Rutschende Pinguine und ständig neue Spiele

Camille ist 16 Jahre jung und arbeitet seit zwei Jahren in einem Dorf im Kanton Wallis als Skilehrerin. Wenn "dä Snowli chunnt", das Maskottchen der Schweizer Schule, haben die Kinder Spaß.

In dem kleinen Bergdorf La Forclaz im Kanton Wallis scheint die Nachmittagssonne auf die Skischule. Auf dem Gelände sind überall Plüschtiere verteilt. Die Eltern der Kinder, die zwischen drei und zwölf Jahre alt sind, stehen außerhalb der Absperrungen und schauen zu. Es herrscht kein Hochbetrieb mehr. Die kleinsten Kinder, die "Frischlinge", stehen zum ersten Mal auf den Ski und versuchen, auf der ungewohnten Ausrüstung zu gehen, während die etwas älteren schon auf einem größeren Hügel Kurven fahren.

Da ruft ein junges Kind in einem blauen Skianzug: "Dä Snowli chunnt!" Snowli ist ein großer, weißer Hase, der vom Planeten "Snow" kommt. Er ist das Maskottchen der Schweizerischen Schneesportschule. Als Snowli das Gelände betritt, rennen alle Kinder auf ihn zu und umarmen ihn. Selbst die Kinder, die noch nicht mit den Skiern gehen können, kommen verblüffend schnell bei ihrem weißen Freund an. Mittendrin steht die 16-jährige Camille Bertossa. Das Mädchen mit den halblangen, braunen Haaren arbeitet seit zwei Jahren in den Schulferien als Skilehrerin in La Forclaz. Sie selbst absolvierte die Skischule bis zur zweithöchsten Stufe an dem Ort.

"Die jüngsten Kinder sind drei Jahre alt, und wenn man Skilehrerin werden möchte, ist das Erste, was man lernt, dass kleine Kinder nur spielerisch lernen", sagt Camille. Wenn die Kleinen mit den Skiern laufen lernen, spielt man zum Beispiel Indianer. Die Kinder bekommen jeweils eine Feder, die sie in den Helm stecken. Dann laufen sie zu dem Teich, der aus einem blauen Tuch besteht. Auf dem Tuch liegen kleine Fische aus Holz, auf denen ein Magnet angebracht ist.

Die Kinder nehmen die Angelruten, die neben dem Teich liegen. Es sind natürlich keine echten, sondern Holzstöcke mit einem Seil. Am Ende des Seils ist ein Magnet, damit die Fische auch daran halten. Wenn die Kleinen ihre Fische haben, bringen sie die Fische zu einem großen Haufen oranger Tücher und "braten" sie. Das Ganze scheint den Kindern eine ungeheure Freude zu machen, obwohl alles nur gespielt ist. Die Kinder, die schon gerade den Hang hinunterfahren, spielen Pinguine, die auf dem Schnee runterrutschen, und die, die schon Kurven fahren, sind Rennautos.

Dieser "pädagogische Umgang", wie ihn Camille nennt, kann für die Lehrer eine ziemliche Herausforderung sein. Denn jeden Tag ein neues Spiel präsentieren zu können ist schwieriger, als es klingen mag. In der Hochsaison hat Camille bis zu neun Kinder in einer Gruppe. Schwierig wird es, wenn alle eine andere Sprache sprechen. "Wir haben viele Holländer und französischsprachige Kinder." Die Gymnasiastin spricht fließend Spanisch, Deutsch, Französisch und Italienisch. Zudem lernt sie für die Skischule auch noch Holländisch. "Die Kinder merken aber schon, dass ich eigentlich Deutsch spreche. Manchmal kommen mir die Wörter, die ich benötige, nicht in den Sinn."

Wenn neun Kinder in einer Gruppe sind, kann man nicht auf jedes Kind einzeln eingehen. "Die Kinder müssen auch viel lernen, indem sie es einfach tun. Wir müssen alle Kinder gleich behandeln. Sonst müssen sie in den Privatunterricht." Der Privatunterricht kostet je Stunde ungefähr 90 Franken und ist effizient. "Es kann ziemlich langweilig für den Lehrer werden, aber die Kinder lernen viel", meint Camille.

Je jünger die Kinder sind, desto schneller weinen sie auch. Dies ist schlecht für die ganze Gruppe. Wenn eines beginnt, nach seiner Mutter zu rufen, merken die anderen, dass ihre Mutter auch nicht da ist, und dann beginnt eine Kettenreaktion. Die Kinder, die nicht beruhigt werden können, werden dann entweder abgeholt oder machen eine Pause mit Punsch und Keksen im Tipi. "Es ist schon vorgekommen, dass in der Pause kleine Kinder eingeschlafen sind. Dies passiert aber nur, wenn sie zu spät ins Bett gehen."

Auch die Administration ist nicht ganz einfach. "Jedes Kind bekommt zwei kleine Zettel mit einem Strichcode drauf. Den einen Zettel behält das Kind, den anderen nehme ich. Nach dem Unterricht scanne ich jeden einzelnen Zettel in den Computer ein. Wenn ich es vergesse, bekomme ich für diesen Tag keinen Lohn." Am Ende der Woche bekommt jedes Kind ein Büchlein, in dem ein kurzes Feedback steht, und einen Anstecker. Wenn die Kinder alle Anforderungen einer Stufe erfüllt haben, dürfen sie das nächste Mal eine Stufe höher. "Meistens sind die Eltern viel ehrgeiziger als die Kinder. Die wollen, dass ihre Kinder innerhalb zweier Tage Profis sind."

"Das Schönste ist, wenn man Ende der Woche beim Skirennen die Fortschritte sieht", sagt Camille. Die Kinder sind immer stolz auf die Medaille und den kleinen Snowli, den sie bekommen. Zudem macht die Arbeit als Skilehrerin Spaß: "Ich bin den ganzen Tag an der frischen Luft, und ich liebe Kinder. Ich freue mich immer so, wenn ich sehe, wie sie Fortschritte gemacht haben", lacht Camille, und ihre Augen strahlen unter ihren Brillengläsern hervor. Das Lustigste sind die Geschichten, die man dann erzählen kann. "Einmal hatte ich Privatunterricht, und das Mädchen wollte weder Kurven machen noch bremsen. Am Schluss ist sie den ganzen Hügel geradeaus hinuntergefahren, direkt in mich rein. Man erlebt jeden Tag etwas Neues und hat jede Menge Spaß."

Camille nimmt die neun Kinder, die sie in ihrer Gruppe hat, in einen Kreis zusammen. "Also, was möchtet ihr zum Abschluss noch spielen?", fragt sie. Ein kleines Mädchen in einem rosaroten Skianzug streckt die Hand in die Luft und fragt, ob sie nicht noch das Ballonspiel spielen können. Die Kinder ziehen ihre Skier aus, machen einen Kreis und halten sich an den Händen. "Der Ballon ist noch nicht gefüllt. Blasen wir ihn auf", ruft Camille. Alle Kinder beginnen in die Mitte des Kreises zu blasen und machen kleine Schritte zurück, bis alle Arme getreckt sind. "Noch einmal ganz fest!", lacht die Lehrerin. Die Kinder blasen noch einmal, treten einen Schritt zurück, und der Kreis reißt. Die Kleinen fallen alle theatralisch um, während sie laut "päng" rufen. Dann treffen schon die ersten Eltern ein und holen ihre Kinder ab. "Bis heute Nachmittag!", rufen die Kinder, als sie sich auf den Weg zum Auto machen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Rutschende Pinguine und ständig neue Spiele
Autor
Seraina Weinmann
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2014, Nr. 24, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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