Im Meer von Millionen Diamanten

Vorsichtig einen Ski vor den andern setzend, steigt die Vierergruppe mit der aufgehenden Sonne immer höher. Ihre Atemwolken tanzen in der kühlen Luft, während die Schneelandschaft wie ein Meer aus Millionen von Diamanten glitzert. Um 7.25 Uhr erreicht die Gruppe, angeführt von Adi Furrer, nach rund drei Stunden ihr Ziel. Ein drei Meter großes silbernes Metallkreuz ragt einsam aus dem Schnee, während sich im Hintergrund idyllisch eine Bergkette abzeichnet. Auf allen Seiten fallen die schneebedeckten Felswände steil nach unten. Der Gipfel des Gross Muttenhorns liegt 3099 Meter über dem Meer im Kanton Uri.

Der in diesem Schweizer Kanton lebende Bergführer begleitet seit 24 Jahren in jedem Jahr rund 120 Naturbegeisterte durch Norwegen, Russland und den ganzen Alpenraum. "Der Beruf Bergführer liegt mir sozusagen im Blut, mein Vater wie auch mein Bruder teilen mit mir die gleiche Arbeit. Auch meine zwei erwachsenen Kinder sind begeisterte Bergtourenfans", erklärt Furrer. "Meine Eltern waren 27 Jahre lang Hüttenwärter einer mietbaren Berghütte des Schweizer Alpen-Clubs. So war ich von klein an von vielen Bergführern umgeben, die mir oft wunderbare Geschichten von ihren Touren erzählt haben."

Der 49-Jährige bietet verschiedene Touren an. Man kann zwischen Freeride, Skitouren ab Hotel oder Skihochtouren wählen. "Freeride ist das Skifahren abseits den Pisten mit kurzen Aufstiegen. Bei den Skitouren ab Hotel machen wir eine Woche von einem Gasthaus aus Tagestouren und legen etwa 1000 bis 1500 Höhenmeter zurück. Die Skihochtouren sind nochmal was anderes. Dann legen wir zum Beispiel im Berner Oberland am Tag etwa 1000 bis 2000 Höhenmeter zurück und gehen mit Vollgepäck von Hütte zu Hütte." Die Aufgaben des Bergführers seien bei allen Touren gleich: Sicherheit vermitteln, motivieren, Verantwortung übernehmen, die besten Abfahrten kennen und auf die Gäste eingehen und so je nach Erfahrung die richtige Tour heraussuchen.

Für das Gepäck ist jeder selbst zuständig. "Für das Freeride sind es etwa sechs Kilogramm Gepäck, bei den Skitouren fünf bis acht Kilogramm und bei Hochtouren zehn bis fünfzehn Kilogramm." Heliskiing, Touren, bei denen der Helikopter die Leute auf den Gipfel bringt, bietet er wegen der Umwelt nicht an. "Die Leute denken in zu kleinen Zeithorizonten, und nur wenige achten auf die Umwelt. Ich sehe mit meinen eigenen Augen, was zum Beispiel in den Bergen passiert wegen der Klimaerwärmung."

Um Bergführer zu werden, muss man einen zehnwöchigen Prüfungskurs, der auf zweieinhalb Jahre verteilt ist, und Praxistage mit ausgebildeten Bergführern und Gästen absolvieren. Es gibt auch negative Seiten. "Ich bin zum Beispiel viel unterwegs, da ist es schwierig, mit der Familie den Kontakt zu halten und wirklich einen Kollegenkreis aufzubauen." Andererseits habe er fast den ganzen Alpenraum kennengelernt. "Ich bin immer an der frischen Luft und habe schon viele Touren mit tollen Leuten erleben dürfen. Mit meinen Stammgästen gehe ich schon fast seit 24 Jahren jedes Jahr mindestens eine Woche auf Touren", lächelt Furrer und streicht sich mit seinen wettergegerbten Händen über die Augen, die wegen des ständigen Tragens einer Sonnenbrille weiß umrahmt sind. Hauptsächlich führt er Schweizer Stammgäste durch die Berge, doch ab und zu sind es auch Niederländer, Deutsche, Norweger oder Schweden.

Die zwanzigminütige Pause auf dem Gipfel des Gross Muttenhorns ist vorbei, und die Gruppe schnallt sich ihre Skier wieder an. Langsam gleitet die Vierergruppe durch den Neuschnee Richtung Tal, und Adi Furrer hofft, dass die Klimaerwärmung ihm die Gletscher nicht zu bald stiehlt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Meer von Millionen Diamanten
Autor
Alexandra Rüegg
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2014, Nr. 24, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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