Fünf Gastfamilien und Entspannen in Karaokebars

Die Schweizerin Sheila hat ein Austauschjahr in Fukuoka verbracht und ist auf hilfsbereite Mitschüler gestoßen

Auf Kyushu, der südlichsten Hauptinsel Japans, befindet sich eine Stadt namens Fukuoka. Dort gibt es eine buddhistische private Mädchenschule. In Japan gibt es zwar fast in allen Schulen Uniformen, doch die Privatschulen haben strengere Regeln als die öffentlichen. So gibt es auch in dieser Schule viele Regeln: Wenn man lange Haare hat, muss man sie unterhalb der Ohren mit einem schwarzen oder dunkelblauen Haargummi zusammenbinden. Man darf in der Schuluniform nicht in ein Café gehen, es sei denn, man hat eine spezielle Erlaubnis. Man darf keine Handys in die Schule mitnehmen, seine Haare nicht färben und keine Piercings, Ohrringe oder Schminke tragen. Sogar die Länge des Rocks ist vorgegeben.

Diese Schule hat Sheila Zingg während eines Austauschjahres besucht. Die siebzehnjährige Gymnasiastin stammt aus Geroldswil im Kanton Zürich. Sheilas Mutter kommt aus Indien und ihr Vater aus der Schweiz.

Am Ende dieses Jahres färbte Sheila die Spitzen ihrer langen schwarzen Haare violett und besorgte sich violette Kontaktlinsen. "Die Kontaktlinsen wollte ich schon immer, aber in der Schweiz sind sie schwer zu bekommen, vor allem mit Korrektur, und dazu noch sehr teuer", berichtet die Gymnasiastin. "Ich wollte auch schon seit einiger Zeit meine Haare färben. Aber ich glaube, dass der endgültige Anstoß die strengen Regeln der Schule waren. Danach musste ich einfach etwas in der Art tun." Doch weshalb wollte Sheila ein Austauschjahr ausgerechnet in Japan machen, wenn die Schulen dort so streng sind? "Ich habe mich schon als Kind für Manga und Anime interessiert. Als ich irgendwann herausfand, dass diese aus Japan kommen, habe ich mich über das Land informiert. Mich hat die Kultur, die vollkommen anders ist als unsere, fasziniert. Auch die Sprache, vor allem die Schriftzeichen, fand ich sehr interessant. Aber ich glaube, dass man ein Land erst dann richtig kennenlernen kann, wenn man dort ist. Deshalb wollte ich unbedingt hinreisen", erzählt Sheila.

Also schrieb sie sich zuerst für einen Kurs ein, um die Sprache zu lernen. Zu Beginn des Austauschjahres war Sheilas Japanisch trotz des Kursbesuchs verständlicherweise auf einem niedrigen Niveau. "Ich konnte vieles nicht verstehen oder ausdrücken, daher war es anfangs schwer, mich mit anderen zu verständigen. Aber viele Leute versuchten, mir zu helfen und alles zu erklären. So gewöhnte ich mich schnell an alles."

Der erste Schultag war eins der eindrücklichsten Erlebnisse, die Sheila in ihrem Austauschjahr hatte. Sie kannte niemanden und konnte nicht gut Japanisch sprechen. Außerdem hatte sie gehört, dass Japaner schüchtern seien und nicht auf einen zukämen. Das Schulhaus war riesig. Sie bekam zuerst eine Führung, und danach musste sie sich allen Lehrern vorstellen. Dann gelangte sie in ihre Klasse. Gleich in der ersten Pause kam fast die ganze Klasse auf sie zu und redete mit ihr. Die Mitschüler waren überhaupt nicht schüchtern. Alle boten ihr ihre Hilfe an. So hatte Sheila nie wirklich Probleme in der Schule.

Es war nicht wichtig, ob sie gute Noten schrieb oder nicht, denn es war unmöglich, alles zu verstehen. Sie machte in Mathe und Englisch normal mit und hatte dazu noch einen speziellen Japanischkurs. "Anfangs musste ich oft nach Begriffen fragen oder in meinem Wörterbuch nachschauen, aber nach und nach habe ich immer mehr verstanden."

Neben der Sprache musste Sheila sich auch an die japanischen Ernährungsweise gewöhnen, denn die unterscheidet sich stark von der in der Schweiz. "Die meisten Gerichte sind Reisgerichte. Auch die Teigwaren sind anders, es gibt fast keine traditionellen Kartoffelgerichte. Aber Japaner essen auch westliche Gerichte", berichtet Sheila.

Die Jugendlichen in Japan gehen gerne zum Karaoke. Man kann in japanischen Karaokebars einzelne Kabinen mieten, wo man unter sich singen kann. "So muss man nicht vor fremden Leuten singen", erklärt Sheila. Außerdem gehen ihre Klassenkameraden gerne in Game Center, Orte, wo man verschiedene Minispiele oder Arcade Games spielen kann.

Bei der Organisation Rotary, die Sheilas Austauschjahr gestaltet hat, ist es üblich, dass man während seines Auslandsaufenthalts bei verschiedenen Gastfamilien wohnt. Sheila hatte insgesamt fünf verschiedene Gastfamilien. "Die meisten waren nett. Bei der ersten Gastmutter gab es leider das Problem, dass sie überhaupt kein Englisch sprach und ich zu diesem Zeitpunkt fast kein Japanisch, weshalb wir uns nur schlecht verständigen konnten. Mir gefiel aber die Abwechslung. Jede Familie war anders, so konnte ich die verschiedenen Aspekte der Kultur kennenlernen."

Sheila hatte beim Rückflug in die Schweiz gemischte Gefühle. "Ich habe in Japan viele gute Freunde kennengelernt. Natürlich war es schwer, sich von all diesen tollen Leuten zu verabschieden. Aber ich habe mich auch gefreut, meine Freunde aus der Schweiz und meine Familie wiederzusehen. Und es war ja kein Abschied auf ewig. Ich werde bald wieder nach Japan gehen. Vielleicht sogar schon diesen Winter." Sie könnte sich sogar vorstellen, eines Tages in Japan zu studieren oder zu wohnen.

Sheila musste sich wieder auf die Schweiz einstellen, nachdem sie sich an Asien gewöhnt hatte. Auch sprachlich rutschten ihr anfangs manchmal japanische Wörter raus. Aber inzwischen hat sie sich wieder in der Schweiz eingelebt. Doch ein paar Dinge sind trotzdem anders, als sie vor dem Austausch waren: "Ich glaube, ich bin durch dieses Jahr stärker und selbstbewusster geworden, da ich mich in einer vollkommen anderen Kultur mit einer anderen Sprache alleine zurechtfinden musste."

Informationen zum Beitrag

Titel
Fünf Gastfamilien und Entspannen in Karaokebars
Autor
Marta Lapcic
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2014, Nr. 18, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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