Beim Böllerschuss steigt die kleine Hexe aus der Kiste

Weil der Stadt: 11.11. 11.11 Uhr - der Marktplatz der kleinen Stadt am Rande des Schwarzwalds ist überfüllt, es ertönen Trompeten, Posaunen und Trommeln, die gemeinsam mit der Menge ein "Lustig ist das Zigeunerleben" anstimmen. Vor dem Rathaus steht ein Wagen mit sieben in Schwarz-Gelb-Rot gekleideten Männern, die gespannt auf eine Kiste in ihrer Mitte blicken. Mit einem Böllerschuss öffnet sich die Truhe, und eine kleine Hexe steigt heraus.

Es ist der Auftakt der traditionellen Weiler Fasnet. "Rund um Weil der Stadt existieren schon seit Ewigkeiten zwei verschiedene Fastnachtsformen", erzählt der Physiotherapeut Oliver Hoffmann, Gründungsmitglied der Weiler Schellenteufel, eine der sechs Maskengruppen in Weil der Stadt. "Köln und Mainz sind wichtige Vertreter des rhein-fränkischen Karnevals, bei dem Sitzungen mit humorvollen Büttenreden eine große Rolle spielen. Die alemannische Fastnacht in Rottweil und Horb hingegen legt viel Wert auf übertriebene Kostüme, wie knallfarbige Overalls, kunstvoll geschnitzte Masken und Straßenfasnet. Die Weiler Fasnet verbindet nun diese beiden Fasnetscharaktere und stellt somit etwas ganz Besonderes in der Stuttgarter Region dar."

Der Brauch der Weiler Fasnet ist nicht von heute auf morgen entstanden. Schon 1665 wird die Fastnacht erstmals im Ratsprotokoll erwähnt, erklärt Daniel Kadasch, selbstständiger Marketingberater und Zunftmeister der Weiler Fasnet. Er ist der Chef während der närrischen fünften Jahreszeit und für die Erhaltung des Brauchtums verantwortlich.

Seine offizielle Dienstübernahme findet am Narrensprung statt. An diesem Tag steht ganz Weil der Stadt kopf. Nach einem kleinen Umzug durch die Altstadt wird das Rathaus gestürmt, der Bürgermeister gefesselt und überflüssige Akten aus dem Fenster geworfen. Umrahmt von den fetzigen Liedern der Narrenkapelle ist die Herrschaftsübernahme ein echtes Highlight.

Kurz vor Beginn des Umzugs treffen sich die Narren vor dem Spitalhof. Ein kleiner, in Tierfell gekleideter Schelm ist noch auf der Suche nach seiner Gruppe, während die Schlehengeister, eine Weißhäsgruppe mit aufgedrucktem Schlehenzweigmotiv, noch schnell ihren Schlehenlikörvorrat checken. Ihr Narrenkostüm, das in der schwäbisch-alemannischen Fasnet als Häs bezeichnet wird, besteht aus einem weißen Stoff mit aufgedrucktem Schlehenzweigmotiv.

"Die verschiedenen Gruppen haben sich alle im Laufe der Zeit gebildet", erklärt Oliver Hoffmann. "Die eigentliche Idee der Fasnet in Weil der Stadt war die Erheiterung der Bürger vor der 40-tägigen Fastenzeit. Den Menschen wurde daher die Möglichkeit geboten, noch einmal ausgiebig zu essen und zu feiern. Dazu wurden Maskenbälle, Tänze und Schauspiele wie zum Beispiel Wilhelm Tell auf dem Marktplatz veranstaltet, die großen Zulauf fanden. Im Jahr 1914 musste sogar das Dach der nahe liegenden Gaststätte Post abgedeckt werden, damit es genug Platz für die vielen Zuschauer gab.

Schnell fand sich eine kleine Gruppe verkleideter Menschen zusammen, die von nun an gemeinsam durch die belebte Stadt streiften - die Weiler Zigeuner, die im Jahr 2011 ihr 111-jähriges Jubiläum feierten. Sie sind von diesem Zeitpunkt an fester Bestandteil der Weiler Fasnet, die sich laufend weiterentwickelte." Die Organisation "Narrenzunft AHA" tritt 1930 zum ersten Mal auf und veranstaltet einen kleinen Umzug mit originellen Einzelgruppen und vielen Kindern. Obwohl das närrische Vergnügen des Öfteren auf Grund der Weltkriege sowie der Nachkriegszeit unterbrochen werden musste, wurde die Narrenzunft doch stetig durch neue Maskengruppen bereichert.

Mit der Zeit spielte sich ein fester Ablauf der Fasnet ein. So findet am Sonntag nach dem Narrensprung der große Umzug statt, der jedes Jahr gleich aufgebaut ist. Angeführt von Büttel und Herold, die Glocke und Zunftwappen tragen, folgt das AHA-Ballett, die Tanzgarde in Weil der Stadt sowie der Siebenerrat. Die sieben Männer sind in den Stadtfarben Schwarz-Gelb-Rot gekleidet und unterstützen als närrische Abgeordneten den Zunftmeister beim Regieren. Erst dann sind die einzelnen Gruppen an der Reihe.

Gastgruppen aus anderen Städten beginnen, wobei Hexen mit grünen Röcken, schwarzen Jacken und Reisigbesen genauso am Start sind wie lieblich in weiße Federkleider gekleidete Schwäne. Clowns und die nach einer lokalen Apfelkuchenspezialität sogenannten Spicklingsweiber aus Weil der Stadt stellen den Mittelteil des Zugs dar, während die sechs Weiler Maskengruppen den Umzug abrunden.

Mit lauter Marschmusik bewegt sich der Weiler Fasnetsumzug mit etwa 70 Gruppen aus nah und fern und bunt gestalteten Wagen bergauf, bergab durch die ganze Stadt, vorbei an 50 000 begeisterten Zuschauern. Kleine Kinder in Pippi-Langstrumpf-Kostümen stehen neben Jugendlichen im Punkoutfit. Zur Tradition gehören aber nicht nur die Umzüge, auch Sitzungen und Bälle sind fester Bestandteil des Narrentreibens.

Am Schmotzigen Donnerstag, mit dem endgültig die Hauptfastnachtstage anbrechen, hält der Siebenerrat eine Sitzung im brechendvollen Saal des Rathauses. Anschließend wird bis tief in die Nacht in den Lokalen und Gassen der Stadt gefeiert. Die drei Fasnetsbälle, die in Weil der Stadt veranstaltet werden, erinnern an den Charakter des rhein-fränkischen Karnevals. Mit viel Humor werden vor bunt verkleidetem Publikum in der Stadthalle Reden geschwungen, Sketche und selbsterfundene Tänze aufgeführt, zum Beispiel zu bekannten Songs von Michael Jackson. Nach dem Programm sind die Bars geöffnet, und es wird kräftig getanzt.

Auch die Steckentäler, deren Häs aus gefilzten Laubblättern besteht, und die aus dem nahe gelegenen Steckental kommen, fühlen sich hier wohl. Sie sind der Beweis für die emotionale Verbindung der Weiler Narren mit ihrer Region.

Manch einer fragt sich bestimmt, wo es diese toll aussehenden Kostüme der Maskengruppen zu kaufen gibt. Nirgends, verrät Oliver Hoffmann. Das ist alles Handarbeit. Sein Häs besteht aus etwa 4000 roten und schwarzen Plätzchen, die zuerst ausgestanzt und dann auf eine Latzhose genäht werden. Das sind um die 100 Stunden Arbeitszeit. Aber das lohnt sich. Schließlich kommt das Häs jedes Jahr wieder zum Einsatz.

Natürlich kann nicht das ganze Jahr über gefeiert und Schabernack getrieben werden, deshalb findet am Abend vor dem Aschermittwoch ein Trauermarsch in die Stadtmitte statt, wo die Fasnet in Form einer Strohpuppe verbrannt wird. Doch wie in Kadasch und Hoffmann steckt in jedem Narr schon wieder die Vorfreude auf die nächste Saison, in der das aufwendig gestaltete Häs wieder aus dem Schrank geholt und die Tradition der Weiler Fasnet weitergeführt wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beim Böllerschuss steigt die kleine Hexe aus der Kiste
Autor
Tamara Leitner
Schule
Berufliches Schulzentrum , Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2014, Nr. 48, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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