Aus dem Balg geschüttelt

Das Akkordeonorchester setzt auf ungewohnte Effekte

Was assoziiert man mit einem Akkordeon? Volksmusik, Musikantenstadl, Lederhosn? Um gegen dieses Klischee anzukämpfen, wurde vor 30 Jahren der Verein "Musikfreunde Neuaubing" gegründet. Der große Probenraum in der Pfarrei von Gräfelfing bei München ist mit langen Tischreihen ausgestattet, vor denen kreuz und quer die Akkordeontaschen und -koffer verteilt stehen. Geprobt wird die Ouvertüre von Mozarts "Hochzeit des Figaro". Die 17 Mitglieder strengen sich an, das schwierige Stück zu perfektionieren. Auch wenn es schon gut klingt, so hat Elisabeth Strieder-Szech, die leidenschaftliche Leiterin des Orchesters, immer noch etwas auszusetzen. "Eins, zwei, drei, vier", zählt die 1,70 Meter große Frau, die einen dunkelbraunen, flotten Kurzhaarschnitt trägt, den Takt, wobei sie durch den eindrucksvollen Klang der Instrumente kaum hindurchdringt.

Die Musiker sind wie ein Sinfonieorchester angeordnet. Links sitzen die ersten Violinen, die die Melodie spielen, in der Mitte die zweiten Violinen, rechts die Celli. Hinter der ersten Violine sitzt der Bass und daneben Instrumente, die den Rhythmus angeben. Genauso hört sich ihre Musik auch an. Das wird durch die Registertasten auf der rechten Seite des Instrumentes möglich. Die Klangfarben eines Akkordeons können durch Zuschalten von bis zu fünf sogenannten Chören in den Registern stark variiert werden. Wenn jede Stimme mit einem anderen Register spielt, gelingt es dem Akkordeonorchester, den Klang eines echten Sinfonieorchesters nachzuahmen. "Ein Akkordeon bietet außerdem noch einige Effekte, die für ein gewöhnliches Orchester nur schwer oder gar nicht umzusetzen sind", sagt die Westfälin, die der Liebe wegen nach München gezogen ist. "Zum Beispiel kann man mit dem Schüttelbalg oder Bellow Shake den Ton vibrieren lassen. Dabei zieht die linke Hand den Luftbalg des Instrumentes sehr schnell hin und her, wodurch dieser besondere Klang entsteht. Das sieht man daran, dass die Köpfe der Spieler hin und her wackeln", lacht sie.

Seit 1997 leitet die 50-Jährige das Ensemble. Mit ihr war das Orchester in Wettbewerben immer unter den Besten. Bei den bayrischen Meisterschaften in Regensburg 2001 wurde es Vizemeister, beim internationalen Akkordeonwettbewerb 2002 in Castelfidaro mit 165 Teilnehmern aus knapp 30 Ländern belegte es den vierten Platz. Im vergangenen Mai nahmen die Akkordeonisten am 11. World Music Festival in Innsbruck teil, bei dem sie unter den ersten drei plaziert wurden. Hauptsächlich spielt das Orchester original Akkordeonliteratur, häufig aber auch klassische Werke, die die Leiterin für Akkordeons bearbeitet hat. Freitagabend ist Probe. Alle Musiker sind berufstätig, es gibt eine Floristin, eine Bibliothekarin, einen Zahnarzt und einen Steuerberater. "Viele von uns haben auch einen weiten Weg hierher. Ein Mitglied kommt zum Beispiel aus Augsburg", sagt Siegwald Schuster, der als Hardware-Ingenieur bei Siemens arbeitet. Der 52-Jährige ist schon als Grundschüler zum Akkordeonspielen gekommen: "Alle sollten sich zwischen verschiedenen Instrumenten entscheiden. Ich hab' das Akkordeon ausgewählt. Die besten aus der Musikschule durften dann irgendwann ins Erwachsenenorchester am Freitag", sagt er stolz.

Für ihn ist die Gruppe eine große Familie. Reisen zu Probenwochenenden, um neue Stücke einzustudieren, oder zu Wettbewerben und Konzerten sind zwar aufwendig, werden aber gern in Kauf genommen. Eines der jüngsten Mitglieder ist Linda Nolte. Die junge Mutter war, bevor sie zum Ensemble stieß, vier Jahre lang erfolgreich Solistin. "Florian Silbereisen, der im gleichen Dorf wie ich gewohnt hat, wollte, dass ich beim Musikantenstadl mitspiele. Bei einem Wettbewerb haben Elisabeth und ich uns kennengelernt. Sie saß als Jurymitglied vor mir, um mich zu bewerten", erzählt die 30-Jährige, "nach einigen Konzertbesuchen bei den Neuaubingern habe ich mich dazu entschieden, auch mitzuspielen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Aus dem Balg geschüttelt
Autor
Sophie Backes
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.01.2014, Nr. 12, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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