Weichen richtig stellen

Die rot-weiß gestreifte Schranke steht offen. Ein Kiesweg führt durch eine Wiese zum Bahnhof Aßling Süd. Einige Passagiere haben sich am Bahnsteig eingefunden, kaufen Fahrkarten oder warten auf die erste Abfahrt an diesem Sonntag. Kourosh Atabaki kniet neben seiner Lokomotive. Zischend entweicht Dampf aus der schwarzen Lok mit den roten Rädern. Der 47-Jährige im schwarzen Overall schiebt mit rußbeschmierten Händen Kohle in den Kessel seiner Lok, die ihm gerade bis zum Knie reicht. Verreisen kann man mit dem detailgetreuen Nachbau einer echten Lokomotive im Maßstab eins zu zehn ebenso wenig wie mit den anderen Zügen, die ratternd im Aßlinger Bahnhof verkehren. Zu einer Rundfahrt laden die Gartenbahnen trotzdem ein. Mit bis zu zwölf Gästen beladen, die sich mit angezogenen Beinen auf die Waggons setzen, rattern die Eisenbahnen über die 800 Meter lange Gleisanlage des Dampfbahnclubs Aßling in Oberbayern.

Mit einem Taschentuch wischt Kourosh Atabaki Öl von der selbstgebauten Modelllok. Schon als Kind begeisterte er sich für die Eisenbahn. Vor sechs Jahren stieß der Jurist, der in der Immobilienbranche arbeitet, durch eine Anzeige auf die großen Modellbahnen und stellte fest, dass es sogar Miniaturloks gibt, die Personen befördern können.

Heute verspäten sich die Abfahrten im Dampfbahnclub Aßling. Vereinsmitglied Helmut Peetz erklärt, dass eine neu eingebaute Weiche am hinteren Ende des Eisenbahnparks Probleme macht. Einige Männer, teils mit Lokomotivführermützen, haben sich dort versammelt. Nach einer Testfahrt ist klar, dass das Schienenstück ausgetauscht werden muss, bevor die Besucher fahren dürfen.

Die Gleise im Dampfbahnclub bestehen aus vier rostbraunen Stahlschienen in unterschiedlichen Abständen, so dass Eisenbahnen aller Normgrößen ihre Runden drehen können. Das ist nötig, da nicht nur vereinseigene Loks auf den Gleisen unterwegs sind, sondern zum Beispiel auch Kourosh Atabakis Dampfbahn. Der 47-Jährige nimmt sie nach jedem Fahrtag mit nach Hause nach Dietramszell bei München. Seit es eine Hebebühne am Ende des Anheizgleises gebe, lasse sich der Abtransport leichter bewerkstelligen, immerhin wiegt die Lok 125 Kilogramm und hat den Wert eines Kleinwagens.

Inzwischen ist die Weiche ausgetauscht, die ersten Passagiere dürfen eine Runde drehen. Strahlend sitzen die kleinen und großen Besucher auf den Waggons. Die Luft ist erfüllt vom Pfeifen und Rattern der Gefährte und vom Lachen der Kinder.

Helmut Peetz, ein Gründungsmitglied, berichtet, dass die Anlage ursprünglich als Eisenbahnpark für Kinder gedacht war. Unter der Woche ist das Gelände beliebtes Ziel für Kindergartenausflüge. An den öffentlichen Fahrtagen einmal im Monat ist das Publikum bunt gemischt. Der 63 Jahre alte, pensionierte Polizist lacht. "Die Hälfte der Plätze sind von den Erwachsenen belegt."

Mittlerweile ist auch Kourosh Atabakis Lok angeheizt und einsatzbereit. Beißender, weißer Rauch schlägt dem hochgewachsenen Modellbauer ins Gesicht, als er den mit Kohle gefüllten Tender mit einem Sitzpolster abdeckt und darauf Platz nimmt. Mit dem rhythmischen Schnaufen einer echten Lok setzt sich das Modell in Bewegung und verlässt über eine Weiche das Anheizgleis. Die Strecke verläuft entlang eines Baches über Hügel durch einen Tunnel und über eine Stahl- und eine Betonbrücke, die nach ihren Sponsoren benannt sind.

Atabaki hat schon am Echtdampfhallentreffen in Karlsruhe mit Lokfans aus ganz Europa teilgenommen. Er baut an zwei weiteren Modellen, für die er sich Pläne von echten Dampfloks besorgt hat. Fünf bis zehn Jahre dauert die Fertigstellung eines Modells. Das Bauen ist sein eigentliches Hobby. "Das Fahren ist nur die Bestätigung, dass das, was man gemacht hat, auch funktioniert", erklärt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Weichen richtig stellen
Autor
Annika Kirner
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2014, Nr. 6, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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