Er verkauft regionale Wetterprognosen

Stefan Bender hat sich schon als Kind in den Weinbergen über falsche Wettervorhersagen geärgert und ist Meteorologe geworden

Es ist neun Uhr dreißig an einem Donnerstag im August. Der Himmel ist bewölkt. Ungewöhnlich für den Sommer 2013. So empfindet auch Diplom-Meteorologe Stefan Bender, ein großer, stattlicher Mann Anfang 50 in legerer Kleidung, der in diesen Tagen wegen regionaler, hitzebedingter Unwetter alle Hände voll zu tun hat. Der in Bad Dürkheim geborene dreifache Familienvater startete seine Karriere als "Wetterfrosch" mit einem Meteorologiestudium an der Universität in München, nachdem er sich schon als Kind darüber geärgert hätte, wenn er sich bei der Arbeit in den familieneigenen Weinbergen nicht auf die damaligen Wettervorhersagen verlassen konnte. Nach dem Abitur reifte der Entschluss, den Geheimnissen des Wetters im Studium auf den Grund zu gehen.

Zu Beginn des vierzehn Semester währenden Studiums musste sich Stefan Bender ausschließlich durch die trockene Theorie von Physik und Mathematik durchboxen. "Mit der Praxis des bekannten Wettermachens hatte das erst mal nichts zu tun", sagt Stefan Bender. Nach dem Vordiplom kann er jedoch sein theoretisches Wissen während einiger Segelflug-Praktika, die an der Universität München angeboten wurden, endlich auch real nutzen. Während seiner Ausbildung als Segelflieger in Bad Tölz war er immer mal wieder als Flugwetterberater tätig. Unter anderem bei den Segelflug-Landesmeisterschaften in Baden-Württemberg in Hockenheim und bei den deutschen Meisterschaften der Gasballonfahrer in Gersthofen bei Augsburg. Eine komplexe Aufgabe, da man bei der Festlegung der Wettbewerbs-Flugstrecke im Alpen- oder Mittelgebirgsraum eine große Verantwortung für die Piloten trägt.

Nach Abschluss seines Studiums hieß es dann, den Weg ins Berufsleben einzuschlagen. Die Berufsaussichten eines Meteorologen seien schon damals nicht besonders gut gewesen. Der große staatliche Deutsche Wetterdienst habe nur wenige Diplom-Meteorologen eingestellt. Und kleinere Unternehmen waren 1992 kaum am Markt. Doch Bender hat Glück. Durch einen Studienkollegen erfährt er von einer freien Stelle bei der ersten privaten deutschen Wetterfirma in Ingelheim und tritt dort ganz ohne den sonst so großen Bewerbungsaufwand seine erste Stelle im Dienste des Wetters an.

Im Jahr 1998 wagt Bender dann den Schritt in die Selbständigkeit. Er lässt sich im rheinhessischen Wendelsheim nieder und gründet zusammen mit Dr. Martin Gudd seine eigene Wetterfirma "Bender & Gudd - Infodienst für Wetter und Natur". Er errichtet eine Wettermessstation und berechnet eigene regionale Wetterprognosen auf Grundlage des amerikanischen "global forcast systems" (gfs), die er an Kunden verkauft. Zu diesen Kunden gehören Energieversorger, ein Formel-1-Team, Betriebe aus der Landwirtschaft und Fernseh- und Rundfunksender. Dafür bietet Bender & Gudd eine eigene Wetterpräsentation. "Das fiel mir anfangs gar nicht so leicht. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Wettersendungen", schmunzelt Stefan Bender. "Bevor ich on air ging, musste ich meine Aussprache und meine Stimme trainieren."

Aber auch in diesem Metier hat Stefan Bender Fuß gefasst. So moderiert der Diplom-Meteorologe regelmäßig das Wetter mit viel Witz und Charme für Sendungen von FFH und SWR 4. "Für meine Präsentationen habe ich eine genaue Zeit zur Verfügung, die es exakt einzuhalten gilt. Da die Vorhersagen teilweise für bis zu sechs regionale Sendestudios parallel laufen, muss der Wetterbericht zeitlich haargenau für die verschiedenen Gebiete aufeinander abgestimmt werden. Da geht es schon mal recht hektisch zu im Studio." Bender hat in seinem Haus in Wendelsheim ein eigenes Studio, von wo aus er live auf Sendung gehen kann. Sein wichtigstes Arbeitsmittel zu Hause ist sein Mikrofon, ein hochsensibles Gerät, das nur die direkte Umgebung erfasst. Hintergrundgeräusche werden nicht übertragen. Oder fast nicht! Denn einmal kam es vor, dass Stefan Benders kleiner Sohn mitten in die Live-Moderation platzte, weil der seinem Vater eine wichtige Frage stellen wollte. Bender hatte in diesem Moment alle Hände voll zu tun, seinen Sohn zu beschwichtigen und gleichzeitig die Hörer nichts merken zu lassen und seine Wettermoderation durchzuziehen.

Zusammen mit seinem Partner betreibt er drei Produktionsstudios, in denen täglich zahlreiche Radiobeiträge entstehen. Zudem werden Seminare und Vorträge gehalten. Im technischen Studio in Wendelsheim werden die hochwertigen und sensiblen Wetterstationen für die Firmenkunden angefertigt. Obwohl Bender viel am Computer arbeitet und die Vorhersagen im Büro verkündet, ist er oft draußen, um das Wetter zu beobachten. Zusammen mit seinen errechneten Wetterdaten vermittelt er seine Eindrücke den Zuhörern. "Es gehört dazu, die Natur zu erforschen. Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht in den Himmel schaue und die Wolken beobachte."

Trotz intensiver Berechnungen und Auswertungen kommt es aber auch mal vor, dass Stefan Bender mit seinen Vorhersagen danebenliegt. So gab er im Sommer 1994 ein Interview bei SWR4. Die Wettermodellberechnungen sagten für ganz Rheinland-Pfalz einen lauen Sommerabend voraus, der für eine Grillparty wie geschaffen schien, wie Bender im Wettergespräch um 15.20 Uhr an diesem Tag propagierte. Die Vorhersage traf für circa 99,9 Prozent der Rheinland-Pfälzer auch zu. Jedoch hatte sich aus einem Gewittertief über Frankreich eine Unwetterzelle abgelöst und war, völlig unbeeindruckt von Benders Berechnungen, genau über Zweibrücken gezogen. Dort sind innerhalb von 30 Minuten 30 Liter Wasser vom Himmel gefallen. Statt Grillparty mussten damals die Zweibrücker ihre Keller auspumpen.

In diesem Fall hatte die Natur den Auswertungen Benders einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Bei extremen Wetterverhältnissen wie im Sommer 2013, in dem eine große Hitze und Unwetter eine große Rolle spielten, hat Bender oft einen langen Arbeitstag. Es werden Sondersendungen notwendig. Da kann ein Arbeitstag schon mal von vier Uhr morgens bis spät abends dauern und auch das Wochenende ausfallen. Trotzdem liebt Bender seinen Beruf. "Ich genieße jeden Tag meines abwechslungsreichen Berufslebens", sagt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Er verkauft regionale Wetterprognosen
Autor
Alicia Stumpf
Schule
Gymnasium am Römerkastell , Alzey
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2014, Nr. 24, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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