Mit dem Big Boy fing alles an

Werner Meer steht hinter dem Tresen in seinem kleinen Geschäft in Kilchberg am Westufer des Zürichsees. Vor ihm liegt ein Magazin mit einer Geschichte über Eisenbahnen in New York. An den Wänden stehen Vitrinen, die mit miniaturisierten amerikanischen Diesel- oder Dampflokomotiven vollgepackt sind. Die Modelle sind unterschiedlich lackiert, jede Bahngesellschaft besitzt ihr eigenes Farbschema. Werni, wie der "Trainmaster" von seinen Freunden genannt wird, nimmt einen Anruf entgegen. Der Kunde fragt, ob er Spur-G-Modelle verkaufe. Meer verneint, bietet aber an, dass er sie bestellen könne. "So weit käme es gerade noch, dass ich diese auch noch auf Lager nehmen würde", sagt er später. Spur G sind große Modelle im Maßstab 1 zu 22,5. Dafür wäre kein Platz mehr. Denn jeder Fleck auf den Regalen wird von einem für Europäer fremdartig anmutenden Lokomotivmodell eingenommen. Die amerikanischen Modelle unterscheiden sich deutlich von den hiesigen: Sie sind viel größer, besonders die Dampfloks und die Gasturbinen-Loks.

Meer ist Mitte sechzig und ein Urgestein der europäischen US-Modellbahnszene. Ein Bolotie, eine Cowboy-Krawatte, ist sein Markenzeichen. Ebenfalls nicht fehlen darf ein kurzer Oberlippenbart und zu einer Mähne nach hinten gekämmtes, weißes Haar, das den Rancher-Look komplettiert. Werner Meer wuchs in Kilchberg auf. Mit zehn Jahren bekam er seine erste Märklin-Eisenbahn geschenkt. Auf einem Holzbrett entstand die erste Modelleisenbahnanlage. Nach der Volksschule machte er eine Ausbildung als Maschinenmechaniker in Winterthur. "Natürlich hatte ich damals wie jeder Knabe den Traum, Lokführer zu werden, jedoch war irgendwann einfach keine Zeit mehr für die Eisenbahn, und sie verschwand erst mal in der Kiste."

Stärker faszinierten ihn Autos. Ein Nachbar besaß einen MGB GT, Meer baute ihm ein paar Instrumente ein, um Wasser- und Öltemperatur zu messen. Als Dankeschön erhielt er ein Lokomotivmodell des berühmten Big Boy, der wohl legendärsten amerikanischen Dampflokomotive. Das war 1970. Zwei Jahre später reiste er zum ersten Mal in die Staaten, um seinen Onkel, der nach New Jersey ausgewandert war, zu besuchen. Er wollte die gigantischen Züge auch mal "in echt bestaunen". Meers Augen leuchten. "Ich war vom amerikanischen Gigantismus und Way of Life völlig überwältigt. Zurück in der Schweiz, musste ich das American Feeling mit einem Amischlitten, einem 61-er Plymouth Fury, krönen. Von da an fuhr ich nur noch Amis, wobei es heute edle Cadillacs sind."

1974 reiste er in den Westen, wo er in der Mojave-Wüste und im Cajon-Pass nordöstlich von Los Angeles sein Paradies gefunden hat. Von da an reiste er fast jedes Jahr dorthin. "Die Wüste fasziniert mich von allen Landschaften der Welt am meisten. Denn sie ist ein Ort, der so krass im Kontrast zu der Landschaft hier steht. Es ist einfach so extrem anders, und das gefällt mir." Dank der spärlichen Vegetation lassen sich dort auch am besten die kilometerlangen Züge beobachten. Am liebsten würde er dort unten irgendwo neben einem Bahngleis eine Hütte hinstellen und dann vom Garten aus den Zügen zuschauen.

Von jeder Reise brachte Meer neben unzähligen Fotos auch Eisenbahnmodelle mit. Schnell lernte er andere begeisterte US-Modellbahner kennen. 1977 eröffnete er sein Geschäft "Trainmaster". Gemeinsam mit Freunden organisierte er eine kleine Ausstellung mit Modelleisenbahnanlagen, 300 begeisterte Besucher kamen. Die kleine Szene um Werner Meer wuchs, der sich als begnadeter Organisator der alle zwei Jahre stattfindenden Conventions entpuppte. Zuletzt besuchten jeweils fast 4000 Besucher die Ausstellung, die auf fünf Gebäude der Schule in Adliswil verteilt werden musste. Fans amerikanischer Modelle pilgerten aus ganz Europa in den kleinen Vorort Zürichs.

Vor einem Jahr endete schließlich diese Ära mit der 15. Convention. "Der Aufwand war extrem groß, da ich immer alles alleine organisierte. Leider werden wir alle auch nicht jünger. Daher fällte ich den Entscheid, dann aufzuhören, wenn es am schönsten ist", erzählt er ein bisschen traurig. "Natürlich kamen viele Leute zu mir und sagten, dass sie notfalls auch die Organisation übernehmen würden, aber kaum hatte ich ihnen jeweils erklärt, wie viel Aufwand tatsächlich dahintersteckte, krochen sie zurück." Jetzt widmet er sich stärker seiner Modelleisenbahn-Anlage: In seinem Wohnzimmer entsteht eine dem Cajon-Pass nachempfundene Modelllandschaft.

Die Modelleisenbahnszene erlebe zurzeit einen Schwund an Mitgliedern, klagt Meer. Zudem würden diese immer älter. "Tröstlich ist, dass sich nun in Deutschland eine ähnliche Bewegung wie bei uns vor zwanzig Jahren formiert. Dieses Jahr fand bereits die vierte deutsche US-Convention in Rodgau bei Frankfurt statt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit dem Big Boy fing alles an
Autor
Kim Nipkow
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2014, Nr. 6, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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