Die Lebensgefahr hat er eingeplant

Rainer Dotzler ist Offiziersanwärter und Student. 13 Jahre hat er sich bei der Bundeswehr verpflichtet. Es ist kein Job, sondern ein Beruf." So beschreibt Rainer Dotzler seine Tätigkeit bei der Bundeswehr. Der Münchner wurde zunächst nach seinem Abitur einberufen. Er absolvierte seinen Grundwehrdienst und nach neun Monaten fiel die Entscheidung: "Ich verpflichte mich für 13 Jahre." Der 21-Jährige ist nun ein Offiziersanwärter der Luftwaffe. Was bewegte den damals 20-Jährigen zu solch einem folgenreichen Schritt? "Natürlich ist es eine schwere Entscheidung gewesen, schließlich verpflichtet man sich dem Staat. Und eine Verpflichtung ist eine Verpflichtung - so leicht kommt man da nicht mehr raus.

Nur wer einen Kriegsdienstverweigerungsantrag stellt, der plausibel begründet ist, oder wer körperlich nicht mehr geeignet ist, kann die Verpflichtung auflösen." Nach langem Überlegen überwogen für ihn die Vorteile der Verpflichtung. Es sei ein sehr abwechslungsreicher Beruf, ein Soldat lerne, Verantwortung zu übernehmen, eine Gruppe anzuführen und mache zudem außerordentlich viel Sport. Doch nicht nur das reizt ihn an diesem Berufsbild: "Ich tue es für mein Land." Er selbst möchte es aber nicht als Patriotismus beschreiben, sondern eher als eine Art Verteidigung seiner Mitbürger und seiner eigenen Werte. Das respektieren auch seine Eltern, beides Akademiker, die ihn voll und ganz unterstützen. Die anfänglichen Bedenken seiner Mutter haben sich in ein großes Interesse für seine berufliche Laufbahn gewandelt.

Ein positiver Nebeneffekt ist für ihn die berufliche Sicherheit. Diese wird ihm wahrscheinlich auch nach der Bundeswehr einen nahtlosen Übergang in die Berufswelt sichern. "Einer, der 13 Jahre als Offizier bei der Bundeswehr war, hat Berufserfahrung und vor allem Führungserfahrung." So erhalten viele ehemalige Soldaten ohne Probleme eine Spitzenposition in einem Unternehmen oder werden Berufssoldat. "Man muss an das glauben, was man tut", sagt er und versichert, dass ein Soldat nicht weit kommt, wenn er sich nur aus materiellen Gründen für diese Verpflichtung entscheidet, man müsse überzeugt sein. Wer sich für die Bundeswehr verpflichten und zum Offizier ausgebildet werden will, muss ein dreitägiges Auswahlverfahren in Köln durchlaufen: Es gibt ärztliche Untersuchungen, einen Intelligenztest, Einzelgespräche mit Psychologen und eine psychologische Analyse des Verhaltens in einer Gruppe. Die Durchfallquote liege bei 80 Prozent, sagt Dotzler.

Seit Oktober studiert er Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg und wohnt im nahen München. Er macht ein "Studium in Zivil". Obwohl sich der Campus in der Kaserne befindet, ist Rainer primär Student. Die militärische Tätigkeit beschränkt sich für ihn auf einen Tag in der Woche, zum Beispiel einen Marsch in Uniform. Einer der Unterschiede zu einer normalen Universität ist, dass die Studienzeit nicht in Semester, sondern Trimester eingeteilt wird. Während seines Studiums erhält der Soldat neben einer Ausbildung auch weiterhin sein Gehalt. Seinen Bachelor macht man an der Universität der Bundeswehr bereits nach zwei bis zweieinhalb Jahren. Die Erwartungen sind hoch, von einem Soldaten wird verlangt, dass er den Master macht. Nach dem Abschluss wird er als Nachrichtenoffizier tätig sein. "Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Nutzung des elektromagnetischen Spektrums. Aus abgefangenen feindlichen Signalen lässt sich eine Menge Information herausholen, zum Beispiel der Inhalt einer Nachricht, Bauart und Standort eines Funkgerätes oder Handys. Das nennt man ,Elektronische Aufklärung' oder ,Signals Intelligence' und dient der Informationsgewinnung", erklärt er. Ein Offizier muss die Einheit anführen und Befehle erteilen. In dieser Position muss er sich im Klaren sein, dass er sehr schnell in ein Krisengebiet versetzt werden kann. "Natürlich kann es mir passieren, dass ich in Afghanistan stationiert werde." Sein Gesicht bleibt regungslos, scheinbar furchtlos blickt er dieser Vorstellung ins Auge. "Als Soldat muss man sich damit abfinden, in ein Kriegsgebiet zu kommen. Die Lebensgefahr sollte eingeplant sein." Bis ihm jedoch solche Situationen bevorstehen, dauert es noch mehr als fünf Jahre. Die lange und anstrengende Ausbildung zum Offizier an der Offiziersschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck hat Dotzler hinter sich gebracht. Um 6.55 Uhr stand Frühsport auf dem Programm, Sit-ups und Liegestütze waren Standard. Gegen 7.10 Uhr war Morgenparole, bei der der Ausbilder Organisatorisches mit seinen Soldaten bespricht. Dann gab es fünf Unterrichtseinheiten zu eineinhalb Stunden.

Es gibt sechs verschiedene Fächer: Innere Führung, Luftwaffenlehre, Führungslehre, Fremdsprachen, Sport und Führungspraxis. "Ein guter Tag war, wenn von allem etwas dabei war", sagt der durchtrainierte junge Mann. Seine Familie und seine Freundin wohnen in München. "Das ist natürlich ein Vorteil, ich kann abends nach einem anstrengenden Tag schnell in die S-Bahn steigen und bin in einer halben Stunde bei meiner Freundin. Aber das ist Luxus. Andere Soldaten wohnen am anderen Ende Deutschlands, die können gerade mal am Wochenende heimfahren." In seinem Freundeskreis ist er der Einzige, der bei der Bundeswehr ist. Beinahe alle anderen haben Zivildienst geleistet. "Meine Freunde akzeptieren trotzdem, dass ich bei der Bundeswehr arbeite." Oft fühlt er sich älter als seine Freunde: Er weiß, dass er eine Gruppe mit 16 Soldaten unter seinem Kommando führen kann. Und er erwartet von jedem Soldaten ein ordentliches Verhalten in der Öffentlichkeit: "Es geht natürlich nicht, dass ein uniformierter Soldat in den Supermarkt geht und sich einen Kasten Bier kauft." Als Soldat vertrete man die Bundeswehr und sollte ein vorbildhaftes und diszipliniertes Bild abgeben.

Auf Disziplin und Gehorsam wird auch in der Ausbildung großer Wert gelegt. "Am Anfang fühlt man sich schon sehr in seiner Freiheit eingeschränkt, man verkauft irgendwie einen Teil seiner Seele." Aber das hat sich jetzt normalisiert. "Es herrscht anfänglich ein rauher Umgangston, aber es ist nicht so, wie es sich viele vorstellen, dass man ständig angeschrieen und gehetzt wird." Eigentlich war Rainer Dotzler gar nicht so überrascht von dem Leben und Alltag bei der Bundeswehr, er hatte sich ausreichend im Vorfeld informiert. Ob er Berufssoldat wird und bis an sein Lebensende dem Staat dient, das kann er jetzt noch nicht sagen. "Ich bin nicht wirklich abgeneigt, aber das ist eine Entscheidung, die ich jetzt noch nicht treffen kann." Ein Nachteil wäre auf jeden Fall, dass man sehr oft versetzt wird und so gut wie keinen festen Wohnort hat. "Zwar bin ich jetzt noch ein bisschen zu jung dafür, aber man muss ja auch an Familienplanung denken."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Lebensgefahr hat er eingeplant
Autor
Simone Unkel, München. Elsa-Brändström-Gymnasium
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2010, Nr. 256 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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