Plastikgartenstühle mit montierten Rädern

Die Sonne brennt erbarmungslos auf einen betonierten Basketballplatz. Der Boden ist mit einer dünnen Schicht Staub bedeckt, und der Korb hatte wohl noch nie ein Netz. Das stört die Gruppe von Afrikanern nicht, die Krücken in der Hand haben, auf Plastikstühlen sitzen und gespannt dem weißen Europäer in ihrer Runde auf die Hände schauen. Der sitzt als Einziger in einem Rollstuhl mit schräg gestellten Rädern und blinzelt gegen die Sonne am blauen Himmel, bevor er seine kräftigen Arme nach oben streckt und den Basketball gekonnt in Richtung des rostigen Korbes wirft.

Robin Kaltenbach, der seit dem fünften Lebensjahr querschnittsgelähmt ist, verbrachte fünf Monate im zentralafrikanischen Kamerun. Im Rahmen seines Studiums der Umweltwissenschaften an der Universität Koblenz-Landau war ein umfangreiches Praktikum fällig. So kam der schmal gebaute 24-Jährige, der große braune Locken und einen dichten Bart hat, zu Green Step e. V. Der deutsche Verein mit Sitz in der kamerunischen Stadt Buea hat es sich, wie auf seiner Homepage zu lesen ist, zur Aufgabe gemacht, "mit Hilfe umweltfreundlicher Technologien den Lebensstandard der ländlichen Bevölkerung in Entwicklungsländern nachhaltig zu verbessern".

Seit mehreren Jahren arbeitet der in Freiburg geborene und in der Südpfalz aufgewachsene Weltenbummler Kaltenbach nicht nur ehrenamtlich im Landauer Weltladen, sondern bebaut zusammen mit den Mitbewohnern seiner Wohngemeinschaft einen kleinen Garten. So passte es zu ihm, gemeinsam mit den einheimischen Bauern nachhaltigeren landwirtschaftlichen Methoden Anwendung zu verschaffen.

In Kamerun war die abgelegene 2000-Seelen-Gemeinde M'muock im westlichen Bergland der ehemaligen deutschen Kolonie sein Einsatzgebiet. Die Bewohner leben hier von der eigenen Landwirtschaft, hauptsächlich vom Kartoffelanbau. Für den sind sie sogar in ganz Kamerun bekannt. "Die größte Herausforderung für die Bauern ist die Beschaffung von qualitativ hochwertigem Saatgut", sagt Kaltenbach. "Durch schlechtes Saatgut sind die Kartoffelpflanzen weniger ertragreich und werden öfter von Kraut- und Knollenfäule oder anderen Krankheiten befallen." Zusammen mit einem lokalen Mikrofinanzinstitut arbeitete er deshalb daran, den Bauern den Kauf und die Vermehrung von besserem Saatgut zu ermöglichen.

Als Praktikant lebte Kaltenbach in M'muock bei Celestine, einem einheimischen Landwirt, der vor wenigen Jahren kurz davor war, nach Deutschland zu kommen, um in Bonn Agrarwissenschaften zu studieren. Jedoch starb in dieser Zeit sein Vater, und seither muss sich Celestine als ältester Sohn um die drei Frauen des Vaters und deren Familien kümmern. "Er muss zum Beispiel Schulgeld für alle seine Halbgeschwister oder deren Kinder zahlen. Und Kinder gibt es wirklich ziemlich viele in der Großfamilie." Das fiel Kaltenbach schon daran auf, dass es in M'muock vier Grundschulen gibt, was für ein deutsches Dorf dieser Größe undenkbar wäre. In der Schule lernen die Kinder Englisch, im Dorf wird aber die Stammessprache des Bamileke-Volkes gesprochen, das in dieser Region zu Hause ist. Kaltenbach redete mit allen Leuten ein Pidgin-Englisch, sowohl mit den Bauern als auch mit den anderen Dorfbewohnern, die er zum Beispiel in der Dorfkneipe traf. "Das kann man sich am besten wie eine kleine Bar mit integriertem Einkaufsladen vorstellen, wo man sich trifft, um zum Beispiel TV in einem der wenigen Fernsehapparate des Dorfes zu sehen."

Besonders gefüllt war die Bar dann, wenn es Fußballspiele wie die des Afrika-Cups oder der Champions League zu sehen gab. Lieblingsmannschaften sind meist europäische Clubs wie Bayern, Barcelona oder Manchester United. Jedoch gehören in der Region Stromausfälle zum Alltag und passieren meistens am Abend. "Einmal war die Stromleitung kurz nach dem Anpfiff tot", schmunzelt Kaltenbach, der sich selbst gerne Fußball ansieht, "aber auf solche Fälle war der Wirt immer bestens vorbereitet. Er ist dann schnell hinters Haus gerannt und hat seinen Dieselgenerator angeschmissen."

Neben den Fußballabenden sind in M'muock die Termine des Marktes wichtig, der zweimal in der traditionell achttägigen Woche stattfindet. Hier bieten vor allem Bauern ihre Waren an, Kaltenbachs Favorit waren die frisch frittierten Kochbananen, die es auch bei der Familie von Celestine oft zu essen gab und die er sich auch jetzt in Deutschland ab und an zubereitet. "Es wurde immer wahnsinnig scharf und meistens sehr fettig gekocht, das machte meinem Magen manchmal ganz schön zu schaffen." Zu dem hohen Ölbedarf in der Küche passte ein Sonnenblumen-Projekt, das der Speiseölgewinnung dienen sollte. Dabei arbeitete Kaltenbach viel mit seinem Gastvater Celestine auf dessen Grundstücken zusammen.

Als die Organisatoren von "Basketball for Development" in Buea einen Aktionstag Wheelchair-Basketball anbieten wollten, durfte sich Kaltenbach vor 20 Körperbehinderten als Basketball-Coach versuchen. Schwierig war, dass für alle Teilnehmer gerade einmal drei Rollstühle vorhanden waren. Einen davon brachte Robin Kaltenbach aus Deutschland mit, die anderen beiden Gefährte waren von einem örtlichen Handwerker gebaut worden und setzten sich aus herkömmlichen weißen Plastikgartenstühlen und daran montierten Rädern zusammen. Also ließ Coach Robin die Frauen und Männer auf dem aufgeheizten Platz rumkurven, sich den Ball zupassen und auf den Korb werfen. Schon vor seiner Reise war ihm bewusst, "dass es gerade die Menschen mit Behinderung in Kamerun nicht leicht haben". Und auch er selbst war durch seine Behinderung in Afrika viel mehr eingeschränkt als zu Hause in Deutschland.

Früher spielte Kaltenbach Tischtennis im Verein. "Beim Tischtennis saß ich im Rollstuhl aber immer nur auf der Stelle. Mir war das da zu wenig Bewegung." Wie die meisten jungen Menschen sehnte er sich danach, in einem Sport bis zur Erschöpfung für ein Ziel kämpfen zu müssen. Die Möglichkeit dazu gab ihm der Basketball, der im Rollstuhl genauso spannend und kämpferisch betrieben werden kann wie von Fußgängern.

Wegen seines Einsatzes wurde er, wieder zu Hause bei seinen drei Brüdern und seinen Eltern angekommen, auf eine Konferenz des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eingeladen. In Köln trafen sich Organisationen, die wie "Basketball for Development" Sportprojekte in Afrika fördern, um sich besser zu vernetzen. Der Hobbysportler will sich auf jeden Fall weiter für den Rollstuhlbasketball engagieren. Deshalb hat er sich fest vorgenommen, nach Kamerun zurückzukehren, wenn Studium und Diplomarbeit in einem Jahr abgeschlossen sind. Robin Kaltenbach möchte dann auch nach den Ergebnissen der Projekte in M'muock sehen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Plastikgartenstühle mit montierten Rädern
Autor
Jonas Kaltenbach
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2014, Nr. 30, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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