Bergauf und bergab mit der Post

Er behandelte sein Postauto wie ein rohes Ei, damit es nicht zu oft zur Reparatur musste und am Monatsende genug Verdienst übrig blieb. Ohnehin kalkulierte der Schweizer Kleinunternehmer knapp, um seine Gäste durch Guarda zu fahren.

Mit leisem Quietschen lösen sich die Bremsen, und der Zug fährt langsam aus dem Bahnhof von Guarda im Unterengadin hinaus. Hinter dem meist unbenutzten Bahnhofshäuschen am Bahnsteig von Gleis 1 befindet sich ein kleiner Platz. Dort steht ein kleiner, gelber Bus, der gleich die steilen Straßen nach Guarda hochfahren wird.

Bei diesem kleinen Bus handelt es sich um ein Fahrzeug der Busgesellschaft der Schweizer Post. Diese Busse erkennt man daran, dass sie gelb sind. Es sind nicht einfach nur Linienbusse, denn aufgrund der Verpflichtung von Bund, Kantonen und Gemeinden, der Allgemeinheit gewisse Dienstleistungen zu erbringen, muss jeder Ort in der Schweiz mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar sein. Zuerst wurden Menschen zusammen mit der Post in Postkutschen transportiert. Daher übernahm die Post den sogenannten "service public". Später teilte sich das Unternehmen auf, so dass die Post und das Postauto zwei verschiedene Unternehmen sind.

Das Postauto von Guarda hat selbst eine ganz eigene, spannende Entstehungsgeschichte. Guarda ist ein kleines Dorf in Graubünden mit ungefähr 70 Häusern. Mit malerischen Häusern und kleinen Gassen ist es im Winter und auch im Sommer ein beliebter Ort für Touristen. Es liegt 1650 Meter hoch auf einer meist sonnigen Anhöhe und damit fast 220 Meter über seinem Bahnhof im Tal. "Früher, als es noch keine Autos gab, war es ziemlich problematisch, zum Bahnhof und wieder zurück zu kommen", erzählt Anna Wulz, die ihre Kindheit in Guarda verbracht hat. "Mein Großvater Jon Willy hat deswegen schon in jungen Jahren angefangen, Kutschfahrten auf Anfrage zu machen."

Ab 1932 war Jon Willy ein sogenannter Autohalter für die damalige Schweizerische Postverwaltung. Das bedeutet, dass er für die Post gearbeitet hat, allerdings nicht nur als Busfahrer: Er war verantwortlich für das Fahrzeug, er musste es selbst organisieren, sich um die Kosten kümmern und es immer fahrbereit halten. Er musste für Fahrpersonal sorgen - also entweder war er selbst der Fahrer, oder er stellte jemanden ein. "Es gab damals drei Fahrten bergauf und bergab pro Tag, nur im Sommer. Erst später kamen die Winterfahrten hinzu", sagt Anna Wulz. Sie hat mittellange, dunkelbraune Haare und trägt eine Brille. "Es war damals also noch nicht ganz so stressig wie heute, wo es 14 Fahrten pro Tag gibt."

Das Postauto am Bahnhof von Guarda setzt sich, nachdem alle eingestiegen sind, in Bewegung. Ein paar Leute müssen stehen und sich an den Haltestangen festhalten, damit sie in den vielen Kurven nicht das Gleichgewicht verlieren. Die meisten Leute in diesem Bus sehen mit ihren Wanderschuhen und Rucksäcken aus wie Touristen. Es hat aber auch einige ältere Leute, die wohl im Dorf wohnen und jetzt nach Hause fahren.

"Es gibt viele Unterschiede vom normalen Linienbus in der Stadt zum Postauto in Guarda", erklärt Annas Mann Andreas Wulz, der Busfahrer ist und auch schon in Guarda als Postautohalter tätig war. Heute fährt er nur noch im Umkreis von Zürich mit dem Bus im Schichtfahrplan. "In Guarda war es viel persönlicher", sagt der hochgewachsene, schwarzhaarige Mann, "man kannte sich in dem kleinen Dorf, wenn man jeden Tag gefahren ist, und man wurde geschätzt. In Zürich ist man halt nur irgendein Busfahrer, die Leute steigen ein und steigen auch wieder aus."

Andreas Wulz erklärt, dass es einen riesigen Unterschied zwischen Postautohalter und Postbusfahrer gibt. Die Halter sind viel angesehener als die normalen Fahrer, weil sie sich ja fast selbständig um alles kümmern müssen, während der Busfahrer einfach in den Bus einsteigt und losfährt. "Die Zeit in Guarda war aber auch anstrengender", sagt der 43-Jährige. "Man hatte für nichts anderes mehr Zeit, man musste ständig wieder raus zum Bus und die Leute vom Bahnhof abholen, die mit dem Zug ankamen, jeder Arbeitstag hatte 13 Stunden." Wulz fügt noch hinzu, dass man immer wieder auf das Geld achten musste, schließlich wurde das Postauto vom Postautohalter finanziert. "Das Fahrzeug wurde wie ein rohes Ei behandelt, damit es nicht so oft zur Reparatur musste und zu viele Kosten verursachte." Weil das alles zu viel Stress verursachte, zu wenig Zeit für die Familie bedeutete und auch in manchen Jahren aufgrund der Reparaturen nicht genug übrig blieb, entschied Andreas Wulz sich dafür, als Autohalter aufzuhören und als normaler Busfahrer weiterzumachen.

Anna Wulz kennt die Probleme noch aus ihrer Kindheit. Die Freizeitplanung hing immer von den Fahrzeiten des Postautos ab. "Auch am Wochenende kam das Postauto zuerst, vormittags fuhr mein Vater, und nachmittags hatten wir ein paar Stunden Zeit, um was mit der Familie zu unternehmen", erinnert sie sich. Seit 2009 fahren nur noch Busfahrer und keine Bushalter mehr in Guarda.

2007 gab es ein kleines Jubiläumsfest: 75 Jahre Postauto in Guarda. Zu diesem Anlass hat Anna Wulz ein kleines Buch erstellt, das die Geschichte der großen Tradition des Postautos in Guarda mit vielen Fotos zeigt. Dieses Buch kann man jetzt im Schweizerischen Verkehrsmuseum bewundern.

Nach kurzer Fahrzeit taucht Guarda langsam auf und kommt immer näher. Der Bus fährt schließlich noch durch ein paar wenige enge Straßen an alten Steinhäusern vorbei, bis er beim Dorfplatz ankommt. Die Fahrgäste verabschieden sich beim Aussteigen herzlich vom Busfahrer und zerstreuen sich in alle Richtungen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bergauf und bergab mit der Post
Autor
Alina Degen
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2014, Nr. 6, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180