Der Iceman stellt Fallen und fällt Bäume

Franz Treffler aus der Pfalz lebt im kanadischen Yukon Territory und arbeitet dafür viel und hart

Während das Motorflugzeug langsam den Sinkflug beginnt, blickt Franz Treffler stolz auf ein Land voller Berge, Seen, Wälder und Flüsse: sein Land. Die Maschine landet auf dem länglichen See, an dem seine Hütte steht, und nachdem der Proviant ausgeladen ist, verabschiedet er sich von seinem Piloten. Für die nächsten acht Monate wird er hier draußen komplett auf sich alleine gestellt sein.

Franz Treffler, der ursprünglich aus Hagenbach in der Südpfalz kommt, ist weder Erbe einer riesigen Grafschaft noch sozialer Aussteiger. Eigentlich fährt er einfach nur Lkw für einen großen kanadischen Kohlekonzern. Seit der Auswanderung 1992 hat er sich Stück für Stück eine zweite Existenz aufgebaut. Mitten in der Wildnis pachtet er seit 2003 ein Grundstück von der kanadischen Regierung, um das herum er in einem knapp 100 Quadratkilometer großen Landstrich Pelztierfallen stellt. "Das alles läuft unter sehr strengen Auflagen", sagt er im pfälzischen Dialekt am Telefon. "Ich darf zum Beispiel in einem Winter 20 Marder, zwei Wölfe und fünf Luchse fangen."

Auf seiner "Trapline" war er zuletzt von September 2011 bis Juni 2012, sein Job lässt sonst nicht mehr Urlaub zu. "Mein Alltag sieht dann meistens so aus, dass ich Schnee räume, Holz mache, Wasser hole oder alle paar Tage meine kilometerlangen Routen ablaufen muss", erklärt Treffler. Es sei für ihn körperlich anstrengend, aber für den Geist eben auch erfüllend. Er weiß, dass er diese Arbeiten schlicht und einfach tun muss, um zu überleben. "Wenn man allein da draußen ist, nimmt man die Gewalt der Natur und der Elemente viel stärker wahr. Zum Beispiel, wenn man auf das Außenthermometer schaut und minus 45 Grad Celsius ablesen kann." Hier fließen dann weder Milch noch Honig, dafür aber einer der größten Flüsse Nordamerikas. Diesen nannten die Indianer, die hier einst ein ganzes Verkehrsnetz aus Seen, Bächen und großen Strömen mit ihren Kanus bereisten, früher yu-kan-ah, den großen Fluss. Heute ist danach das ganze Yukon-Territory im äußersten Nordwesten Kanadas benannt, das 1988 erstmals zu Trefflers Reiseziel wurde.

Ursprünglich wollte sich der ausgebildete Friseur nach seinem Dienst bei der Bundeswehr ein Jahr Zeit nehmen, um mit seiner Harley durch Nordamerika zu fahren. Stattdessen reiste er 1983 mit seiner damaligen Frau nach Norwegen, wo ihn die Natur des hohen Nordens begeisterte. Zwischen 1988 und 1989 tourte er ein Jahr durch das Yukon Territory, nachdem er 1987 bereits mit vier Freunden Urlaub in British Columbia gemacht hatte.

Der Trucker, der mittlerweile eine Brille trägt, betont, dass er sich die Flüge und vor allem seine Hütte dort draußen nicht leisten könnte, wenn er nicht die letzten 20 Jahre so viel gearbeitet hätte. So leistet er an mindestens fünf Tagen hintereinander zwölfstündige Schichten, bevor er sich wieder ein oder zwei Tage frei nehmen kann. "Finanziell geht das alles nur, weil mich mein Arbeitgeber wirklich gut bezahlt und ich keine Familie habe, die ich versorgen muss. Ohne das Geld als Absicherung", formuliert er ohne Umschweife, "würde ich leben wie in der Steinzeit." Der 54-Jährige muss sich schließlich auch Gedanken über die Versorgung in der Zeit nach dem Arbeiten und bei eventuellen gesundheitlichen Problemen machen.

Ein Leben, das besser ist als in der Steinzeit, zeichnet sich für ihn in der Wildnis vor allem durch erstklassiges Equipment aus. Eine gut gedämmte Hütte mit Nebengebäuden wie Geräteschuppen, Holzschopf und Plumpsklo, ein ordentlicher Holzofen, Solarzellen, ein Schneemobil, sein Fallenarsenal und vieles mehr. Er schätzt den Betrag, den er bisher in das Basecamp seiner Trapline investiert hat, auf eine sechsstellige Höhe. Das wurde ihm besonders bewusst, als vor drei Jahren in seinem Gebiet ein Waldbrand wütete, dessen Folgen heute noch unübersehbar sind. "Hätte ich damals keine Hilfe von der Forestery, eine Art Forstamt, das auch für Waldbrände und Naturschutz zuständig ist, bekommen, dann hätte ich meine Hütte mit allem, was dazugehört, vergessen können. Ich hab' wirklich Schwein gehabt, dass sie ausgerechnet mir helfen konnten, eine Schneise zum Brandschutz in den Wald zu sägen."

Glück hatte der Trapper auch, als er sich einmal auf einer seiner Touren verlief. Eine Situation, die in einem 100 Quadratkilometer großen winterlichen Waldgebiet nicht ungefährlich war; er hatte nichts zu essen dabei und wäre bei eventuellen Verletzungen in einem Umkreis von über 100 Kilometern der einzige Mensch gewesen. Unter anderem durch die Orientierung an bestimmten Flussläufen und Hügeln fand er letztendlich spät abends und klitschnass wieder zu seiner Hütte.

"Dass das alles nicht kinderleicht wird, dachte ich mir. Erst recht nach dem Jahr, in dem ich mit dem Greyhound-Bus oder als Tramper von Toronto aus bis nach Whitehorse gereist bin." Whitehorse ist die Hauptstadt, wo die meisten der knapp 34 000 Einwohner des Yukon-Bundestaates wohnen. Hier begann 1993 seine berufliche Laufbahn als klassischer Tellerwäscher. Das Jahr darauf arbeitete er immer noch als Küchengehilfe in einem Stützpunkt der Straßenmeisterei am Dempster Highway, der im Norden des Territoriums bis nach Inuvik an der Mackenzie-Bay führt. 1995 hatte er dann schließlich genug Geld beisammen, um den kanadischen Lkw-Führerschein zu machen. Der war für ihn, der schon in Deutschland für eine Spedition Lkw fuhr, eine wichtige Zukunftsinvestition, die es ihm damals ermöglichte, für seinen heutigen Arbeitgeber zu arbeiten.

Den guten Job hat er ebenso wie die Möglichkeit des eigenen Besitzes der Weitläufigkeit Kanadas zu verdanken, die für ihn das A und O des Landes darstellt: "Hier ist noch nicht alles zwischen gierigen Menschen aufgeteilt und wird es auch nicht so schnell sein. Ich denke, dass es hier deshalb auch nicht den Durchsetzungsdruck und den Fremdenhass wie in den USA oder in Europa gibt. Jeder hat Platz und Rechte, um sich zu entfalten, ohne dabei einen anderen plattzumachen." Daher treffe man in Yukon häufig ausgewanderte Deutsche oder Schweizer.

Bezeichnend für seine Philosophie sind die Bildunterschriften seiner Landschaftsbilder und Selbstportraits auf Facebook. "That's my country", "Life is a challenge". Ebenso ein Foto seiner in den Nadelwald eingebetteten Hütte mit dem Text: "Kanada's Yukon, where you still can have a dream." Neben den Bildunterschriften signiert er die Fotos von seinen Erlebnissen im selbstgetauften "Treffler Territory" mit seinem Markenzeichen: "It's me, the Iceman." Dazu erklärt er: "Iceman ist eigentlich ein Spitzname, den mir meine Trucker-Kollegen beim Kohleabbau in British Columbia gegeben haben. Sie spielen damit auf mein Hobby im hohen Norden und meine Liebe zu der kalten Jahreszeit in der Wildnis an." Unter diesen Fotos hinterlassen Bekannte ihm dann immer wieder begeisterte Zeilen. Sie gratulieren ihm zum Geburtstag, wünschen ihm viel Glück und eine gute Zeit oder äußern ihre Bewunderung für einen Freund, der seinen Traum wahr gemacht hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Iceman stellt Fallen und fällt Bäume
Autor
Jonas Kaltenbach
Schule
Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2013, Nr. 303, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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