Fleisch liegt auf sechs Uhr

Im Blindenwohnheim herrscht eine strenge Ordnung. Das gibt den Bewohnern Freiheit und Orientierung. Als die Glastüren sich öffnen, trennt ein dickes Kordelband den Weg zur Eingangshalle des Alten- und Blindenwohnheims in Schwäbisch Gmünd ab. Trotz seiner zentralen Stadtlage in Blickweite zum gotischen Münster liegt das ehemalige Blindenasyl, das im Jahre 1831 von dem evangelischen Pfarrer Viktor August gegründet wurde, im Grünen. In der Mitte des freundlich wirkenden Empfangsbereiches in der Asylstraße steht ein Brunnen mit vielen Pflanzen. Das Plätschern hallt durch den ganzen Raum. Der Gesang von Vögeln verstärkt das mediterrane Gefühl. Die Sonne scheint durch die große Terrassentüre auf den Vogelkäfig am Ende des Ganges. Neun Wellensittiche leben hier. Hinter dem Brunnen befindet sich eine beige Sitzgruppe inmitten der Zimmerpflanzen. "Wenn sie Stimmen hören, freuen sie sich und zwitschern noch munterer", sagt Sabine Domhan, die seit fünf Jahren die Einrichtung leitet. Die gelernte Krankenschwester im OP-Bereich hat sich mit einer Weiterbildung zum Pflegedienst und einem einjährigen Studium für soziales Management für diese Position qualifiziert. Ihre blonden Haare sind zu einer Hochsteckfrisur zusammengefasst. Schnell geht sie am Vogelkäfig vorbei in den geräumigen Speisesaal. Hier treffen sich die "fitteren" der 63 Bewohner, deren Durchschnittsalter bei 90 Jahren liegt, zu den Mahlzeiten. In dem gemütlich eingerichteten Speisesaal duftet es nach Essen. An der Wand hängt ein Gemälde mit Jesus und seinen Jüngern. Jeder Bewohner hat auf seinem Tisch ein Kärtchen mit seinem Namen. Diese sind sowohl mit normaler Schrift als auch in Blindenschrift bestückt. Es ist 11.20 Uhr, und alle Bewohner sind bereits an ihren Plätzen. Eine Glocke ertönt, und eine der drei Frauen, die für die Essensausgabe verantwortlich sind, spricht ein Gebet. "Herr, wir danken dir, und deine Güte währt in Ewigkeit. Amen!" Auf dem Plan stehen heute Hähnchenschlegel, Kartoffelknödel, Kartoffelbrei und verschiedenes Gemüse. Kein Wort ist in dem Saal zu hören. Das Klappern des Geschirrs und das Zwitschern der Vögel ist das einzige Hörbare. "Alles ist hier sehr zeitintensiv, weil man jeden Schritt und jede Bewegung vorher erklären muss", erläutert Sabine Domhan. Man muss sowohl alltägliche Geräusche als auch jede Bewegung im näheren Umfeld erklären. Dies dient der Orientierung und verhindert, dass sich die Menschen erschrecken. Nur dann, wenn die Blinden über alles informiert werden, finden sie sich zurecht und fühlen sich sicher. So bekommt jeder, der es möchte, auch beim Essen alles genau beschrieben. "Ich stelle Ihnen den Teller nun vor Ihnen auf ihren Platz. Das Fleisch liegt auf 6 Uhr und das Gemüse auf 12 Uhr", sagt freundlich eine Angestellte am Tisch gegenüber. Sie trägt, wie alle Angestellte bei der Essensausgabe eine blau-weiß karierte Schürze, Haarhaube und Handschuhe. "Es ist auch unglaublich wichtig, dass alles immer am selben Platz ist, so kann sich jeder auf das Gewohnte verlassen", erklärt Sabine Domhan. Zu diesem Zweck liegt das Besteck wie im Restaurant, so dass man sich von außen nach innen vorarbeiten kann. Andreas Schnell am zweiten Tisch auf der linken Seite außen wählt Kartoffelknödel mit Fleisch und Soße. Da seine Sehfähigkeit sehr eingeschränkt ist, bekommt er alles bereits zerkleinert. Routiniert fährt er mit seinem Löffel den Teller von außen nach innen spiralförmig ab. "Mit der Zeit hat man so seine Tricks, dass man weiß, wie man am besten zurechtkommt", schmunzelt er. Mit zittrigen Händen führt er den Löffel zum Mund. Ab und zu geht auch mal was daneben, dennoch ist es erstaunlich, wie gut er, ohne zu sehen, zurechtkommt und den Teller in kürzester Zeit leert. Ordentlich legt er den Löffel in den Teller und tastet langsam nach Messer und Gabel. Behutsam greift er das Messer und legt es ebenfalls dazu. Er schiebt ihn ins Tischinnere und dreht den Dessertlöffel langsam zwischen den zittrigen Fingern. "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen", sagt er zufrieden und lädt den Gast ein, ihn später in seinem Zimmer zu besuchen. Er stützt sich mit seinen Händen am Tisch ab und steht langsam auf. Etwas wackelig, aber zielgerichtet macht er sich mit kleinen Schritten auf den Weg zum hölzernen Handlauf, um auf sein Zimmer zu gehen. Dieser ist als Orientierungshilfe vom Eingangsbereich durchgängig im ganzen Gebäude an der Wand angebracht. Durch die hohen Fenster sieht man in den schön angelegten Garten, der als Rundgang ebenfalls mit Orientierungshilfen angelegt ist. "Wir pflanzen jetzt in unserem Hochbeet viele neue Sträucher, Duftpflanzen, Gewürze und Küchenkräuter an, einfach Pflanzen, die gut riechen. Bei sehbehinderten Menschen ist der Geruchssinn nämlich sehr ausgeprägt", sagt Sabine Domhan. "Hier kann sich jeder aussuchen, wie er seinen Tag gestalten möchte", erklärt sie weiter. Sie leitet die täglichen Morgenandachten. Diese können auch Bettlägerige über eine Haussprechanlage vom Zimmer aus mitverfolgen. "Einmal in der Woche wird auch die Zeitung über diese Lautsprecher für alle vorgelesen, die es hören wollen. Da kann man immer Freiwillige brauchen, die mal was vorlesen." Die Einrichtung bietet, je nach Schwierigkeitsgrad des Bewohners, individuelle Dienstleistungen an. Außer dem fest angestellten Personal stehen rund 35 ehrenamtliche Mitarbeiter zu Verfügung, um den Menschen eine möglichst hohe Lebensqualität bieten zu können. "Es ist schön hier, man wird immer gut behandelt", sagt Andreas Schnell, der hier seit zwölf Jahren lebt. Der gebürtige Ungar ist seit Geburt so gut wie blind. 1946 wurde er ausgewiesen und lebt seitdem in Deutschland. Sein linkes Auge wurde durch ein Glasauge ersetzt, auf dem anderen sieht er nur noch acht Prozent. "Mit dem Alter ist mein Sehvermögen recht benebelt geworden", beschreibt er seine Situation. Er sitzt auf seinem blau bezogenen Holzbett in seinem gemütlichen Zimmer. Außer einem Kleiderschrank und einem kleinen Tisch mit zwei Holzstühlen gibt es ein kleines Regal mit einer Musikanlage und einer großen Auswahl an CDs und Langspielplatten. "Ich mag melodische, klassische Musik, aber auch Schlager", sagt der aufgeschlossene Mann. "Da drüben steht mein Akkordeon." Mit zittrigen Händen zeigt er unter das Fensterbrett, wo ein schwarzer Kasten zu sehen ist. "Mit dem Musikspielen habe ich keine Schwierigkeiten, das spiele ich nach Gehör", erzählt er stolz. "Oft mache ich mit ein paar Bewohnern Musik im Gemeinschaftsraum. Außerdem spiele ich immer Klavier bei der Andacht. Manchmal gibt's sogar 'ne Zugabe." Neben den musikalischen Veranstaltungen gibt es Ergotherapie, Seidenmalerei und auch das beliebte Peddigrohrflechten. "Man ist nicht gezwungen, es macht richtig Spaß", erklärt der Bewohner des Zimmers 315. "Immer dienstags und donnerstags treffen wir uns, unter der Anleitung von Frau Waibel, der Korbmeisterin. Anfangs wollte ich nicht so recht, aber wenn man's einmal angefangen hat, macht es Riesenspaß." Das inzwischen zusammengekommene Sortiment an Peddigrohrkörben, Seidenschals und selbst getöpferten Schalen füllt inzwischen ein beachtliches Regal im Erdgeschoss der Blindenwerkstatt. Diese liebevoll gearbeiteten Stücke werden für ein geringes Geld verkauft, ein Teil des Erlöses kommt in die Kaffeekasse. "Früher habe ich in Welzheim gewohnt, von da aus war Schwäbisch Gmünd das nächste Blindenwohnheim", erklärt der 78-Jährige sachlich. "Ich bin froh, dass ich hier bin, hier habe ich viele Freunde, die Heimleitung ist nett, und es ist immer was geboten", lächelt der zufrieden wirkende Mann, der seit einigen Jahren Mitglied im Blinden- und Sehbehinderten-Verband Ostwürttemberg ist.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fleisch liegt auf sechs Uhr
Autor
Lisa Laber, Rosensteingymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2010, Nr. 250 / Seite N6
Projekt
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