Unterm Stacheldraht entlangschleichen

Der Terror ist im Osten ein weitverbreitetes Problem. Immer wieder sterben unschuldige Söhne. Ich habe Angst, dass mein Sohn einer von ihnen sein wird", erschütternde Worte, die aus dem Munde einer verzweifelten Mutter kommen. Mit zittrigen Armen und tränenden Augen drückt sie ihren Jungen fest an ihre Brust. Der 21-jährige Okan Ergen aus Eskisehir, einer Großstadt im Westen der Türkei, ist nach der drei Monate dauernden Grundausbildung zum Soldaten wieder für einen Monat zu Hause.

Wie viele junge Männer träumte er einst von einem gutbezahlten Job und einem eigenen Zuhause mit einer Familie. Er wollte unabhängig werden, tun und lassen, was er wollte, wann er es wollte und sein junges Leben genießen, bis die Zeit zum Militärdienst kam und ihm einen Strich durch die Rechnung machte. In Deutschland zum Beispiel ist es möglich, diesen Felsen auf dem Weg in die Freiheit zu umgehen, indem man ein sogenanntes soziales Jahr absolviert. In Okans Heimat dagegen gibt es kein soziales Jahr. Sobald die jungen Burschen ihren Schulabschluss in der Tasche haben, werden sie zur Musterung vorgeladen. Nur in sehr wenigen Fällen kommt es zu einer Ausmusterung. Die meisten sind gezwungen, den "Ehrendienst", wie er in der Türkei bezeichnet wird, anzutreten. Die Atmosphäre im Wohnzimmer der Familie Ergen ist angespannt, man hat sich so viel zu erzählen, und doch fehlen einem die Worte. Gekleidet in Jeans und T-Shirt, sitzt Okan wie ein kleiner Junge, der etwas verbrochen hat, neben seiner Mutter auf dem Sofa. Seine Kleidung ist ihm zu groß.

Seit Ende Mai, als er den Dienst antrat, habe er 15 Kilo an Gewicht verloren, behauptet er. Grund dafür sei der anstrengende Alltag, der "zu früh am Morgen" beginne und kein Ende nehme. "Jeden Morgen um sechs Uhr zogen wir uns in Windeseile an, rasierten uns, machten unsere Betten, putzten unsere Schlafräume und begaben uns anschließend in den Esssaal. Nach dem Frühstück fand an manchen Tagen ein Hindernislauf statt. Wenn wir uns dann unter Stacheldrähten entlangschleichen sollten, flogen über unseren Köpfen lauter Kugeln. Ein Freund von mir wurde dabei sogar angeschossen." An anderen Tagen seien sie gezwungen worden, kilometerlang zu wandern, bis es dunkel wurde, um dann im Freien Zelte aufzuschlagen und dort zu übernachten. "Immer wenn ich den Offizier fragte, wie weit es noch bis zum Ziel sei, zeigte er auf die Bergspitze und meinte, dass es nicht mehr so weit wäre." Tatsächlich stellte sich am Abend heraus, dass sie sich 40 Kilometer von Isparta, einer Stadt im Süden, in der sie stationiert waren, entfernt hatten. "Kein Wunder, dass er so dünn geworden ist", ruft seine Mutter dazwischen. Nicht das viele Wandern empfand Okan als Qual. Am schlimmsten habe ihn der Abschied von seiner Familie und seinen Freunden getroffen.

"Wenn du in den Bus steigst und hinter dir das Weinen hörst, bleibst du erst mal wie angewurzelt stehen." Nur noch dumpf erinnert er sich an den Tag seiner Abreise. In der Türkei ist es üblich, dass an diesem Tag eine feierliche Abschiedszeremonie mit Trommeln und Gesang stattfindet, bei der alle Familienmitglieder anwesend sein müssen und auch wollen. Denn es könnte das letzte Mal sein, dass sie ihren Soldaten zu Gesicht bekommen. Wenn die ersten Tränen fallen und man nur noch Schluchzen und Schniefen hört, verwandelt sich die laute Musik in eine erstickende Stille und die Heiterkeit übergibt ihren Platz der Trauer. Es ist der Anfang eines Abschieds, der 15 Monate dauern wird. Weil Handys in der Kaserne verboten sind, konnte Okan seine Familie nur am Wochenende anrufen, und das für zehn Minuten. "Ich habe sogar gesehen, wie manch einer sich Handy und Ladegerät in die Unterhose gesteckt hat. Nur leider fiel das wegen ihres steifen Ganges sofort auf", erzählt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Trotz lustiger Erinnerungen fürchtet er sich davor zurückzukehren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass er im Osten der Türkei eingesetzt wird, ist groß. Dort gibt es harte Auseinandersetzungen mit kurdischen Widerstandsgruppen, die sich zu teilweise bewaffneten Organisationen zusammengeschlossen haben, um mehr Rechte zu erkämpfen.

"Die kurdische Sprache war lange Zeit verboten, und insbesondere das Sprechen auf öffentlichen Veranstaltungen wurde mit harten Strafen geahndet. Ich kann verstehen, dass sie sich jetzt rächen wollen", erklärt Frau Ergen. Seit zehn Jahren allerdings gelte dieses Verbot nicht mehr, und mittlerweile hätte man sogar kurdische Fernsehkanäle eingerichtet. Dennoch gibt es in der Türkei, besonders im Osten viele Minengebiete, die teilweise noch unentdeckt sind, auch wenn sich der Staat dafür einsetzt, dass möglichst viele potentielle Gefahrengebiete ausfindig gemacht werden. Ein einziger Augenblick der Unachtsamkeit könnte den Soldaten das Leben kosten. "In dem letzten Ort, an dem ich war, gab es Leute, die alle Gliedmaßen verloren hatten. Nur der Kopf und Körper waren übrig geblieben", berichtet ihr Sohn mit einer finsteren Miene. Die einzige Hoffnung, die Okan noch bleibt, ist sein Antrag, im Krankenhaus der Kaserne eingesetzt zu werden. Da er, bevor er in den Wehrdienst einberufen wurde, als gelehrter Prothesenhersteller tätig war, sei er sogar dazu bemächtigt, Chirurgen bei Operationen zu assistieren. "Sich um Veteranen mit abgefallenen Körperteilen zu kümmern, ist immerhin besser, als jeden Tag in den Bergen zu marschieren, die fünf Kilo schweren Schuhe zu tragen und um sein Leben zu bangen", gibt er ehrlich zu, als er aufsteht und sich auf den Weg zum Schneider macht, um seinen zu groß gewordenen Militäranzug zurechtschneidern zu lassen. Auch wenn es nicht freiwillig geschah, könne er nicht verleugnen, dass ihn diese Erfahrung um einiges reifer und "zu einem richtigen Mann" gemacht hätte, der nun bereit sei, eine eigene Familie zu gründen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Unterm Stacheldraht entlangschleichen
Autor
Zeynep Karagür, Leverkusen. Werner-Heisenberg-Gymnasium
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2010, Nr. 256 / Seite N6
Projekt
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