Total überfordert

An dieses Ereignis denke ich nur ungern zurück", sagt Marion (Name geändert) aus einem kleinen Dorf im Landkreis Cloppenburg. Es war im Juli 2008 an einem Samstagabend, an dem das große Volksschützenfest bevorstand, als es passierte. Die heute 19-Jährige verfolgt es noch immer - das Komasaufen mit einem schrecklichen Ende.

"Es fing alles ganz harmlos an", sagt die damals 14-Jährige. Ihre Mutter brachte sie zu einer Schulfreundin, die an dem Wochenende allein zu Hause war. Dort sollte das "Vortrinken" für den anschließenden Besuch des Schützenfestes stattfinden. Die gleichaltrigen Freunde saßen zusammen und tranken zunächst Bier. Hin und wieder wurde auch hochprozentiger Alkohol ausgeschenkt. Zur weiteren Steigerung der Stimmung wurden gegen 21.30 Uhr Trinkspiele gespielt. "Ein Spiel heißt ,Frau Horst', ein Trinkspiel der besonderen Härte. Da ich es zuvor nicht kannte, wurde es schnell erklärt, und ich konnte ins Spiel einsteigen", erinnert sich Marion. "Frau Horst" ist ein Würfelspiel, bei dem bestimmte Zahlen dafür stehen, dass jeweils ein hochprozentiger Schnaps getrunken werden muss. Weitere Regeln kommen hinzu: So darf man beispielsweise das Wort "trinken" nicht verwenden. Wer gegen diese Regeln verstößt, muss wieder trinken. Nachdem dann der Vorrat an Schnaps verbraucht war, ging es an die Bar der Eltern. Der erste Griff galt einer Flasche Ouzo, damit wurde weitergespielt.

"Als wir dann zu Fuß zum Schützenfest gingen, merkte ich schon, dass ich eigentlich nach Hause muss. Ich wurde eingehakt, da mir das Laufen allein schwerfiel", berichtet Marion. Beim Schützenfest, bei dem die Jugendgruppe problemlos durch ihre gefälschten Schülerausweise eingelassen wurde, ging es dann weiter. Die nächste Runde Alkohol stand bereits auf dem Tisch. Die 14-Jährigen griffen zu, auch Marion. "Das war dann das Ende. Ich lief nach draußen, weil ich merkte, dass ich mich übergeben musste. Ab diesem Zeitpunkt ist meine Erinnerung weg."

Ihre Freunde schilderten ihr am Tag darauf den Ablauf des Abends. "Ich hatte richtig Angst um dich, denn du hast dich so oft übergeben, dass wir alle befürchteten, du erstickst gleich", sagt eine Freundin, die in der Situation total überfordert war. Die Freunde riefen den Notarzt, und Marion musste mit einer Alkoholvergiftung ins Krankhaus eingeliefert werden. Ihr wurde der Magen ausgepumpt. Anschließend bekam sie eine Infusionstherapie und wurde bis zum nächsten Morgen auf der Intensivstation behandelt. "Als ich morgens aufgewacht bin, wusste ich nicht, wo ich war. Alle Erinnerungen des Abends waren weg." Sie ist ihren Freunden heute noch dankbar, dass sie in dieser Situation richtig gehandelt haben.

Marions Mutter ist enttäuscht, dass der Abend so ein Ende nehmen musste. Doch sie gibt nicht nur der Tochter allein die Schuld, denn schließlich hatten alle eine Verantwortung, sie selbst eingeschlossen. Der Alkohol war bei ihr Zu Hause für die Jugendlichen frei zugänglich. "Dieses ist ein typisches Beispiel, dass die Menschen durch Konsum von Alkohol außer Kontrolle geraten", sagt die enttäuschte Mutter.

Es sei eine Warnung gewesen und hätte auch eine teure Erfahrung für Marion werden können, wenn ihre Familie die Kosten für den Rettungswagen, den Notarzt, die Intensivstation und das Auspumpen des Magens selbst hätte tragen müssen. "Die Beträge für diese lebensrettenden Maßnahmen wurden glücklicherweise von der Krankenkasse übernommen. Doch dieses Ereignis begleitet mich auch heute noch auf meinem Lebensweg", sagt Marion.

Informationen zum Beitrag

Titel
Total überfordert
Autor
Laura Knipper
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2014, Nr. 36, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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