Man lernt schon, das Leben zu schätzen

Ein bisschen Schnupfen, ein bisschen Fieber, nichts Dramatisches", so beschreibt der 22 Jahre alte Christian Prox aus Lauterbach im Vogelsbergkreis den Beginn seiner Krankheitsgeschichte. Erst als das Fieber steigt, wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Dort untersuchen die Ärzte sein Herz und stellen fest, dass seine Aortenklappe von Staphylokokken befallen ist, einem Bakterienstamm, der die grippeähnlichen Symptome hervorruft. "Die Staphylokokken haben mir innerhalb von sechs Tagen die Herzklappe komplett zerlegt, sie regelrecht zerfressen", sagt vier Monate nach seiner letzten Operation der mittlerweile durch die Krankheit schmal gewordene junge Mann. Vor seinem Krankenhausaufenthalt hielt er sich mit viel Krafttraining fit, sein Körper war muskulös und durchtrainiert. Nie wieder wird er seinen Sport so intensiv ausüben können. "Ich habe früher geboxt und Kraftsport gemacht, aber das ist nicht mehr drin, es geht halt nicht mehr", bedauert er. Seine Klamotten wirken zu groß für seinen Körper, und während er spricht, zuckt er immer wieder nervös mit seinem rechten Bein. Dennoch ist seine Stimme fest, und er wirkt gefasst, als er von seinen Operationen berichtet. Routiniert spricht er über Sauerstoffsättigung, mechanische und biologische Herzklappen und klingt dabei selbst fast schon wie ein Arzt. Er berichtet, wie ihm in einer ersten Notoperation eine künstliche Herzklappe aus Carbon eingesetzt wurde, die jedoch nach einer Woche wieder abriss. Auf die erste folgte eine noch größere, zweite Operation, bei der ein Teil der Aorta, der Hauptschlagader, entfernt und stattdessen eine Aortenprothese mit einer eingebauten Herzklappe eingesetzt wurde. Nach diesem Eingriff lag Christian sechs Tage im künstlichen Koma, da er an einer Blutvergiftung litt und einige seiner Organe den Dienst versagten, auch eine künstliche Beatmung war in dieser Zeit notwendig. Noch während Chris - wie ihn seine Freunde nennen - im Krankenhaus liegt, machen sich bei seiner Mutter die gleichen Symptome wie bei ihm vor der OP bemerkbar. Beide leiden offenbar von Geburt an dem gleichen Herzfehler, der ihre Herzklappen anfälliger für eine Infektion macht als die eines gesunden Menschen. Auch sie bekommt eine neue Herzklappe. Früher arbeitete Chris in einem Möbelhaus; da er dort viel Schweres tragen musste, kann er diesen Beruf nicht mehr ausüben. Auf die Frage, ob er Angst vor der Zukunft hat, antwortet er: "Klar hat man irgendwo Angst, dass wieder was passiert. Sobald das Herz ein bisschen schneller schlägt oder unregelmäßig. Oder dass man Grippe bekommt. Ich muss auf alles aufpassen." Er schlägt die Hände auf die Oberschenkel und lehnt sich nach vorne. Trinken und Rauchen, wie andere Menschen in seinem Alter, darf er nicht mehr. Auf Partys muss er darauf achten, nicht zu stark angerempelt oder umgeschubst zu werden. "Von außen sieht man ja nicht viel, außer die riesige Narbe auf der Brust", sagt er. Wenn er den Leuten seine Geschichte erzählt, erhält er die unterschiedlichsten Reaktionen. "Die Leute sind erst mal geschockt, weil ich ja auch noch so jung bin, mit Anfang zwanzig haben so was nicht viele, sie wissen nicht. was sie sagen sollen." Es kommen aber auch blöde Sprüche und dumme Witze, dennoch gibt er sich großzügig: "Die verstehen einfach nicht, dass das so schnell passieren kann. Was soll ich sagen? Die wissen halt nicht, wie sie reagieren sollen, denk ich mal. Ich nehme es ihnen auch nicht übel." Dennoch ist das die Ausnahme. Die meisten Menschen reagieren betroffen auf den jungen Mann, der so selbstverständlich über sein Schicksal spricht. Früher dachte Chris nie ans Sterben, doch seit seiner Krankheit hat er Respekt vor dem Tod, nimmt die Tatsache, fast gestorben zu sein, jedoch, gelassen: "Mit einem Schnipp isses rum, da kannste nichts machen", grinst er und streicht sich über das kurze Haar. Gleich darauf wird er aber wieder ernst. "Man lernt schon das Leben zu schätzen, man sieht nicht mehr alles als selbstverständlich an, was man hat", flüstert er nach einer Weile. "Für die meisten ist das ja alles selbstverständlich: Die stehn morgens auf, machen ihren Scheiß und denken aber nicht drüber nach, dass das irgendwann mal einfach so vorbei sein könnte, wegen einer Krankheit oder sonst irgendwas." Obwohl er sein ganzes Leben lang Medikamente nehmen muss, will sich Christian so wenig wie möglich von seiner Krankheit beeinflussen lassen. "Es könnte sein, dass die Klappe nach vierzig Jahren ausgetauscht werden muss, aber ich hoffe einfach mal, dass sie mein Leben lang funktioniert."

Informationen zum Beitrag

Titel
Man lernt schon, das Leben zu schätzen
Autor
Jana Hoffkamp, Marienschule, Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2010, Nr. 250 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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