Aufstieg mit Ball und Bildung

An der Wand hängt ein Antilopengeweih, darunter stehen Vasen im Safaridekor. Ein Blick ins Wohnzimmer und der Duft von Rooibostee verraten: Hier lebt jemand mit einer Vorliebe für Afrika. "Das Geweih ist ein kunstvolles Mitbringsel meiner letzten Südafrikareise", sagt Christian Schulze. Der Facharzt für Sport- und Allgemeinmedizin aus Winterburg im Landkreis Bad Kreuznach lernte das Land kennen, als er 1998 als Student im Praktischen Jahr in einem Township-Krankenhaus in Manenberg, einem Stadtteil von Kapstadt, arbeitete. Nach einem Autounfall, verschuldet durch einen alkoholisierten Dritten, lag er eine Woche lang im Koma. Der Faszination für das Land tat der schlimme Unfall keinen Abbruch. Seither reist Schulze jährlich nach Kapstadt, um elternlosen und armen Jugendlichen zu helfen. Neben den Vasen steht das Foto eines Jungen, der frech in die Kamera grinst. "Das ist Michael", sagt Schulze. "Ihm hat das Projekt besonders geholfen, Fuß zu fassen und ein neues Leben zu beginnen." Zum Beispiel das Fußballprojekt vor drei Jahren, als hundert Jugendliche Schulhöfe aufräumten, Gebäude renovierten und Bewässerungsanlagen reparierten. "Die Jugendlichen hatten sichtlich Spaß an ihrer Arbeit und wurden nach Gesprächsrunden rund um das Thema Menschenrechte am Ende mit einer gemeinsamen Mahlzeit und einem Fußballturnier belohnt", berichtet der Arzt, der auch finanziell die Stiftung Amandla EduFootball unterstützt.

Diese hat es sich unter ihrem Gründer Florian Zech zur Aufgabe gemacht, soziale Ungerechtigkeit in Südafrika zu bekämpfen. "Amandla steht für Stärke. Das ist es auch, was wir erreichen wollen - die Jugendlichen von Kapstadt in ihren Sozialkompetenzen und dem Verständnis von humanitären Werten spielerisch zu stärken." Bildung durch Fußball: Durch die Fusion von Sport- und Bildungsprogrammen finden die Jugendlichen einen Ausweg aus Armut, Gewalt und Kriminalität. "Wichtig ist mir, dass langfristige Perspektiven entstehen. Wir helfen den Kindern, die sich in einer Negativspirale aus mangelnder Beschäftigung, Drogen, Obdachlosigkeit, fehlendem Zukunftsglauben, Elternlosigkeit, Bandenkriminalität und Gewalt befinden, auszubrechen und zeigen ihnen Zukunftsperspektiven auf."

Auch Michael war ein Bandenmitglied und in Drogendelikte und Messerstechereien verwickelt. Um aus der Szene herauszukommen, wurde er in einer Drogenentzugsanstalt von Amandla untergebracht. Er spielte dort wie jeder andere auch Fußball, um seine ziellose Energie aufzufangen. Doch seine Aggressivität behielt er auf dem Platz: "Nachdem der Schiedsrichter eine nach Michaels Empfinden falsche Entscheidung fällte, drohte er, den Schiedsrichter umzubringen", berichtet Schulze. "In mehr als 30 Einrichtungen, Waisenhäusern, Heimen, Drogenentzugsanstalten kümmern wir uns um mehr als 3000 Jugendliche."

"Fair-Play" nennt sich das Konzept, nach dem die Heranwachsenden auf das Leben vorbereitet werden sollen. Im Fußballtraining sieht man, wie Mädchen und Jungen ihre Energien für den sportlichen Ehrgeiz einsetzen und miteinander üben, Frustrationen wie eine Niederlage zu bewältigen. Motiviert werden sie durch ein Punktesystem: "Uns ist es wichtig, dass nicht nur sportliche Erfolge ausgezeichnet werden. Wir vergeben vor allem Punkte an jene Mannschaften und Spieler, die sich durch Kommunikationsfähigkeit und einen respektvollen Umgang verdient machen. Wir fördern über den Fußball den Charakter."

Die zweite große Säule, auf der das Konzept von Amandla aufbaut, sind die Gespräche in Teams, Gruppen und mit den Trainern. Dabei trainieren und unterrichten sowohl Amandla-Trainer die Spieler als auch sogenannte Senior-Youth-Leader, die selbst aus Mannschaften stammen und sich durch Führungsfähigkeit auszeichnen. Auch Michael hatte eine Stärke, die ihn auszeichnete. Seine Führungsqualitäten machten ihn zum akzeptierten Mannschaftskapitän und sicherten ihm so einen Platz im Leadership-Programm. So lernte er, seine Aggressionen zu kontrollieren, Verantwortung zu übernehmen und künftig in seinem Leben etwas erreichen zu wollen. Und das mit Erfolg: "Michael ist jetzt drogenfrei, abgeklärt und strahlt vor Vitalität", freut sich der 39-jährige Mediziner.

Die drei Jahre im Leadership-Programm machten aus dem Kriminellen einen lebensfrohen, selbstbewussten Mann. "Heute verdient Michael als Kfz-Mechaniker sein eigenes Geld und ist finanziell selbständig. Er sagte, wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, über den Fußball an den Programmen von Amandla teilzunehmen, wäre er heute wahrscheinlich tot", erzählt Schulze und wirft dabei noch einmal einen Blick auf das Foto des Jungen. In den Gesprächen erarbeiten die Teilnehmer Strategien, um Probleme zu lösen, und lernen im Austausch mit ehemaligen Bandenmitgliedern die andere Seite vom Kap kennen.

Besonders erfolgreich war das Sommerferienprogramm: Ehemalige Bandenmitglieder klärten die Kinder über die Gefahren der Kriminalität auf. Schulze erinnert sich: "uTa Botha war eines dieser Gangmitglieder. Seine Geschichte bewegte die Zuhörerschaft und schreckte zugleich ab. Mcebisi, einer der Teilnehmer, sagte anschließend, es sei besser, sich mehr auf die Schule zu konzentrieren oder Fußball zu spielen." Der Mediziner wird Amandla weiterhin mit seiner jährlichen Spendenaktion "Dr. Schulze verdoppelt" unterstützen. Indem er die Höhe gesammelter Spenden verdoppelt, konnte er in den vergangenen vier Jahren mit 70 000 Euro helfen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Aufstieg mit Ball und Bildung
Autor
Alexander Ess
Schule
Lina-Hilger-Gymnasium , Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2013, Nr. 299, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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