Küssend unter Konfettiwolken

Feuerwerksfontänen schießen in die Luft, und die Menschen am Times Square schreien euphorisch durcheinander. Silvester in New York

I love you New York! And you!", lallt Lea (Namen wurden geändert) lachend, als sie in die Arme eines verwirrt dreinschauenden, jungen Mannes stolpert, der sie gerade noch an ihrer Calvin-Klein-Felljacke festhält und vor einem Sturz in die nächste, dreckige Pfütze rettet. Die siebzehnjährige Deutsche lacht laut und nuschelt undeutlich "sorry", als sie dem hübschen, brünetten Mann, der eine dicke Winterjacke trägt, die Hälfte ihrer Sky-Wodka-Flasche über die beige Leinenhose kippt, während sie versucht, auf ihren hochhackigen, kniehohen schwarzen Lederstiefeln Halt zu finden. "Lea, komm mit! Eva wartet schon auf uns", meint Rosa liebevoll, während sie sich bei ihrer Schwester unterhakt. Ihr Gesicht mit den großen, grünbraunen Augen, der spitzen Nase und dem zarten Kinn hat wie Leas feine orientalische Züge. Lea, die in einem Dorf in der Nähe von Karlsruhe wohnt, besucht ihre Schwester über Silvester in New York. Die Schwester wohnt in Murray Hill, Manhattan, in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung und studiert am Lee Strasberg Theatre and Film Institute Schauspiel.

Jedes Jahr findet am Silvestertag eine Riesenparty in New York auf dem Times Square statt. Menschen aus der ganzen Welt reisen jährlich zu der spektakulären Feier. Lea prostet dem jungen Mann, der nun einen nassen Wodkafleck auf seiner Hose hat, breit grinsend zu und streicht sich energisch mit der freien Hand eine ihrer braunen langen Locken aus dem Gesicht. "Eigentlich hätte man schon mittags auf dem Times Square sein müssen, um einen guten Platz zu bekommen, aber wir dachten, wir probieren es mal, wenn wir um 21 oder 23 Uhr gehen."

Vor einem der silbernen Absperrgitter, die sich ungefähr über 17 Blöcke um den Times Square verteilen, wartet ihre Cousine Eva, die schon ungeduldig wippt. Mit aller Anstrengung drücken und schieben sich Rosa und Lea durch die Mengen von Leuten, die alle euphorisch durcheinanderschreien und immer wieder von Neuem verschiedene Lieder grölend anstimmen. Die drei haben fast keinen Platz zum Stehen, weil alle Leute sich zu den Absperrungen zum Times Square drängen. Grelle Polizeisirenen und Hupen mischen sich unter das laute Stimmengewirr der Menschen. Insgesamt 1500 New York Police Department Officers kontrollieren die Absperrungen. Als die drei an der Absperrung vorbeiwollen, werden sie jedoch von drei schwarzblau uniformierten Polizisten forsch angehalten und dezidiert darauf hingewiesen, dass sie niemanden mehr zum Times Square durchlassen dürfen.

Eva kommt aus Kalifornien und arbeitet in einem Juweliergeschäft. Sie kann andere ziemlich gut und schnell von einer Sache überzeugen. So fängt sie auch gleich an mit den Polizisten zu diskutieren. Die angeheiterte Lea sitzt inzwischen vor dem Absperrgitter auf dem mit Zigarettenstummeln übersäten feuchtkalten Asphalt. Der Inhalt ihrer Handtasche liegt sorgsam ausgebreitet um sie herum. Ihr schwarzes Blackberry thront auf roten Lederhandschuhen, auf dem Lippenstift stecken ihre zwei goldenen Ringe. Tief atmet sie die rauchige eiskalte Luft ein. Zwanzig Minuten später lassen die genervten Polizisten die drei jungen Frauen widerwillig durch. Lauter Protest macht sich aus der Menge breit, vor Wut schreien einige den drei Frauen wüste Beschimpfungen hinterher. Mitarbeiter von Nivea, dem Sponsor, werfen blaue, zylinderförmige Hüte mit breiter Krempe in die Menge. Auf ihnen steht in weißer Druckschrift "Times Square 2012, prepare to be kissed". Lea fängt einen der Hüte, setzt ihn sich schief auf den Kopf und hakt sich bei Eva und Rosa lachend ein.

Lady Gaga, Justin Bieber, Nicki Minaj, Cree-lo Green und andere Stars treten auf. Auf einem riesigen Bildschirm können auch die Nachtschwärmer aus aller Welt hinter den Barrikaden der Polizei die Feier auf dem hell erleuchteten Times Square mitverfolgen. Ein in allen Farben leuchtender "Times Square New Year's Eve Ball" mit mehr als 30 000 integrierten Lichtern gleitet 23 Meter an einer Stange herab, die sich in 400 Meter Höhe an einem Hochhaus befindet. Die Menge wird langsam immer angespannter und schreit laut: "Ten, Nine, Eight, Seven, Six, Five, Four, Three, Two, One!" Mit jeder weiteren Sekunde schießen rote und orangefarbene Feuerwerksfontänen in die Luft, der Ball wandert im Sekundentakt langsam an der Fahnenstange entlang, während ein lautes Ticken zu hören ist. "Happy New Year, New York!"

Unter gigantischen Konfettiwolken fallen die Menschen sich um den Hals, küssen und umarmen sich schreiend. Rosa singt laut "New York, New York" von Frank Sinatra mit, das ohrenbetäubend über den Times Square schallt, tanzt mit den Händen in der Luft im Kreis und lächelt über das ganze Gesicht.

Mit ihrem Hut in der Hand sitzt Lea neben den beiden auf dem mit Konfetti übersäten, nassen Boden. Ihr Gesicht hat die Farbe von einem weißen Blatt Papier, schnell hält sie sich die Hand vor den Mund, zieht ihre Schwester am Mantel und übergibt sich geräuschvoll in den Hut. "Happy New Year!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Küssend unter Konfettiwolken
Autor
Soluna Anderer
Schule
Gymnasium Karlsbad , Karlsbad
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2013, Nr. 303, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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