre Familie ist begeistert von den Faschingsumzügen und konnte gar nicht glauben, dass es Silvester viele große Feuerwerke gibt.

Valerie ist nicht die einzige Migrantin in ihrem 350-Seelen-Dorf Wermertshausen. Auch der Italiener Arturo Pellolio lebt hier. Er hat sich entschieden, es seinem Bruder gleichzutun und nach Deutschland einzuwandern. Damit ist er einer der italienischen Einwanderer, die 4,2 Prozent aller Migranten in Deutschland ausmachen. Nach seinem Schulabschluss kam er 1977 mit nicht einmal 15 Jahren ins hessische Marburg, um bei seinen älteren Cousins in deren Pizzeria zu arbeiten. Damals wie heute sei die Chance, in Deutschland einen Job zu bekommen, höher als in seinem Heimatort am Comer See. Schon mit 13 Jahren verbrachte er seine drei Monate Schulferien als Tellerwäscher, Kellner und teilweise sogar als Koch in einer Pizzeria in Deutschland.

Die Freiheit, die er ohne seine Eltern hatte, nutzte er. Durch Kontakt mit deutschen Jugendlichen und seine erste Freundin lernte er schnell Deutsch. Doch die Arbeit war hart, er musste täglich bis zu zwölf Stunden arbeiten, und die Beziehung zu seinem Cousin war eher wie die eines Chefs zu seinem Angestellten. Heutzutage sieht er das als gute Erfahrung an, da er Disziplin lernte und sein Ehrgeiz angespornt wurde. Das brachte ihn dazu, Geld zu sparen und sich seinen Traum zu erfüllen, sich mit einem eigenen Restaurant selbständig zu machen. "Unsere Eltern haben wir in den ersten Jahren selten gesehen, deshalb hatte ich damals großes Heimweh." Arturos Mutter war traurig darüber, ihre beiden Söhne gehen lassen zu müssen, doch genauso wie ihr Mann wusste sie, dass ihre Söhne in Deutschland eine sicherere, bessere Arbeitsstelle hatten. Ein Bus mit 40 Gästen aus Italien kam dann zur Hochzeit mit seiner Frau Anja nach Deutschland. Eine ökumenische Hochzeit hätte in Italien zu viel Bürokratie bedeutet. Gemeinsam zogen sie dann mit ihrer kleinen Tochter von Marburg in Anjas Heimatort Wermertshausen, nachdem sie dort das Haus ihres Großvaters geerbt hatte.

Auch Arturo fühlte sich in der Gemeinschaft schnell integriert. "Das ging fast automatisch, weil meine Frau aus dem Ort kam, und ich bin gleich dem Angelverein und später auch der Freiwilligen Feuerwehr beigetreten." Arturo bereut es, seine Kinder nicht zweisprachig erzogen zu haben, was jedoch viele Italiener verpassen, wie er meint. Wenn der Vater einer bilingualen Familie tagsüber arbeite und die Mutter und das Umfeld nur Deutsch mit den Kindern sprächen, sei das schwierig.

Valerie hat ihre Kinder hingegen bilingual erzogen, sie spricht mit ihnen nur Französisch. Ihre älteste Tochter hatte Französisch in der Schule, musste jedoch nach einem Monat zu Latein wechseln, da sie unterfordert war. Valerie ist aufgefallen, dass das älteste Kind am besten französisch spricht, das zweite schon schlechter und der Kleinste am schlechtesten. Sie erklärt es damit, dass die Älteste allein mit ihren französischen Verwandten sprechen musste, was die Geschwister ihr überlassen konnten. Die Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Valerie sagt: "Ich würde auf keinen Fall meine französische Staatsbürgerschaft abgeben. Ich bin eine Französin, Punkt."

Arturo ist da gegenteiliger Meinung. Er hat zwar noch die italienische Staatsangehörigkeit, würde sie aber auch abgeben. "Deutschland ist für mich meine Heimat, nur nicht bei Fußballspielen, da ist immer Krieg. Das kommt wahrscheinlich durch das Sticheln mit den Deutschen, da muss ich zur Nationalmannschaft halten." Er fühlt als Deutscher und hat auch typisch deutsche Eigenschaften und Einstellungen. Das pünktliche Bezahlen von Rechnungen sei ihm zum Beispiel wichtig. Auch Valerie gibt zu, dass sie durch die mehr als 20 Jahre Deutschland etwas "deutscher" geworden sei.

Die lockere, gelassenere Mentalität ihrer Landsleute vermissen die Migranten zwar, aber sie wissen auch, dass sie in ihrer Heimat nur im Urlaub sind und es wahrscheinlich anders sähen, wenn sie dort wieder dauerhaft leben würden. Arturo findet, Deutschland solle sich nicht ändern und seinen Ruf bewahren. Gerade die fehlende Gelassenheit habe Deutschland vor einer Krisensituation wie in den südlicheren Ländern bewahrt. Beide Einwanderer wissen die deutsche Mentalität zu schätzen: "Wenn du in Deutschland die Polizei rufst, kommt sie auch!"

"Wenn samstags alle Deutschen die Straße fegen, denke ich mir: Macht ihr mal, ich gehe erst mal einen Prosecco trinken." In manchen Situationen dominiert bei Arturo ein Teil der italienischen Mentalität, "denn man arbeitet ja, um zu leben, nicht umgekehrt". Wenn Valerie wie jedes Jahr Weihnachten in Frankreich verbringt, muss sie Schokoladenzwieback, Brezeln und "Peitschen"-Würste mitbringen, die Familie sei "total scharf darauf". Auch Arturo muss Bratwürste, Schokolade, Schokoküsse und deutsches Bier mitbringen. Im Austausch nimmt er dafür Olivenöl, Parmesan und Kaffee mit zurück. Beide Einwanderer lieben das Essen ihrer Heimatländer. Valerie würde, gerade durch das steigende Alter ihrer Eltern, gerne näher bei ihrer Familie leben. Das hatte sie als junge Frau nicht bedacht. Arturo hingegen glaubt in Deutschland glücklicher zu sein, als er es in Italien hätte sein können.

Informationen zum Beitrag

Titel
Willkommen und rasch integriert
Autor
Kristin Becker
Schule
Gymnasium Philippinum , Marburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2013, Nr. 294, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180