Hannah hat in Ghana gelernt zu schätzen, was sie hat

Ein Dorf an Ghanas Westküste. Die Straßen sind staubig, an Wellblechhütten kann man Essen und Wasser in Plastiktüten kaufen. Zwischen den Einheimischen sind vier weiße Mädchen, unter ihnen die Münchnerin Hannah Simon. "Mit meiner Hautfarbe hatte ich während meines ganzen Aufenthalts keine Probleme. Die Ghanaer unterscheiden zwar zwischen Schwarz und Weiß, aber eigentlich ist ihr Motto ,Zwei Farben - ein Herz'. Vor allem am Anfang hat mich dieser Leitspruch wirklich fasziniert." Das blonde Mädchen verbrachte vier Monate in Ghana. Der Anfang fiel ihm schwer.

"Wir sollten eine Einführungswoche in der Hauptstadt Accra haben, um Ghana und seine Bevölkerung besser kennenzulernen. Unter anderem standen ghanaisches Kochen, Stadttouren und auch so etwas wie von Hand-Waschen und Nähen auf dem Programm. Doch statt selbst zu kochen haben wir nur zugeschaut, die Stadttouren waren mehr oder weniger ein zehnminütiger Vortrag." Die 19-Jährige hatte sich bei einer deutschen Organisation für ein landwirtschaftliches Projekt angemeldet, nach der Einführungswoche wurde ihr jedoch mitgeteilt, dass sie in einer Schule in Have Atome in der Volta-Region unterrichten müsse. "Vorbereitungen gab es nicht, uns wurde nur gesagt: Geht in die Klasse rein und unterrichtet." Beschweren hielt sie für unnötig: "In Ghana haben die Menschen so viel weniger als ich, da helfe ich, wo ich kann." Auch dass Weiße meist den doppelten Preis zahlen, wenn sie Taxi fahren, nimmt sie mit einem Schulterzucken hin. Die Ghanaer wissen, dass Europäer oder Amerikaner mehr Geld haben.

"Trotzdem kann man sich in Ghana auf nichts wirklich verlassen. Das Verkehrssystem ist in der Volta-Region ganz anders, zweimal am Tag fährt ein sogenannter Trotro, der aussieht wie ein alter VW-Bus, nur mit mehr Plätzen. Einer fährt in der Früh, einer am Abend, aber das kann immer sein. Das heißt, man wartet, und wenn man dann mal in einem Trotro sitzt, kann es gut sein, dass man neben sich jemanden mit einem Huhn auf dem Schoß sitzen hat." Ein größeres Problem stellt das fehlende Gesundheitssystem dar, vor allem bei den örtlichen Wasserbeständen. "Ich habe dort gelernt zu schätzen, was man hat. In dem Dorf, in dem ich drei Monate lang versucht habe, 30 zwei- bis achtjährigen Kindern auf Englisch Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, obwohl die Jüngeren gerade mal ihre Muttersprache Twi beherrschten, gab es außer der wunderschönen Natur mit Wasserfällen, Weiden und Wiesen weder Strom noch fließendes Wasser. Wenn man aufs Klo musste, ging man in den Busch oder auf die einzige Toilette im Dorf, die einem Plumpsklo glich." Während man sich in Europa darüber unterhalte, ob man statt eines iPhones lieber ein Samsung Galaxy S3 haben solle, sei dort von Bedeutung, dass man anstatt Wasser aus dem Dorftümpel Wasser aus der Leitung trinken könne.

"Der Schulalltag war hart für mich. Am Anfang habe ich überhaupt nicht gewusst, was ich machen soll. Wir vier Mädchen haben uns überlegt, wie wir das am besten schaffen können, und angefangen, ihnen Farben und andere grundlegende Dinge beizubringen. Auch das war schwierig, da die einzigen Farben, die sie beim Namen kannten, Schwarz und Weiß waren, auf Twi obibini und obruni." Im Gegensatz zu Deutschland sei es völlig normal, Weißhäutige als obruni zu bezeichnen und sie so zu nennen. "Man wird grundsätzlich mit: Du bist willkommen, Weißer, gegrüßt, und es ist für alle Seiten okay."

Hannah fiel es schwer, die Schüler auseinanderzuhalten und ihre Namen zu lernen, weil die ghanaischen Namen sich sehr von den europäischen Namen unterscheiden. Sie war froh, als sie nach drei Monaten nach Akwakwa in die Zentralregion geschickt wurde. In dem Waisenhaus, in dem sie mit einem Mädchen aus Zürich arbeitete, gab es Toiletten und Strom. "Morgens haben wir die Kinder geweckt und mit ihnen Wasser geholt aus einem Tümpel, der für sie der heiligste Ort ihrer Region war. Als Weiße durften wir dort nicht mit Schuhen hin, da dieser Ort für sie so wichtig ist wie ihre Kirche, die man auch nicht mit Schuhen betreten darf. Während die Kinder in der Schule waren, haben wir ihre Wäsche von Hand gewaschen oder aufgeräumt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hannah hat in Ghana gelernt zu schätzen, was sie hat
Autor
Veronika Anselm.
Schule
Elsa-Brandström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2013, Nr. 299, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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