Kaminkehrer werden auch fürs tägliche Duschen bezahlt

Urs Bösiger arbeitet als Kaminfeger in Zürich und berichtet über tote Enten im Kamin und Vorteile neuer Heizungssysteme

Das Café im Volkshaus am Helvetiaplatz in Zürich ist kleiner, als es von außen aussieht. Die Tische sind zierlich und aus Holz, ebenso klein sind die Stühle und Bänke. Über der Türe steht ein ledernes Nashorn, von der Decke hängt ein pompöser Kronleuchter. Das Café sieht aus wie aus einem Home-Dekor-Magazin. An einem Tisch in der Ecke sitzt ein großer Mann in einem blauen Pullover. Er sieht etwas zu groß aus für die kleinen Möbel. Urs Bösiger trinkt gerade sein Feierabendbier und liest die Zeitung. Der 47-Jährige ist seit 31 Jahren Kaminfeger in der Stadt Zürich.

Mit 16 Jahren hat er seine Lehre bei der Kaminfegerfirma Knabenhans begonnen. "Die Voraussetzungen sind, dass man schwindelfrei ist und keine Allergien hat", grinst er. Bösiger trägt eine Lesebrille und einen Dreitagebart, der nicht mehr schwarz, aber auch noch nicht ganz grau ist. Nach der dreijährigen Lehre ging er nach Graubünden, um dort seinen Beruf auszuüben, er kehrte jedoch nach einigen Jahren wieder zurück zu den Gebrüdern Knabenhans. Heute gibt es in seinem Geschäft keine Lehrlinge mehr. "Wir sind vier Kaminfeger in unserem Betrieb. Dies ist noch viel für die Stadt Zürich", meint er mit Stolz.

Um 6.45 Uhr beginnt Bösigers Arbeit in der Innenstadt. Jeden Morgen verteilt sein Arbeitgeber Rapporte, und um Punkt sieben Uhr fährt Bösiger zum ersten Kunden. Am Tag besucht er fünf bis acht verschiedene Wohnungen, um 16 Uhr hat er Feierabend. In seiner Arbeitszeit sind 20 Minuten zum Duschen einberechnet. "Wir werden sozusagen fürs Duschen bezahlt", lacht er. Der Beruf hat sich in den vergangenen 30 Jahren so stark verändert, er ist kaum wiederzuerkennen. "Früher mussten wir in die Kamine und in die Heizungskanäle kraxeln. Man wurde sehr schmutzig, da war man froh, wenn man die 20 Minuten zum Duschen bekam", sagt Bösiger. Heute seien die nämlich gar nicht mehr so notwendig. Die Reinigungsarbeiten können ganz einfach vom Zentralheizungsraum im Haus ausgeführt werden. Auch die Heizungen sind einfacher zu reinigen.

Es gibt drei verschiedene Typen von Heizungen: die Holzheizung, die mit einem ganz normalen Trockensauger gereinigt wird. Diese Heizungen sind hauptsächlich auf dem Land zu finden. In den Städten werden sie schon lange nicht mehr gebaut. Doch jetzt setzt man immer wieder mehr auf Holzheizungen. "Irgendwann", meint Bösiger, "wird unser Öl aufgebraucht sein. Und wenn das so ist, können wir nicht einfach neues besorgen. Holz kann man aber immer wieder anbauen. Holzheizungen machen schon Sinn." Heutzutage werden nicht ganze Holzscheite verbrannt, sondern Pellets. "Pellets sind zylinderförmige, zusammengedrückte Holzspäne, die etwa zwei Zentimeter lang sind", erklärt Bösiger und zeigt mit seinen Fingern, wie ein Pellet ungefähr aussieht.

Die beiden anderen Heizungen, die Gas- und die Ölheizungen, werden mit einem Hochdruckgerät gereinigt. Im Wasser des Gerätes befinden sich bestimmte Chemikalien, dadurch muss das Abwasser, das entsteht, fachgerecht entsorgt werden. "Man sagt, dass pro Millimeter Rußablagerung in den Leitungen fünf bis zehn Prozent mehr Öl benötigt werden, um zu heizen. Das ist eine große Menge", sagt Bösiger. Umwelttechnisch gesehen, müsse man sich bei Ölheizungen keine Sorgen mehr machen. "Die sind heute so effizient, dass die Umwelt fast mehr unter Stromheizungen leidet. Die Stromproduktion ist in gewissen Fällen noch schädlicher für die Umwelt." Manche Gasheizungen benötigen nur eine periodische, visuelle Kontrolle. Der leicht abzuschraubende Siphon wird dann ausgespült.

Obwohl die Arbeit sich stark verändert hat und die meiste Arbeit im Heizungsraum stattfindet, gibt es immer noch Fälle, wo die Kaminfeger auch wirklich in den Kamin steigen müssen. "Dort ziehen wir manchmal tote Enten raus. Das ist ziemlich eklig." Die Enten setzen sich, durch die Wärme angezogen, auf den Schornstein. Sie sterben dann wegen der Gase, die aus dem Kamin aufsteigen, fallen hinein und bleiben stecken. Die Leute merken das erst, wenn der Geruch von Verwesung den Kamin runterkommt.

In gewissen Kantonen der Schweiz gibt es ein Kaminfeger-Monopol. Der Kaminfegermeister wird alle vier Jahre gewählt, und nur seine Firma ist für einen gewissen Bezirk verantwortlich. Bösiger findet das nicht korrekt. "Ich meine, jeder andere Handwerker muss auch sehen, dass er seine Arbeit bekommt, und gegen die Konkurrenz ankämpfen." Diese Monopole fallen aber immer mehr. In der Stadt Zürich hat es noch nie existiert. Dort kann der Kunde auswählen, welche Firma er beauftragen möchte. "Ein Kollege wohnt in einem Bezirk, wo das Kaminfeger-Monopol noch existiert. Er musste eine Spezialbewilligung von der Gemeinde holen, damit er seinen eigenen Kamin putzen durfte", erzählt Bösiger und bestellt bei der jungen Kellnerin noch ein Bier.

Ein Lächeln breitet sich auf Bösigers Gesicht aus, als er davon erzählt, dass Kaminfeger auch in der Schweiz als Glücksbringer gelten. "Wir verhindern die Hausbrände, deshalb bringen wir Glück." Er wird auch heutzutage noch angesprochen, ob man ihn nicht anfassen dürfe, um etwas von seinem Glück zu bekommen. Ungewöhnlich sei es schon, aber alle Leute dürfen ihn berühren. Manchmal müssen die Kaminfeger ihre ursprüngliche schwarze Kleidung und Zylinder tragen, etwas Ruß in das Gesicht reiben und auf Hochzeiten gehen, um dem Brautpaar Glück zu bringen.

Der beruflichen Zukunft sieht er skeptisch entgegen. "Sie bringt immer mehr Fernheizungen oder Wärmepumpen, mit denen Kaminfeger nicht mehr viel zu tun haben. Diese Heizungen sind jedoch viel umweltfreundlicher und effizienter. Ich hoffe, dass wir auch in den nächsten Jahren genug Aufträge haben werden, aber ich denke, ein allzu großes Problem wird es nicht", glaubt er, "genug Glück haben wir ja."

Informationen zum Beitrag

Titel
Kaminkehrer werden auch fürs tägliche Duschen bezahlt
Autor
Seraina Weinmann
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2013, Nr. 303, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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