Auch Sevim musste auf die Grundschule

Als Familie Cam vor mehr als vierzig Jahren die Türkei verlassen hat, war hier nicht nur für die Kinder alles fremd: die Sprache, die Autos, Unterricht für Mädchen. Aber sie haben sich eingelebt.

Der vierjährige Duran Cam, seine ein Jahr jüngere Schwester und sein siebenjähriger Bruder können einfach nicht aufhören zu weinen. Die Kinder wissen, sie werden für längere Zeit ihren geliebten Vater nicht mehr sehen. Er wird nach Deutschland auswandern, um als Gastarbeiter sein Geld zu verdienen. Seine drei Kinder und seine Ehefrau lässt er alleine in Göksün, einer Stadt im südöstlichen Teil der Türkei, zurück. Der Vater wischt die Tränen der Kinder weg und sieht ihre Trauer in den braunen, feuchten Augen. Zum Abschied drückt er seinen Kindern einen Kuss auf die Stirn und steigt in den Bus. Die Fahrt zum Flughafen nach Istanbul dauert zwölf Stunden.

Vor vierzig Jahren war es in der Türkei schwer, als Kurde Geld zu verdienen. Den kurdischen Aleviten, die als ethnische Minderheit in der Türkei gelten, war es verboten, ihre Religion und ihre Sitten frei auszuüben. Die Aleviten, die zum Islam gehören, gehen weder zur Moschee, noch beten sie fünfmal am Tag. Außerdem fasten sie nicht im Ramadan, sondern haben ihre eigenen Fastenzeiten und tragen keine Kopftücher. Durch die starke Abweichung der Sitten von anderen Untergruppen des Islams werden Aleviten häufig von anderen als unislamisch angesehen. Oft halten sie ihre Identität geheim aus Furcht, verachtet zu werden. Wenn die Zeit des Ramadan kam, zog die Familie Cam die Vorhänge vor die Fenster, damit die Nachbarn nicht sahen, dass sie ihre Mittagsmahlzeit einnahmen. Während Familie Cam in der Öffentlichkeit nur Türkisch sprach, redeten sie zu Hause nur Kurdisch.

Der damals 30-jährige Vater von Duran, Dursun Cam, wanderte 1970 nach Deutschland aus. Er arbeitete ein Jahr lang in einer Gießerei in Kornwestheim bei Stuttgart. In dieser Zeit wohnte er in einem Wohnheim der Firma. Ab 1972 arbeitete er bei Daimler-Benz in Sindelfingen als Punktschweißer am Fließband. Während dieser drei Jahre wusste er nicht, wie es seiner Familie in der Türkei ging. Nur über Briefe konnte seine Frau Rukiye versuchen, mit ihm den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Einmal zeichnete sie auf einem Blatt Papier die Hände ihrer Kinder nach, damit der Vater erahnen konnte, wie groß wohl seine Kinder mittlerweile geworden waren. Erst im Jahr 1973 konnten seine Frau und seine Kinder zu ihm nach Nagold ziehen. Für die Kinder war in Deutschland alles fremd. Sie waren überrascht, dass Autos und nicht Pferdewagen auf der Straße fuhren, dass warmes Wasser aus dem Wasserhahn kam, und einen Fernseher kannten sie auch nicht. Als Duran zum ersten Mal bei Freunden einen Fernseher entdeckte, war er so fasziniert, dass er den ganzen Tag fernschaute, obwohl er kein einziges Wort verstand. Der Siebenjährige musste in der zweiten Woche in Deutschland direkt in die zweite Klasse der Grundschule gehen. Anfangs war es sehr schwer für ihn, da er kein Deutsch sprach. Während seine Klassenkameraden Aufgaben im Unterricht erledigten, nahm ihn sein Lehrer oft zur Seite und übte mit ihm die deutsche Sprache. Es dauerte zwei Jahre, bis er sich mit anderen Klassenkameraden verständigen konnte. Zu seinem Glück gab es drei weitere türkische Kinder in seiner Klasse, die ihm halfen und alles, was er nicht verstand, übersetzten. Er fühlte sich in seiner Klasse mit der Zeit gut aufgenommen.

Nach einem Jahr war nun auch Durans kleine Schwester Sevim sieben Jahre alt und schulpflichtig. Aber ihre Eltern wollten ihre Tochter nicht zur Schule schicken, da sie es aus der Türkei gewohnt waren, ein Mädchen trotz Schulpflicht nicht in die Schule zu schicken. Als die Eltern mit ihrer Tochter eines Morgens einkaufen gingen, begegnete ihnen eine blonde Frau, die freundlich nachfragte, warum die Tochter nicht in der Schule sei. Da die fremde Frau einen netten Eindruck vermittelte, erzählte ihr der Vater gutgläubig den Grund. Am nächsten Tag stand jedoch die Polizei vor der Tür und fragte, warum Sevim nicht zur Schule gehe. Somit waren die Eltern dazu gezwungen, Sevim in die Grundschule in Nagold zu schicken. Als Duran 14 Jahre alt war, zog die Familie nach Döffingen, einem kleinen Ort in der Nähe Sindelfingens, um näher an der Arbeitsstätte des Vaters zu wohnen.

Eines Morgens ging Durans Mutter in einen Supermarkt zum Einkaufen, allerdings kann sie bis heute weder lesen noch schreiben. Bei der Zubereitung des Mittagessens bemerkte sie plötzlich einen für sie unbekannten Geruch des Fleisches, das sie gerade in einer Pfanne briet. Da sie sich diesen Geruch nicht erklären konnte, rief sie ihren Sohn Duran und fragte ihn, was auf der Fleischpackung stünde. Es stellte sich heraus, dass es sich hierbei um Schweinefleisch handelte. Voller Entsetzen warf die Mutter nicht nur das Fleisch weg, sondern auch gleich noch die Pfanne, in der sie das Fleisch gebraten hatte.

Nach seinem erfolgreichen Hauptschulabschluss bewarb sich Duran bei Mercedes-Benz in Sindelfingen als Fahrzeuglackierer. Bei der betriebsinternen Auswahl musste er in Mathematik und Deutsch eine Prüfung ablegen, des Weiteren einen Gegenstand aus zwei unterschiedlichen Perspektiven abmalen, um sein technisches Zeichnen unter Beweis zu stellen, und zum Schluss einen Teppichklopfer aus Draht verbiegen. Er bestand die verschiedenen Aufgaben und erhielt den ersehnten Lehrvertrag als Lackierer. Somit war Duran Cam der Erste in seiner Familie, der eine Ausbildung absolvieren konnte. Seine Frau Ülger Cam, die auch aus der Türkei stammt und im Alter von 19 Jahren nach Deutschland kam, belegte sofort nach ihrer Einwanderung einen Deutschkurs an der Volkshochschule in Böblingen und lernte so mit der Zeit die deutsche Sprache. Mit 30 Jahren begann sie dann eine Ausbildung als medizinische Fachangestellte in Stuttgart. Diese Entscheidung für eine Ausbildung fiel ihr nicht leicht, da sie mittlerweile Mutter einer siebenjährigen Tochter und eines dreijährigen Sohnes war.

Duran Cam hat in Deutschland die Möglichkeit bekommen, seine Identität wiederzuentdecken, und ist nicht mehr gezwungen zu leugnen, wer er ist. Während aber Duran fähig ist, neben Deutsch Türkisch und Kurdisch zu sprechen, können seine beiden Kindern nur noch Türkisch und Deutsch. Aus diesem Grund fürchtet er, dass seine Muttersprache bald aussterben wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auch Sevim musste auf die Grundschule
Autor
Aylin Cam
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Böblingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2014, Nr. 18, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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