Spannend, lustig, ein wahnsinniges Erlebnis

Das Jugendblasorchester Neuscharrel aus dem Oldenburger Münsterland spielt beim Kölner Karneval

Merlosse d'r Dom en Kölle, denn do jehööt hä hin. Wat sull di dann woanders, dat hätt doch keine Senn", summt Marco Herzog, der Dirigent des Jugendblasorchesters Neuscharrel vor sich hin. In den vergangenen Jahren war das Lied "Mer losse d'r Dom en Kölle" das Vortragsstück des Orchesters, das seit 32 Jahren am Rosenmontagsumzug des Kölner Karnevals teilnimmt. Das Vortragsstück ist das Lied, das der Musikverein dann spielen muss, wenn er an den Kameras vorbeiläuft.

Doch bevor es so weit ist, hat der Musikverein Neuscharrel noch einiges mehr zu tun. Früh am Sonntagmorgen vor dem Rosenmontag treffen sich die Mitglieder des Musikvereins, um sich mit dem Bus auf den Weg nach Köln zu machen. "Sobald alle im Bus sind, wird ein Dankeslied angestimmt, meistens ,Großer Gott, wir loben dich', damit auf unserer Fahrt alles glatt läuft", erzählt Katrin Bley. Die 16-Jährige 1,75 Meter große Schülerin mit dem blonden Lockenkopf spielt Querflöte und Saxophon.

Neuscharrel ist ein kleiner Ort im nördlichen Oldenburger Münsterland mit 956 Einwohnern. Über den Musikverein aus Bösel im Landkreis Cloppenburg, der schon länger den Kölner Karnevalsumzug musikalisch begleitet, entstand der Kontakt mit den Kölner Karnevalisten. Da das Jugendblasorchester Neuscharrel in der Lage war, das geforderte Vortragsstück kurzfristig einzustudieren, nimmt es seit einigen Jahren am Rosenmontagsumzug teil. Die Hinfahrt des Vereins führt jedoch nicht zu ihrer Jugendherberge, sondern zu einem kleineren Umzug in Köln-Longerich, einem Stadtteil von Köln, bei dem sie vereinseigene bunte Umhänge tragen. Erst nach diesem Umzug geht es in die Jugendherberge, und der Musikverein lässt den Abend in der Altstadt Kölns ausklingen. "Eine Kneipentour in der Kölner Altstadt gehört für die meisten zum festen Bestandteil der Köln-Fahrt. Eine der beliebtesten Kneipen ist dabei die Ständige Vertretung, benannt nach den die Funktion einer Botschaft erfüllenden Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in der Zeit vor der Wende. Viele der Jugendlichen bringen hierfür auch eigene Kostüme mit und verkleiden sich", sagt Katrin. Am nächsten Morgen muss der Musikverein wieder früh aufstehen. Um 9 Uhr sollen die Mitglieder in den Kostümen im Bus sitzen. Die Kostüme wurden ihnen ein paar Wochen vorher passend zum Thema der Karnevalsgesellschaft, die sie musikalisch begleiten sollen, zugesandt. Nun geht es zum Sammelplatz, an dem sie sich bei einem der Zugordner melden müssen.

Dann heißt es warten. Der Zug beginnt zwar um 10.30 Uhr, doch je nachdem, an welcher Stelle der Musikverein läuft, müssen die Musiker bis zu mehreren Stunden warten, bis sie losgehen können. "Bei den Treffpunkten der Karnevalsgesellschaften bekommen wir meistens noch Erbseneintopf, und im letzten Jahr war es für uns das erste Mal, dass wir in einem Hinterhof in einer der Seitenstraßen in einer Art Garage etwas gegessen und getrunken haben. In den beiden Jahren zuvor, in denen ich mitgefahren bin, haben wir uns dafür immer auf Pappkartons gesetzt, in denen vorher die Kamelle der Karnevalsgesellschaften war. Das sieht zwar für die Passanten immer etwas komisch aus, aber das ist einfach wesentlich bequemer, als sich auf die Steine zu setzen", lacht Katrin.

"Manchmal machen wir auch Späße über andere aus dem Musikverein. Zum Beispiel wird ein Zettel geschrieben, auf dem so etwas steht wie ,Eine kleine Spende für einen müden Musiker!' und legen ihn vor eines der Vereinsmitglieder, das es sich auf einem Pappkarton bequem gemacht hat. Das sorgt immer für viele Lacher und hält uns wach", grinst der dunkelblonde, 1,72 Meter große 58-jährige Josef Flatken, der Tuba, Tenorhorn und Tenorsaxophon spielt und fast jedes Mal in Köln dabei war.

Auch während des Umzugs haben die Musiker viel Spaß und machen das Beste aus der anstrengenden Situation. "Mein bisher interessantestes Erlebnis war beim Rosenmontagsumzug 2012. Jeder von uns im Musikverein weiß, dass in einer der Straßen, durch die der Umzug verläuft, ziemlich viele Homosexuelle wohnen, was natürlich schon irgendwie sehr klischeehaft ist. Und einer der Kölschen Jecken, der ziemlich leicht bekleidet am Straßenrand stand, hat die Männer in unserer ersten Reihe angetanzt, was auf dem ganzen Rest des Umzuges und auch noch auf der Rückfahrt für viel Gesprächsstoff gesorgt hat", erzählt Katrin lächelnd.

Nach dem erschöpfenden, aber dennoch spaßigen Umzug geht es dann für alle in den Bus und zurück nach Neuscharrel. "Es ist zwar immer wieder eine anstrengende Fahrt, doch es macht jedes Mal viel Spaß, so dass ich immer wieder gerne mitfahre", sagt Katrin. Und Josef Flatken fügt hinzu: "Der Kölner Karneval ist ein spannendes, lustiges und wahnsinniges Erlebnis, und es lohnt sich jedes Mal aufs Neue dabei zu sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Spannend, lustig, ein wahnsinniges Erlebnis
Autor
Saskia Ennens
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2014, Nr. 48, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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