Vom Bretterverschlag im Wald zum Hüttenzauber

Im kleinen Ort Hilkenbrook treffen sich Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler regelmäßig in einer Clique. "Bei nur rund 900 Einwohnern gibt es nicht so viele Jugendliche im Dorf. Da aber alles nah beieinanderliegt und mit dem Rad oder sogar zu Fuß jeder erreichbar ist, ist die Pflege von Kontakten nicht weiter problematisch, da man sich so auch spontan mit den anderen treffen kann", berichtet Johannes Schlangen. "Auch durch Vereine wie den Sportverein oder die Landjugend halten die Freundschaften hier länger als nur über die Grundschulzeit an", sagt der 16-Jährige. Er besucht das Wirtschaftsgymnasium in Friesoythe im Landkreis Cloppenburg.

Häufig wird bei Jugendlichen der Freundeskreis entscheidend durch die Schullaufbahn beeinflusst, doch in Hilkenbrook in der Samtgemeinde Nordhümmling im Emsland ist dies nicht der Fall. Hier steht die Verbindung durch das gemeinsame Heimatdorf im Vordergrund. Regelmäßig trifft man sich in einer Hütte und verbringt dort den Nachmittag oder feiert am Wochenende mit allem, was man auch in einer Disko vorfindet. "Schon immer hatten wir einen Treffpunkt im Dorf, damals war es ein Bretterverschlag im Wald. Heute ist es eine Hütte mit Sofas, Musikanlage, fließend Wasser und Strom, die im Dorf steht und von den Jugendlichen selbst aufgebaut wurde", berichtet Tobias Mechelhoff. Der 16-Jährige erklärt: "Sie steht bei einem der Freunde auf dem Grundstück. Wenn andere in der Stadt spontan noch in die Disko gehen, können wir genauso leicht selbst etwas organisieren." Tobias wird nach diesem Jahr an der BBS Metall eine Ausbildung zum Metallbauer beginnen.

Es sei also nicht der Fall, dass im Dorf immer alles nur ruhig und langweilig sei, erklären die Jugendlichen. Auch sei egal, ob der eine klüger als der andere ist. Man versteht sich trotzdem gut, da viele die gleichen Interessen haben, wie beispielsweise Fußball, Musik und natürlich das gemeinsame Feiern. Zur Clique gehören sowohl Jugendliche, die gerade so den Hauptschulabschluss geschafft haben, als auch Gymnasiasten, Realschüler oder Studenten.

Das kann oft auch ein Vorteil sein. Wenn zum Beispiel der eine in der Schule etwas nicht versteht, hilft ihm ein anderer, der besser gebildet ist. Wenn es aber zum Beispiel darum geht, einen Bollerwagen zum Transport von Getränken zu bauen, mit dem es dann auf den traditionellen Marsch am ersten Mai zur Gaststätte Sieger in Thüle geht, ist es von Vorteil, wenn man junge Leute dabei hat, die dabei ihre Berufserfahrung aus der Ausbildung anwenden können. "Mit dem Fräsgerät ist es kein Problem, Löcher als Getränkehalter in das Metall zu bohren", sagt der Metallbauauszubildende Daniel Siemer. Der 17-jährige Kfz-Mechatroniker in Ausbildung kümmert sich um eine Autobatterie und der 18-jährige Hobby-DJ um eine gute Musikanlage für den Bollerwagen, so dass einem gelungenen Tag nichts mehr im Wege steht. "Vor allem auch Fußballgroßereignisse wie die Welt- oder Europameisterschaft sind immer wieder ein Highlight. Man trifft sich in der Gaststätte Dorfkrug, in der das Spiel auf einer Leinwand übertragen wird, und feiert dort gegebenenfalls den Sieg, man könnte es fast ein kleines Public Viewing nennen", sagt der angehende Abiturient Johannes Schlangen.

"Als wir vor einem Jahr alle unsere Mofas bekamen, war es auch immer schön, im Sommer gemeinsam durch die Natur oder zum Baggersee zu fahren. Man konnte so viel spontaner sein und so wesentlich mehr aus den Ferien herausholen", sagt Tobias Mechelhoff.

"Dadurch, dass nicht alle auf die gleiche Schule gehen, gibt es auch immer mehr zu erzählen, da nicht jeder schon weiß, was tagsüber passiert ist. Es wird also kaum langweilig, wenn man beisammensitzt. Auch der Bekanntenkreis erweitert sich so immer mehr, da man so neben den eigenen Schulfreunden auch noch die der anderen kennenlernt", sagt Johannes Schlangen und fügt hinzu: "Wenn ich in der Stadt höre, dass auf dem Dorf nur tote Hose sei, dann ist das allemal falsch."

Informationen zum Beitrag

Titel
Vom Bretterverschlag im Wald zum Hüttenzauber
Autor
Felix Hoppe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2014, Nr. 36, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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