Ständig in Sorge

Ich bin ein freier Gefangener in einem offenen Gefängnis", sagt Fritz (Name geändert). Der großgewachsene 49-Jährige spricht nicht etwa von einer Haftstrafe, sondern von dem Leben und den Pflichten in seinem Elternhaus in Aschaffenburg. Denn der ledige Mann pflegt seit neun Jahren seine an Alzheimer erkrankte Mutter. Mit 79 Jahren fing sie an, sich Zettel zu schreiben und die Tage im Kalender abzustreichen. Oft lief sie auch mit der Tageszeitung durch das Haus, warf immer wieder einen Blick auf das Datum.

Fritz, damals Inhaber eines Süßwarenladens, merkte schnell, dass es sich um eine ernsthafte Erkrankung handeln musste, und bestand auf einer Untersuchung. "Es war sehr anstrengend, sie zu überreden, zum Arzt zu gehen. Schließlich will kein Mensch im Kopf krank sein, jede andere Krankheit kann man akzeptieren", erklärt er. Fast fünf Stunden verbrachten sie beim Arzt mit dem Messen der Hirnströme, Memorytests und Ähnlichem. Als schließlich die Diagnose feststand, war für Fritz klar, was zu tun war: Er gab seinen Job auf und betreut seitdem seine demente Mutter rund um die Uhr.

Früh am Morgen begleitet er seine Mutter ins Bad und duscht sie - die Dusche hat er umgebaut, ebenerdig, das macht es einfacher. Zum Duschen gehören natürlich das Einseifen, das Abtrocknen und auch das Anziehen. "Alzheimerkranke übergehen oft Schritte oder machen Dinge nicht ordentlich. Wäre ich nicht dabei, würde meine Mutter das Falsche anziehen oder sich vergessen abzubrausen", erklärt er ruhig.

Wichtig ist der richtige Ton, denn seine Mutter soll sich auch nicht bevormundet fühlen. So bindet Fritz sie auch beim Kochen oder Backen ein und lässt sie zum Beispiel die Zwiebeln schneiden. Einmal die Woche gehen sie ins Café und ab und zu nach Mainaschaff ins Puppenschiff, wo man sich Marionettenstücke anschauen kann.

"Früher waren wir auch oft am Main spazieren, doch das ist jetzt nach der Beckenfraktur und wegen des schwachen Herzens nicht mehr möglich", erzählt er offen. Dafür hören und singen sie gemeinsam alte Musik aus den 30er und 40er Jahren, "diese ganzen alten Schinken bis hin zu Peter Alexander und wie sie alle heißen". Außerdem schauen sie gemeinsam Dokumentationen im Fernsehen an, denn bei Spielfilmen wird der Mutter oft langweilig, schließlich vergisst sie die Handlung immer wieder. "Besonders schlimm war der Tod meines Vaters vor zwei Jahren. Immer wieder musste ich meiner Mutter sagen, dass ihr Mann gestorben ist", berichtet Fritz. Bis sich die Information im Gehirn gefestigt hatte, musste seine Mutter die schreckliche Nachricht immer wieder hören und verarbeiten.

Unterstützung bekommt er von einem Freund seines Bruders, der manchmal auf seine Mutter aufpasst, wenn er selbst einmal einkaufen muss oder etwas Wichtiges zu erledigen hat. Früher ist er regelmäßig in die Sauna gegangen, doch das sei nicht mehr möglich. Fritz kann nie abschalten, er macht sich ständig Sorgen, obwohl er weiß, dass er nicht alles verhindern kann. "Ich habe sogar einen Bewegungsmelder installiert, damit ich immer Bescheid weiß, wenn meine Mutter aufsteht. Doch kürzlich kam mein Bruder aus Kanada zu Besuch, so konnte ich eine Woche Urlaub machen, denn wenn er da ist, da kann ich abschalten."

In Kürze möchte er den Antrag auf Pflegestufe zwei stellen. Eingestuft wird der Patient vom Medizinischen Dienst, der mit einem Fragebogen kommt und beurteilt, inwiefern die Person noch mobil ist. Das Problem bei seiner Mutter ist allerdings nicht die Mobilität. Denn bücken kann sie sich, doch wenn sie die Schnürsenkel in der Hand hält, weiß sie nicht mehr, was sie damit machen muss. Natürlich kann seine Mutter noch ihren Arm heben, doch weiß sie nicht mehr, wozu die Zahnbürste zu gebrauchen ist. Zurzeit ist seine Mutter noch in Pflegestufe eins eingestuft, so dass er monatlich nur 220 Euro Unterstützung von der Pflegekasse erhält. Das bedeutet, dass er als ehemals selbständiger Kaufmann vom Ersparten leben muss. Er hat weder Ansprüche auf Arbeitslosen- und Rentenzahlung noch auf Hartz IV, solange sein Vermögen mehr als 8000 Euro beträgt.

Doch trotz der finanziellen Einbußen bereut Fritz es nicht, sich gegen das Altersheim entschieden zu haben. Er gebe nur das zurück, was seine Mutter für ihn in seiner Kindheit gemacht habe, und er freut sich, dass er noch die Möglichkeit hat, so viel Zeit mit ihr zu verbringen, denn sie hatten immer ein gutes Verhältnis. Stünde er noch einmal vor der Entscheidung, den Beruf aufzugeben und seine Mutter zu pflegen oder sie in einem Altersheim betreuen zu lassen, Fritz würde es genauso wieder machen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ständig in Sorge
Autor
Katharina Kolb
Schule
Friedrich-Dessauer-Gymnasium , Aschaffenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.02.2014, Nr. 42, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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