Sie war längst in ihrem Herzen verankert

"Ein Adoptivkind hat eine Familie, eine Zukunft und eine Perspektive. Und auch den Eltern wird ein Herzenswunsch erfüllt", sagt Marc Losenegger. Er und seine Frau haben zwei Kinder adoptiert.

Nur noch zwei Minuten bis zur Landung des Fliegers aus Addis Abeba. Die buntgemischte Gruppe, die sich in der Ankunftszone des Flughafens Zürich versammelt hat, schaut immer wieder auf die Anzeigetafel. Dann öffnet sich die Schiebetür, und da sind sie: ein junges Pärchen, sie mit einem Baby, das in ein rotes Tuch gewickelt ist, er den Trolley mit dem Gepäck schiebend. Die Frauen und Männer der Gruppe winken freudig, spannen Plakate auf, schwenken Ballone. Die vielen Kinder hüpfen auf und ab. Das Mädchen im Arm der blassen blonden Frau hat kaffeebraune Haut und schwarze, feine Locken. Ihr Mann ist ebenfalls blond mit grünen Augen hinter einer unauffälligen Brille. Das Mädchen schläft, das Paar wirkt übernächtigt, aber beide strahlen und lassen den Freudentränen ihren Lauf. "Etwas Großes war geschafft, und etwas Großes lag vor uns. Ein unvergesslicher Moment", erinnert sich die heute 37-jährige Barbara Losenegger, Mutter von zwei adoptierten Kindern, an ihre erste Rückkehr aus Äthiopien. Die dreijährige Noemi schaut vergnügt ihrem elf Monate alten Bruder Yonas zu, wie er versucht, sich am weißen Sofa hochzuziehen, um nach dem Plüschelch zu greifen. Marc Losenegger, ein 38-jähriger IT-Techniker, setzt sich neben seine Frau auf das Sofa und sagt: "Es gab nie eine definitive Diagnose, dass wir keine Kinder haben können." Der Arzt riet Barbara und Marc Losenegger, so schnell wie möglich weitere Schritte in Richtung künstliche Befruchtung zu unternehmen. "Die Adoption lag uns aber gefühlsmäßig immer näher", sagt Barbara Losenegger, die heute zu 20 Prozent als Pflegefachfrau arbeitet. So meldete sich das Ehepaar bei "Pro Kind" an, einer Schweizer Adoptionsstelle, die Kinder aus Äthiopien vermittelt. "Es gibt viele Adoptionsstellen, doch Pro Kind kannten wir bereits von Freunden, zudem ließen dunkelhäutige Kinder unser Herz schon immer höher schlagen", sagt Barbara Losenegger. Bevor sie ein Adoptionsgesuch bei der Zentralbehörde für Adoption stellen konnten, mussten sie einen Vorbereitungskurs besuchen. Danach gab es viele Formulare, Gespräche, Gesundheitstests, psychologische Gutachten, Sozialberichte einer zugewiesenen Sozialarbeiterin, Motivationsschreiben. Nachdem alle Bewilligungen ausgesprochen und alle Dokumente zusammengetragen waren, warteten sie auf einen Kindervorschlag. Nach 13 Monaten war es so weit. "An Marcs Geburtstag erhielten wir den Vorschlag für Noemi mit einem Foto von ihr. Ich traute mich den ganzen Tag nicht, den Brief ohne ihn zu öffnen", erinnert sich Barbara Losenegger, während sie ein "Zvieri", eine kleine Zwischenmahlzeit, vorbereitet. Kurz darauf flog das Ehepaar in die äthiopische Hauptstadt und kehrte zwei Wochen später mit Noemi in die Schweiz zurück, empfangen von Familie, Freunden und Bekannten, die ebenfalls Kinder adoptiert haben. Danach hatte das Paar für ein Jahr den Status von Pflegeeltern. Während dieser Zeit wurden sie immer wieder von einer Sozialarbeiterin besucht, die sie als "geeignete" Adoptiveltern empfahl. "Das Warten war für uns die schwierigste Zeit, da man sich bei Ländern wie Äthiopien nie sicher sein kann, ob die Adoption auch wirklich klappt", sagt Marc Losenegger und drückt seiner Tochter einen Apfelschnitz in die Hand, "Barbara schaute das Foto immer wieder an, und so war Noemi schon in unserem Herzen verankert, noch ehe wir sie zum ersten Mal sahen." Kaum waren sie in Addis Abeba gelandet, durften sie das Kinderheim besuchen und Noemi zum ersten Mal in ihre Arme schließen. "Es ging alles sehr schnell", sagt Barbara Losenegger, "als wäre es ein Film, der im Schnellzugtempo an uns vorbeizieht. Sehr viele Eindrücke, sehr viele Emotionen - wie bei einer Geburt." Äthioppien war das erste Drittweltland, das die beiden, die seit zehn Jahren verheiratet sind, besuchten. "Die Armut in den Straßen von Addis war in den ersten Tagen erdrückend. Dabei sind die Menschen dort aber sehr freundlich, herzlich und lebensfroh." Ihr erstes Kind wurde etwa zwei Tage nach der Geburt vor einem Gesundheitszentrum zurückgelassen, sie ist also ein Findelkind. Das ist in Äthiopien verboten, und daher war die Chance, die Eltern zu finden, gering. "Wir konnten den Ort besuchen, wo Noemi gefunden wurde, und haben nach Hinweisen zu den Eltern gefragt, natürlich vergeblich."

Zu Hause in Dürnten, einer ländlichen Gemeinde im Zürcher Oberland, hat sich die kleine Familie schnell eingelebt. "Bei einer Adoption ist man mehr als neun Monate lang schwanger und macht sich viele Gedanken über die zukünftige Familie. Dies führt dazu, dass man vielleicht auch ein bisschen weniger überrumpelt wird vom neuen Leben", meint Marc Losenegger. Noemi hat sich als ein zufriedenes Kind herausgestellt und ist der Sonnenschein im Haus. "Grundsätzlich wünschten wir uns immer zwei Kinder, trotzdem wollten wir uns Zeit lassen und schauen, wie es mit Noemi geht", sagt er. Nach 15 Monaten stellten die beiden ein zweites Adoptionsgesuch. "Dieses Mal verlief alles etwas ruhiger und weniger emotional, da wir den Ablauf bereits kannten", sagt seine Frau. Zu Turbulenzen kam es dennoch während der Wartezeit, da die Regierung in Addis Abeba die Adoptionen inzwischen einstellte und bis heute nur in sehr reduzierter Anzahl zulässt. Doch im Land würden nur wenig Kinder adoptiert, und die Kapazität der staatlichen Kinderheime reiche nicht aus. "Leidtragend sind die zurückgebliebenen Kinder, für die es keine Lösung gibt. Ein Adoptivkind hat eine Familie, eine Zukunft und eine Perspektive. Und auch den Eltern wird ein Herzenswunsch erfüllt. Für uns ist das eine Situation, in der alle gewinnen", findet Marc Losenegger. Als das Paar trotz Adoptionsstopp einen Kindervorschlag erhielt, war es sehr bewegt. Noemi wurde während ihrer zweiten Reise von den Großeltern betreut. "So konnten wir unsere Aufmerksamkeit voll und ganz Yonas schenken, so wie wir es vor drei Jahren bei Noemi taten", sagt Barbara Losenegger. Yonas wurde im Hinterhof einer Wohnsiedlung von einem Polizisten gefunden, da war er zwischen zehn und zwanzig Tage alt. Er kam zunächst in ein staatliches Kinderheim. Dort teilen sich drei Kinder ein Bett. Die Hygiene ist schlecht, Yonas bekam eine Lungenentzündung und wurde wie Noemi ins Kids Care gebracht.

"In unserem Haus gehen wir ganz offen mit dem Thema Adoption um, da es die Kinder bei einem Blick in den Spiegel sowieso sehen", sagt Marc Losenegger, und seine Frau fügt hinzu: "Wir haben ein Fotobuch über die Reise zu Noemi gemacht, und das ist ihr absolutes Lieblingsbuch. Auch für Yonas erstellen wir ein solches Buch. Außerdem haben wir für beide Kinder ein Tagebuch über den Adoptionsprozess geschrieben, vielleicht interessieren sie sich eines Tages dafür."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie war längst in ihrem Herzen verankert
Autor
Aline Metzler
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2013, Nr. 299, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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