Oft werden neue Waffen freigeschaltet

Thomas ist stundenlang online / Die hilflosen Eltern sorgen sich / Der Sohn verlässt sein Zimmer kaum

Das Erste, was man bemerkt, wenn man den stickigen, düsteren und nach Pizza riechenden Raum betritt, ist der grell leuchtende Computer. Skype und League of Legends, ein Action-Echtzeit-Strategiespiel, laufen. Davor sitzt der 17-jährige Thomas Kuster (Name geändert), der das Spiel fast jeden Abend spielt, während er sich mit seinen Freunden über Skype unterhält. Thomas ist nicht der stereotype, übergewichtige, leicht verwahrloste Computerspieler, nur seine gebückte Körperhaltung weist auf häufiges Sitzen hin. Er wirkt gepflegt und ist eher schlank. Seine Kleidung ist lässig und dem Alter entsprechend, er trägt ein T-Shirt und eine schwarze Jogginghose, wenn er rausgeht, zieht er aber ein Paar Jeans an.

Die Mutter ruft zum Abendessen, aber Thomas kann sich nicht von seinem Computer lösen. "Ich würde sagen, dass ich etwa zu 80 Prozent meiner Freizeit am Spielen bin", sagt er. Der Jugendliche ist computerspielsüchtig, einer von vielen, in einigen Ländern ist angeblich fast ein Drittel der Bevölkerung betroffen. Thomas hat auch sonst viel mit Computern zu tun. Als Gymnasiast, der das mathematische Profil an einem Gymnasium in Zürich gewählt hat, dient ihm das Internet zur Recherche, und auch seine Arbeiten und Statistiken werden am Computer geschrieben, überarbeitet und ausgewertet.

Wieder einmal sitzt der Schüler vor dem Computer, wieder einmal spielt er mit seinen Freunden League of Legends. Eigentlich sollte er sich umziehen, denn in knapp fünf Minuten muss er gehen. Die Mutter hat einen Tisch in einem Restaurant reserviert. Doch er kann nicht einfach aus dem Spiel und den PC runterfahren. Er muss es noch zu Ende spielen, er kann nicht einfach vorzeitig aussteigen. Seine Eltern reagieren unterschiedlich darauf, dass Thomas so viel Zeit vor dem Computer verbringt. "Meine Mutter sorgt sich sehr und kommt auch immer wieder ins Zimmer, um mich dazu zu bewegen, etwas anderes zu unternehmen", sagt Thomas. "Meinem Vater ist es egal, er denkt, es ist nur eine Phase, die vorübergeht."

Was vereinnahmt Thomas so beim Computerspiel? "Meiner Meinung nach sind besonders die Spiele suchtgefährdend, die einem immer wieder neue Dinge zu tun geben, zum Beispiel weitere Levels oder Zonen", findet er. "Besonders schlimm sind hier Rollenspiele, noch häufiger Online-Rollenspiele, da sie oft riesige Spielwelten haben und einem immer neue Aufgaben stellen." World of Warcraft ist ein solches Rollenspiel und besonders bekannt für seinen Suchtfaktor - man kann dieses Spiel nicht gewinnen. Um die Höchststufe zu erreichen, benötigt man Hunderte Stunden Spielzeit. Aber damit endet es nicht, man kann sich immer neue Waffen und Rüstungen besorgen, mehr Gold sammeln oder einfach mit einem neuen Charakter von vorn beginnen, denn es gibt elf verschiedene Klassen und jede spielt sich anders.

Auch simple Jump-'n'-Run-Spiele wie die Super-Mario-Spiele oder Puzzlespiele wie Tetris können süchtig machen, denn sie locken oft mit vielen neuen Levels, Punktzahlen und Ranglisten. Diese Ranglisten und auch öffentliche Statistiken finden sich immer wieder auch in Egoshootern wie Call of Duty, Battlefield und Halo. Um in der Rangliste aufzusteigen, verbringen Spieler oft viele Stunden an den Konsolen und Computern. Oft werden auch neue Waffen freigeschaltet, indem man einfach eine Weile spielt. In Battlefield erhält man neue Waffen, wenn man mit einer bestimmten Klasse lange genug gespielt hat, in Team Fortress 2 hat man etwa jede Stunde die Chance, auf eine zufällige Waffe zu stoßen. Das ist so angelegt, dass es den Spieler möglichst lange an das Spiel bindet.

Wenn man Thomas sieht, fällt es gleich auf: der krumme Rücken. "Ich habe dauernd Rückenschmerzen, weil ich zu viel sitze. Ich muss deswegen in die Physiotherapie." Auch das Umfeld leidet: "Im Winter sitze ich fast immer zu Hause in meinem Zimmer." Sozialleben, Gesundheit und Schulnoten leiden bei ihm unter der Sucht. "Ich kann mich oft auch in der Schule nicht konzentrieren. Vor allem, weil ich häufig im Internet recherchieren muss, lenkt es mich stark vom Lernen ab. Ich fange in der letzten Minute an und muss mich ins Zeug legen, um noch eine gute Note zu schreiben."

Das, was Thomas erlebt, scheint für diese Sucht typisch zu sein. Zwanghaftes Spielen kann in manchen Fällen zu einem Rückzug aus dem Umfeld führen, Spieler isolieren sich sozial, und die Kontakte finden oft nur noch über die Computerspiele statt. Einladungen werden abgelehnt, es werden keine direkten Gespräche mehr geführt und keine Ausflüge oder Spaziergänge unternommen. Wenn das soziale Umfeld verlorengeht, gibt es oft auch keine Stütze für den Süchtigen mehr, es wird immer schlimmer. Eine totale Abwärtsspirale beginnt wie bei allen Suchtproblematiken. Solche Menschen sind dringend auf eine Therapie angewiesen. Je mehr man spielt, desto stärker können die körperlichen Probleme wie Kopfschmerzen und Schlafstörungen werden, unregelmäßige Essenszeiten, ungesunde Ernährung und schlechte Hygiene sind weitere Begleiterscheinungen.

Bei Thomas gibt es aber auch Zeiten, in denen er weniger vor dem Computer sitzt: "Manchmal gehe ich am Samstag mit Freunden ins Kino oder zu einem Fußballmatch. Im Sommer bin ich häufiger draußen unterwegs, da fehlt mir das Internet weniger. Über Skype spiele ich auch mit meinen Kollegen zusammen, dann haben wir es lustig, und es ist, als wären wir gemeinsam hier. Ob ich schlechter schlafe? Das weiß ich nicht. Ich bin sowieso müde, wenn ich das Licht lösche, da hab ich noch keinen Unterschied festgestellt."

Und warum verzichtet er nicht auf die Spiele? "Es wäre schon so, dass mir dann etwas fehlen würde. Ich finde die Spiele extrem spannend, es ist ähnlich wie bei den früheren Generationen, die viel Zeit vor dem Fernseher verbrachten. Auf Ferienreisen muss ich immer auf das Internet und auf Computerspiele verzichten. Da ist dann genug anderes los, so dass es mir gar nicht auffällt, ich denke nie daran. Wenn ich während der Ferien zu Hause bleibe, spiele ich aber exzessiv und mache nichts anderes.

Informationen zum Beitrag

Titel
Oft werden neue Waffen freigeschaltet
Autor
Julian Binz
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2014, Nr. 36, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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