Pferdegezogene Motorspritzen und viel Blaulicht

Im bayrischen Waldkraiburg haben Privatleute ein Feuerwehrmuseum gegründet / 100 Fahrzeuge und eine Menge Technik

Von München aus braucht man mit dem Auto gut eine Stunde, um nach Waldkraiburg zu kommen, das etwa 70 Kilometer östlich von München liegt im oberbayrischen Landkreis Mühldorf am Inn. Doch warum sollte es sich lohnen, auf der unfallträchtigen B12 dorthin zu fahren? Der Grund ist das im Jahre 2012 eröffnete Feuerwehrmuseum Bayern.

Wenn man dann vor dem Museum steht, die riesige Halle mit der Glasfront bestaunt und Unmengen von roten Autos mit Blaulicht sieht, käme man nie auf den Gedanken, dass dies alles nur aufgrund einer Privatinitiative entstanden ist und der Betrieb ausschließlich durch ehrenamtliches Personal erfolgt.

Sobald man an der Kasse vorbei ist, fühlt man sich durch die dort gezeigten historischen Ausstellungsstücke ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, und hier liege auch die Wiege des Museums, wie Museumsleiter Harald Stanko berichtet. Der Plan für ein großes Feuerwehrmuseum in Bayern existiert schon seit mehr als 30 Jahren in den Köpfen von Privatleuten. Der Vordenker war der ehemalige Leiter der Berufsfeuerwehr München Karl Seegerer. Während seiner aktiven Zeit von 1965 bis 1988 begann er, Exponate der Feuerwehr zu sammeln.

Im Laufe der Zeit baute er einen beachtlichen Bestand auf an pferdegezogenen Motorspritzen, hölzernen Balanceleitern, Fahrzeugen der Feuerlöschpolizei aus dem Dritten Reich und Fahrzeugen der jüngeren Vergangenheit der Feuerwehr München. Diese Juwelen der Feuerwehrtechnik seien leider den Augen der Öffentlichkeit verborgen geblieben, sie lagerten in einer alten Halle. Seegerer bemühte sich lange Jahre vergeblich um eine Ausstellungsmöglichkeit für seine Sammlung, und so drohte ihr schließlich wegen der hohen Lagerkosten die Auflösung.

Stanko hingegen, ehemals aktives Mitglied einer freiwilligen Feuerwehr, begann in den neunziger Jahren mit dem Hobby "Oldtimer sammeln". Aus sentimentalen Gründen kaufte er "sein" Feuerwehrauto, einen wuchtigen Magirus-Deutz-Eckhauber, als es von der Freiwilligen Feuerwehr Traunreut außer Dienst gestellt wurde, und restaurierte es liebevoll. Bei diesem einen Fahrzeug blieb es aber nicht, mit anderen Feuerwehrenthusiasten wurde der Verein "Historische Magirus Feuerwehrtechnik" gegründet. Erklärtes Ziel dieses Vereins ist es, historische Feuerwehrfahrzeuge aus den sechziger und siebziger Jahren zu erhalten. Auch dieser Verein suchte nach einer Ausstellungsmöglichkeit für seine Fahrzeuge.

Die Verbindung zwischen beiden entstand dann durch einen Zufall. Mit Grippe im Bett liegend, sah der Feuerwehrfan Stanko einen Fernsehbericht, in dem Seegerer von seinen vergeblichen Bemühungen um ein Museum erzählte, und nahm Kontakt mit ihm auf. Konkrete Formen nahm das Projekt an, als das passende Gebäude mit Grundstück gefunden wurde, ein seit längerem leerstehender Baumarkt in Waldkraiburg. Die Planungen machte der Architekt und Bauingenieur Stanko alleine. Es sei aber keine One-Man-Show, sondern "eine große Anzahl von Verrückten" stehe hinter dem Projekt. "Unser Lohn ist die Begeisterung unserer Besucher", sagt Harald Stanko.

Unterstützung bekam die Arbeit der Ehrenamtlichen durch eine Anschubfinanzierung der Stadt Waldkraiburg. Die Eigentümer der Halle seien dem Projekt dadurch entgegengekommen, dass sie bis zur Eröffnung des Museums die Miete deutlich reduziert hätten. Heute, ein gutes Jahr nach der Eröffnung, decke das Museum etwa 80 Prozent der Kosten selbst, behauptet der Museumsleiter stolz. Allerdings gab es auch viele Zweifler, die nie geglaubt haben, dass je Feuerwehrfahrzeuge hier stehen würden.

Neben den historischen Exponaten und rund 100 Feuerwehrfahrzeugen gibt es Themensammlungen wie Funk- und Atemschutzgeräte, Rüst- und Rettungsgeräte, Uniformen und Feuerwehrhelme, eine umfangreiche Modellfahrzeugsammlung und Dioramen sowie eine große Ausstellung von Blaulichtern und Warnanlagen. "Wir sind nicht das Museum, das Urkunden sammelt und den geschichtlichen Teil des Feuerwehrwesens betont, wir sind ein Technikmuseum", sagt Stanko.

Die Besucher dürfen die Fahrzeuge berühren, Türen öffnen und sich hineinsetzen. Trotzdem kommt nichts weg oder wird kaputt gemacht. "Im Gegenteil, wenn die Leute am Boden irgendeine Schraube finden, geben sie die an der Kasse ab", lobt der Mittfünfziger seine Besucher.

Und wo kommen all die Ausstellungsstücke her, wer ist der Eigentümer? "Das, was hier steht, ist wie betreutes Wohnen in einem Altersheim. Die meisten Fahrzeuge kommen von der Berufsfeuerwehr München aus der Sammlung von Karl Seegerer, ein Teil gehört dem Verein und seinen Mitgliedern, wieder andere sind Dauerleihgaben von freiwilligen Feuerwehren", erläutert Harald Stanko, der gerne mal in einer historischen Feuerwehruniform unterwegs ist.

Besucher können jede Woche von Donnerstag bis Sonntag durch die Ausstellung gehen, entweder auf eigene Faust oder mit einem der fünf Führer. Donnerstag und Freitag übernehme "die Rentnergang" den Dienst, Samstag und Sonntag sind die Ehrenamtlichen dran, die noch im Berufsleben stehen.

An manchen Tagen kommen bis zu 350 Besucher in das 21 000 Einwohner zählende Städtchen. Das Publikum ist gemischt, vom Kindergarten über Familien bis zum Enkel mit Oma und Opa, der alle drei bis vier Wochen kommt und schon eine Dauerkarte besitzt. Feuerwehrleute kämen aus ganz Deutschland, die in diesen Fahrzeugen ihren Dienst geleistet haben und gerne Geschichten zu den Fahrzeugen erzählen. Auch aus dem benachbarten Ausland fänden Besucher hierher, ja sogar Amerikaner und Japaner.

Besonders stolz ist Stanko darauf, dass der Betrieb ausschließlich durch ehrenamtliche Mitarbeiter erfolgt. Sie kümmern sich um den Empfang, die Führungen, die Gastronomie, die Technik und den Unterhalt des Museums bis hin zur Reinigung der Toiletten. Die Freiwilligen setzen sich größtenteils aus aktiven und ehemaligen Feuerwehrleuten zusammen, aber auch aus Oldtimerfans oder Modellbauern, die zum Teil gar nichts mit der Feuerwehr am Hut haben.

Was wünscht sich der Museumsbetreiber für die Zukunft seines Museums? Im Moment geht es ihm darum, den Status quo zu fixieren. Allerdings ist eine Weiterentwicklung in den nächsten Jahren angestrebt. Eine Ausstellung von Flughafenlöschfahrzeugen ist geplant. Sollten die Besucherzahlen weiter steigen, wird es auch schwieriger werden, das Museum auf rein ehrenamtlicher Basis zu führen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Pferdegezogene Motorspritzen und viel Blaulicht
Autor
Caroline Hotschek
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2014, Nr. 58, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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