Die Jammerei der anderen geht ihm auf die Nerven

Junge Tunesier streben nach einem besseren Leben

Sofien Stitis Traumfrau ist blond, jung und eine gute Köchin. Viel wichtiger als diese Kriterien ist dem 20-jährigen Tunesier aber ihre Nationalität: Im besten Fall hat sie einen europäischen, möglichst französischen Pass. Denn den würde er im Fall einer Hochzeit auch erhalten. Während Stiti in einem Café im nordtunesischen Bizerte sitzt und seinen Milchkaffee trinkt, denkt er über seine Zukunft nach. "In Tunesien kann man arbeiten, wie man will, aber man verdient trotzdem gerade nur genug, um seine Familie zu ernähren. Warum soll ich dann hier bleiben, wenn ich diese Probleme in Europa nicht hätte?", fragt er. Eine konkrete Aussicht auf die Auswanderung hat der kleingewachsene Mann mit dem schwarzen Kinnbärtchen und der braungebrannten Haut aber nicht.

Geboren wurde Sofien Stiti in einem kleinen Dorf in Westtunesien, nahe der algerischen Grenze, dort, wo die Menschen noch immer vor allem von der Landwirtschaft leben und wohin sich nie ein Tourist verirrt. Nach der Schule, die Stiti nach der zehnten Klasse verließ, begann er, "mal hier und mal dort" zu arbeiten. Mittlerweile ist er Kellner in einem Hotel für französische Pauschalreisende in Hammamet. "Eine europäische Frau mag es, wenn ein Tunesier sich für sie interessiert. Sie fühlt sich dann begehrt", meint er und grinst anzüglich. "Ich liebe sie, und als Gegenleistung nimmt sie mich mit nach Europa."

Atef Jemii hat eine andere Taktik. Der 28-Jährige, der stets einen Jogginganzug trägt, aber nicht aussieht, als würde er jemals Sport machen, kommt aus derselben Gegend wie Stiti und besitzt den gleichen Hintergrund, hat jedoch in Frankreich an der Universität von Nîmes Informatik studiert. Nachdem dem korpulenten Mann mit dem schwarzen Stoppelhaar das Geld ausging, brach er das Studium ab, kehrte in sein Heimatland zurück und nahm verschiedene kleine Jobs an. Währenddessen versuchte er immer wieder, ins Ausland zu reisen, bekam aber kein Visum. Nun sitzt er im Wohnzimmer seiner Familie im westtunesischen Jendouba und erzählt. Seine Mutter bringt Tee, der Fernseher und die Klimaanlage laufen auf Hochtouren. Am liebsten möchte Jemii mit seiner frischgebackenen Ehefrau Esma nach Québec auswandern: "Am schlimmsten finde ich in Tunesien dieses ständige Jammern. Die Menschen beschweren sich, dass sie keine Arbeit haben und den ganzen Tag im Café sitzen, aber wenn man ihnen eine Stelle anbietet, wollen sie sich nicht anstrengen für so wenig Geld. Diese Mentalität geht mir auf den Geist. Deshalb werde ich mich darum kümmern, dass wir hier wegkommen."

Jemii möchte ein Arbeitsvisum für Kanada bekommen. Dies könnte jedoch dauern, da er dafür laut einer kanadischen Website, die über Visamöglichkeiten informiert, "Bildung und Arbeitserfahrung" braucht. Sein Studium hat Jemii aber nicht beendet und sich danach mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Dennoch erwartet er, in Kanada eine leichte und gutbezahlte Arbeit zu finden: "Es wird schon irgendwie."

Habib Maazaoui ist anderer Meinung. Der 48-jährige gebürtige Tunesier sitzt in seiner Dresdner Wohnung und trinkt grünen Tee, während er in fließendem Deutsch über seine Erfahrungen spricht. Geboren wurde er in einem kleinen Dorf, die Eltern sind ungebildet, aber mit dem Wunsch, dass es ihrem Sohn einmal besser gehen soll als ihnen selbst. Schon früh kam Maazaoui aufs Internat in der Kreisstadt und schließlich auf eine der besten Universitäten Tunesiens. 1991 hatte er im Rahmen seines Bauingenieurstudiums die Möglichkeit, in Deutschland für zwei Monate ein Praktikum zu absolvieren.

Der Liebe wegen kam er nach Ablauf dieser Zeit mit einem Studentenvisum zurück und blieb. Fast zwanzig Jahre sind er und seine deutsche Frau nun verheiratet und haben zwei Töchter. Doch die Anfangszeit in dem fremden Land war schwer: Die Behörden wollten zuerst sein tunesisches Diplom nicht anerkennen, monatelang musste Maazaoui sich mit Fachbüchern beschäftigen, um das deutsche Ingenieurvokabular zu lernen, nachts sortierte er Pakete bei der Post, um Geld zu verdienen. Schließlich fand er mit der Hilfe seiner Frau jedoch Arbeit in einem Ingenieurbüro. Mittlerweile arbeitet er in einem großen Unternehmen, das Niederlassungen auf der ganzen Welt hat.

"Wenn ich in Tunesien geblieben wäre, könnte ich jetzt Abteilungsleiter oder Ähnliches sein. Aber so wollte es das Schicksal nicht. Das einzige, was ich wirklich von meinem Leben in Deutschland erwartet habe, ist, dass ich eine Stelle für meine Qualifikationen finde", sagt Maazaoui und fährt sich mit der Hand durch sein lockiges, schwarzes Haar. Ja, es gäbe auch Tunesier, die nicht gut ausgebildet seien und meinten, dass es ihnen in Deutschland besser gehe. "Aber für die ist der einzige Weg, nach Europa zu immigrieren, eine europäische Frau zu heiraten oder illegal als Flüchtling über das Mittelmeer zu kommen. Es gibt kaum eine andere Möglichkeit, in der französischen Botschaft in Tunis beispielsweise stehen die Menschen Schlange bis auf die Straße, um ein Visum zu beantragen." Viele tunesischen Migranten sprächen deshalb niemals über ihre Einwanderungsgeschichten, die oft von großen Hoffnungen, illegaler Einreise und Arbeitslosigkeit handeln, da sie ihnen unangenehm seien: "In Tunesien denken die Menschen normalerweise, dass man sich etabliert und etwas erreicht hat, wenn man in Europa lebt, aber in Wirklichkeit sind diese Leute in Deutschland gescheitert. Sie können nichts, und sie haben nichts." Wenn sie auf Heimaturlaub fahren, brächten diese Tunesier dann viele Geschenke mit und spielten sich auf, denn selbst das deutsche Arbeitslosengeld gelte dort als ein gutes Auskommen.

Doch natürlich habe man es nicht immer leicht als Migrant. Schlimme rassistische Anfeindungen hat Maazaoui zwar selbst noch nicht erlebt, aber es sind die kleinen Dinge, die einem den Alltag manchmal schwer machten: Wenn eine Stelle als "schon vergeben" ausgegeben wird, wenn ein Ausländer sich um sie bewerben will. Wenn man in Restaurants gefragt wird, ob man wirklich die deutsche Speisekarte will. Wenn man den Kollegen noch mehr als alle anderen beweisen muss, dass man etwas kann. "Ich habe hart gearbeitet, viel gelernt", sagt Maazaoui, "und oft habe ich nun mehr Ahnung von den deutschen Ingenieurnormen als die Deutschen selbst." Seine Zukunft sieht Habib Maazaoui in Deutschland. Hier lebt er mit seiner Frau und seinen Kindern, hier hat er Arbeit. Hier hat er das Leben, was sich viele seiner tunesischen Landsleute wünschen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Jammerei der anderen geht ihm auf die Nerven
Autor
Nadia Maazaoui
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2014, Nr. 18, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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