Der Abfaller am Vertikaltuch beschert ihr ein tolles Gefühl

Fünf Meter über der Erde, dort hängt sie kopfüber. Nur mit den Zehen am Trapez eingehängt, konzentriert sich Sarah Kreischer auf ihre Figur. Die gebürtige Österreicherin wohnt schon seit über einem Jahr in Berlin, um dort die Staatliche Artistenschule zu besuchen. Bereits mit zwei Jahren fing Sarah an, an einer Schaukel zu turnen und zu klettern, aber ihrem Vater war dies zu gefährlich, und so kaufte er ihr ein Trapez, damit sie sich besser an der Trapezstange zwischen den beiden Seilen festhalten konnte.

Damit war der erste Grundstein für einen großen Traum und für eine große Karriere gelegt. Sarah turnte viel und lernte fleißig dazu. Ihr Vater, der selbst ein Pantomime-Künstler ist, unterstützte sie dabei nach Kräften. "Ich wurde in eine Künstlerfamilie hineingeboren und habe diese Gene auch vererbt bekommen", erzählt die braunhaarige 14-Jährige in der Berliner Wohnung, in der sie seit diesem Schuljahr mit ihrem Vater lebt.

Um ihren Traum erfüllen zu können und eine Artistenschule besuchen zu dürfen, übersprang sie eine Schulklasse und zog nach Berlin. Dort lebte sie für ein Jahr im Internat, knappe 500 Kilometer von ihrer Familie im baden-württembergischen Herbrechtingen entfernt, wo sie zuvor mehrere Jahre gewohnt hatte. "Ich habe sie anfangs schon vermisst und hatte Heimweh, aber es gibt ja das Telefon", sagt Sarah zwinkernd. Um sie besser unterstützen zu können, ist ihr Vater in der Zwischenzeit von Herbrechtingen nach Berlin gezogen. Bei ihm wohnt sie nun, um täglich die Artistenschule zu besuchen.

Schon früh begann Sarah mit Trapez- und Vertikaltuchauftritten. Ein Vertikaltuch besteht aus zwei langen Stoffbahnen, die aufgehängt werden, so dass Luftakrobaten an ihnen in die Höhe klettern und anspruchsvolle Figuren vorführen können. Einen ihrer Lieblingsauftritte hatte sie mit sechs Jahren bei einer Firmenfeier. "Dies ist einer meiner Lieblingsauftritte, da zu meiner Nummer eine Sängerin live gespielt hat", erzählt das schlanke Mädchen mit leuchtend braunen Augen. Bei einem anderen Trapezauftritt trat sie als süßer, kleiner Engel mit selbstgedrehten Locken auf. Mit neun Jahren durfte sie schließlich in einer Eishockeyhalle in Finnland ein riesiges Festival mit mehr als 14 000 Teenagern eröffnen.

"Es ist einfach ein tolles Gefühl, die Kontrolle über meine Bewegungen zu haben, Abfaller zu machen und die kurze Zeit im freien Fall, der dann von dir selbst gebremst wird", sagt Sarah. Der Abfaller ist eine Figur am Vertikaltuch, bei der man sich auf hoher Höhe erst in das Vertikaltuch hineinwickelt und sich dann so schnell auswickelt, dass man dabei kurz im freien Fall ist. "Was mich immer freut, ist, wenn Leute nach meinen Auftritten zu mir kommen und sagen, dass sie es schön fanden." Das ist auch einer der Gründe, weshalb Sarah Artistin werden möchte. Es ist ihr klar, dass sie, um an ihr Ziel zu kommen, hart trainieren muss.

Auf der Artistenschule erhielt Sarah eine Grundausbildung in verschiedenen Bereichen. So zählten nicht nur Trapez, die Gleichgewichtskunst Equilibristik und das Tempo-Springen, bei dem man Übungen wie Rad und Flickflack lernt, zu ihrem Stundenplan. Auch Fächer wie Drahtseil, Jonglage und Ballett gehörten zu ihrer Grundausbildung. Sie hatte das vergangene Schuljahr mehr als 22 Stunden Sport in der Woche, aber dies sind nur die Pflichtstunden. Die zusätzlichen Übungsstunden am Abend, die freiwillig stattfanden, gehörten fast täglich dazu.

Die Grundausbildung hat Sarah letztes Schuljahr abgeschlossen, so dass sie nun mit der Vorspezialisierung beginnen kann. Sarah hat sich für das Trapez, mit dem für sie ja alles angefangen hat, entschieden. Daran muss sie auch eine monatliche Leistungskontrolle machen, die aber nur lehrerabhängig und deswegen nicht bei jedem Schüler stattfindet. "Dazu gibt es noch jedes halbe Jahr die Halbjahrs- und Jahresleistungskontrolle, bei der mindestens drei Lehrer zuschauen müssen." Diese entscheidet darüber, ob die Schüler weiter die Artistenschule besuchen dürfen oder in ihr altes Leben zurückkehren müssen. "Wenn man so weit gekommen ist, dann möchte man aber nicht aufgeben", erklärt Sarah, "man trainiert so lange, bis man es kann und die Prüfung besteht."

Ihr Training ist im Vergleich zum vergangenen Jahr viel freier geworden, denn jeder darf nun lernen, was er möchte, wobei sich die meisten Schüler an den Vorgaben der Lehrer orientieren. Sarah hat jetzt auch eine neue Hauptfachlehrerin. Diese ist in jeder Einheit zwischen 15 und 30 Minuten bei ihr. Sie hält sie bei den Übungen und gibt ihr Tipps. So soll jeder Schüler individuell gefördert werden, denn am Schluss soll jeder seine eigene Auftrittsnummer präsentieren. "Cool ist auch, dass wir abends ins freie Training dürfen, da können wir machen, was wir wollen, und die Lehrer sind nur da, um selbst zu trainieren." Das freie Training findet abends außerhalb des normalen Stundenplans statt und ist freiwillig, aber die meisten Schüler besuchen es. Es ist ein Privileg für die älteren Schüler, da man erst ab der 9. Klasse allein in der Übungshalle trainieren darf.

Die Trainingseinheiten sind nun auch viel anstrengender, und so hat Sarah viele Blasen und blaue Flecken. "Aber man gibt trotz der Schmerzen nicht auf. Sie spornen mich eher an, weiter zu trainieren." In den letzten zehn Minuten einer Trainingseinheit machen alle Schüler immer einen Kraftkreis, bei dem man viele anstrengende Übungen unter Aufsicht des Lehrers absolvieren muss. "Durch diesen Kraftkreis haben anfangs viele Muskelkater bekommen, aber das gehört einfach dazu." Alle diese Übungen sollen die Schüler nicht nur auf ihr Gerät, sondern auch auf ihre Zukunft als ausgebildete Artisten vorbereiten. "Ich möchte später natürlich erst einmal als Trapezartistin arbeiten, am liebsten in einem Varieté, und nebenher studieren. Ich weiß zwar noch nicht genau, was, aber ich weiß, dass man in dieser Branche nicht für immer arbeiten kann", erklärt sie mit ernster Miene.

Auf die Frage, ob sie trotz des vielen Trainings und neben der Schule ihr Zuhause vermisst, muss Sarah erst einmal nachdenken. "Im Moment weiß ich nicht einmal richtig, wo mein Zuhause ist." Die Freunde und die Umgebung in Herbrechtingen vermisst sie manchmal. Allerdings meistens dann, wenn sie nicht viel zu tun hat, und das ist bei ihrem jetzigen Stundenplan von 54 reinen Schulstunden eher selten der Fall. "Es bleibt einfach nicht viel Zeit, etwas zu vermissen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Abfaller am Vertikaltuch beschert ihr ein tolles Gefühl
Autor
Natalie Häußler
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2014, Nr. 30, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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