Durchs Elbtal mit der Piper Seneca

70, 80, v1 . . . rotate!" Dann wird das Ruder leicht nach hinten gezogen, und die Landschaft rund um Dresdens Landebahn 22 rauscht mit knapp 200 Stundenkilometern an den Fenstern vorbei. Der Grund verschwindet an der Unterseite der Fenster. Die Geschwindigkeitsansagen des Kopiloten verschwimmen mit dem Röhren der beiden 6-Zylinder-Motoren, die zusammen mit rund 450 PS die Maschine in die Luft ziehen und den Cockpitboden vibrieren lassen. Doch beim genaueren Betrachten erkennt man einzelne Bildpunkte auf der großen, halbkreisförmig gebogenen Leinwand, und man wird schnell wieder in die Wirklichkeit geholt, die in diesem Fall aus dem Simulator der Fliegerschule "August der Starke" im Erdgeschoss des Flughafenterminals Dresden besteht.

In einem verglasten, büroartigen Raum neben einer Theke, Stühlen und einem Tisch steht das nachgestellte Cockpit einer Piper Seneca, in dem man durch das sächsische Elbtal kurven kann. Eine 1,50 Meter hohe und 2 Meter lange Röhre bildet den vorderen Rumpfabschnitt des Flugzeugs. In diesem sind alle Paneele, Knöpfe, Hebel und Anzeigen wie im Originalcockpit dargestellt. Neben leistungsstarken Lautsprechern, die die Umgebungsgeräusche detailgetreu nachstellen, besitzt der Simulator noch eine weitere Finesse, "Force Feedback" in Fachkreisen genannt: Kleine Servomotoren an jedem Steuerinstrument erzeugen einen simulierten Widerstand, je nachdem, wie stark der virtuelle Wind auf die Ruder drückt.

Thomas Seidel, mit weißem Hemd und Fliegerspange an der Krawatte, ist hier als Fluglehrer tätig. Seit 2011 bietet der berufserfahrene Pilot mit seinen Kollegen virtuelle Flüge rund um die Welt an, ohne sich dabei einen Millimeter von der Stelle bewegen zu müssen. "Mit dem Simulator ist es uns möglich, alle erdenklichen Szenarien, die sich im Rahmen der Realität abspielen, nachzustellen. Er ist eine ausgezeichnete Ergänzung zur restlichen Ausbildung." Für jeden Flug, den er am Simulator anstatt in der Luft durchführt, spart der Flugschüler Hunderte Euro für Treibstoff und Start- und Landegebühren. Dazu bietet das Gerät 100-prozentige Sicherheit für Leib und Leben der Piloten. "Der schlimmste Zwischenfall, der uns je im Simulator passierte, war ein weißer Bildschirm, nachdem sich der Rechner aufgehangen hatte. In der Realität sind schon Dutzende Schulungsmaschinen aufgrund von Fehlbedienung abgestürzt", sagt der Dresdner Fluglehrer. Die Praxisnähe sei groß: Ein Triebwerksbrand wird in jedem Cockpit gleich dargestellt, indem mehrere Warnleuchten blinken, im simulierten wie im echten. Der Pilot merkt so kaum einen Unterschied.

"Luftfahrtbegeisterte Amateure haben die Möglichkeit, sich im großen Simulator im fast realen Fliegen zu erproben, und Leuten mit Flugangst kann geholfen werden. Sehen und hören diese Menschen einmal die normalen Prozeduren in einem Flugzeug, wird vielen die Angst genommen", sagt Seidel.

"Um Spaß geht es vor allem!", sagt Oliver Schmidt. Seine blaue Augen leuchten auf, spricht er von der Fliegerei. Mit 17 Jahren ist der Schüler aus Holzminden leidenschaftlicher Simulatorpilot und -lotse, der schon praktische Flugerfahrung gesammelt hat. Er fliegt auf einer anderen Ebene der Simulation, nämlich zu Hause. Dort ist es natürlich nicht möglich, ein Cockpit von mehreren Quadratmetern Größe nachzubauen, ein bis drei Computerbildschirme und ein Joystick müssen da ausreichen, der Rest wird auf dem Bildschirm dargestellt. Dafür bietet diese Form der Fliegerei andere Anreize: Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten sich mit dem World Wide Web auch die Möglichkeiten für die Heimfliegerei. In großen Online-Netzwerken wie IVAO oder VatSim fliegen Zehntausende Hobbypiloten zusammen auf Servern und kommunizieren laufend miteinander, solange sie eingeloggt sind. Man versucht alle fliegerischen Prozeduren bis ins kleinste Detail nachzustellen, von Routineverfahren beim Starten der Triebwerke bis zum genormten Funkverkehr zwischen Cockpit und Flugverkehrskontrolle.

Informationen zum Beitrag

Titel
Durchs Elbtal mit der Piper Seneca
Autor
Florian Giesinger
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2014, Nr. 58, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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