Wer herzzerreißende Szenen erwartet, wird enttäuscht

Räumungen sind das Spezialgebiet von Frank Nass. Der Obergerichtsvollzieher arbeitet in Dresden und betritt die Wohnungen mit Taschenlampe und Videokamera. Die Vertreterin des Gläubigers, der Hausmeister und Mitarbeiter der Umzugsfirma warten derweil. Oft sind Mieter betroffen, die zuvor nicht auf Schreiben reagiert haben.

Wer Frank Nass bei seiner Arbeit zuschauen oder ihn interviewen möchte, muss allein kommen. Denn in seinem Job gilt: "Einen Zuschauer kann ich den Gläubigern gegenüber noch vertreten, aber mehrere sind ungünstig." Frank Nass ist Obergerichtsvollzieher in Dresden. Er war schon mehrmals in den Medien, auch im Fernsehen. Nass war schon bei Nachrichtenmagazinen von MDR und Sat1, auch bei der Ratgebersendung "Escher" des MDR trat er auf. Er ist quasi der Öffentlichkeitsarbeiter unter den Gerichtsvollziehern, und heute lässt er sich bei einer Räumung über die Schulter schauen.

Räumung bedeutet, dass ein Hauseigentümer eine seiner Wohnungen frei haben möchte. Die Gründe dafür sind vielfältig, meist wurde aber einfach die Miete nicht gezahlt. Wenn der Bewohner sich standhaft weigert auszuziehen, kann der Eigentümer das Gericht einschalten. Ist der richterliche Beschluss gefallen, kommt der Gerichtsvollzieher und räumt die Wohnung. Eigentlich hatte Nass schon um neun Uhr eine Räumung, diese fiel aber aus, da die Bewohner unter großem Protest doch ausgezogen waren.

Räumungen sind sein Spezialgebiet, und wenn "Räumung" nur "Schließzylinder auswechseln" bedeutet, schafft er bis zu sieben Einsätze am Tag. Wenn die Wohnung leergeräumt werden muss, dauert es natürlich länger. Sein Rekord waren 47 Räumungen in einem Monat. Bei dem jetzigen Einsatz ist der Bewohner ausnahmsweise aber schon ausgezogen - seine neue Anschrift ist die Justizvollzugsanstalt. Der Vermieter will die Wohnung jetzt natürlich weitervermieten. Wer also spannende oder herzzerreißende Szenen erwartet, der wird enttäuscht.

Treffpunkt ist vor der Haustür. Davor steht bereits ein Umzugswagen. Gekommen sind Nass, eine Vertreterin des Gläubigers, zwei Hausmeister, eine Referendarin von Nass und drei Mitarbeiter von der Umzugsfirma. Als Erstes übergibt die Gläubigervertreterin Nass die Schlüssel. Schade, denn "ich wollte was vorführen", sagt Nass schmunzelnd. Während er sich noch mit der Gläubigervertreterin unterhält, wird seine Ausrüstung sichtbar. Sie umfasst einen Koffer, eine Taschenlampe, die mindestens dreimal so lang ist wie eine normale Taschenlampe, und ein Klemmbrett mit vielen Namensschildern von Briefkästen oder Klingelschildern.

Nass hat schon einige weiße Haare, ist eher kräftig gebaut, nicht besonders groß und trägt Alltagskleidung. Ohne seine "Ausrüstung" würde man ihn kaum für einen Gerichtsvollzieher halten. Wer jedoch genau hinsieht, erkennt vielleicht die Dietriche, die an seiner Hose hängen.

Vor der Wohnungstür erwartet ihn dann doch eine Überraschung: Die Tür will nicht aufgehen. "Sieht so aus wie aufgebohrt", murmelt der Hausmeister. Es sieht so aus, als hätte die Polizei schon einmal an der Tür Hand anlegen müssen. Doch nach einigen Versuchen kann der Hausmeister die Tür öffnen. Als Erstes tritt Nass mit der Taschenlampe und einer Videokamera ein. Bilder machen. Erst nach einiger Zeit dürfen die anderen ihm folgen. Sie wollen ja nicht auf den amtlichen Videodokumentationen erscheinen.

Der nunmehr ehemalige Bewohner hatte es nicht schlecht. Die Wohnung umfasst drei Zimmer und ein kleines Bad. Eine nicht billig aussehende Couch, ein Fernseher, zwei Mikrowellen und ein riesiger Kleiderschrank gehören zum Mobiliar. Keine armen Verhältnisse, aber der Bewohner musste ja auch nicht aus Geldgründen ausziehen. Nass, der ja schon viele Räumungen erlebt hat, meint: "In der Regel sieht es aber meistens schlechter aus."

Jetzt rücken die Umzugshelfer mit Kartons an. Nichts wird in der Wohnung bleiben. Die Sachen werden zwei Monate aufbewahrt, dann werden sie entweder versteigert oder weggeworfen. Dieser Bewohner kann seine Sachen zwar nicht selbst abholen, allerdings kann er einen Bevollmächtigten schicken. Auch der Kellerraum wird leergeräumt. Der Hausmeister hat inzwischen das Klingelschild und den Schließzylinder entfernt.

Wer bezahlt so eine Räumung eigentlich? "Der Gläubiger muss einen Vorschuss leisten, er kann die Kosten aber an den Mieter weitergeben", erklärt Nass und fügt hinzu, dass der Gläubiger eigentlich nur zur Sicherheit und wegen der Schlüsselübergabe kommen muss. Der Gerichtsvollzieher sichert die Prozedur rechtlich ab. Die Hausverwalterin ist auch gekommen, aber auch sie muss nur noch zuschauen. Nass erwähnt einen seiner nächsten Termine, und die Gläubigervertreterin rät ihm: "Nehmen Sie lieber gleich die Polizei mit!" Wenn der Gerichtsvollzieher auf Gegenwehr stößt, ruft er zunächst die Polizei. Manchmal musste aber auch der Notarzt kommen und den hysterisch gewordenen Schuldner beruhigen.

Nass muss nur selten pfänden. Wie aber legt er den Wert der gepfändeten Gegenstände fest? "Ich muss alles außer Gold und Silber schätzen können. Ich muss ja wissen, wie weit ich die Pfändung ausweiten muss." Da er oft keine Anhaltspunkte hat, muss er sich auf sein Gefühl verlassen, doch er kann immerhin auf Erfahrung zurückgreifen. Was ist mit der Liste der unpfändbaren Gegenstände? Die muss man heute nicht mehr anwenden, da jetzt nur noch im Gesetz steht, dass dem Schuldner eine "bescheidene Lebensweise" bleiben muss.

Das ist zwar Auslegungssache, doch Nass ist sowieso eher skeptisch mit der Formulierung "unpfändbar". Er findet: Gegenstände, die überdurchschnittlich teuer sind, sollten nicht unpfändbar sein. "Zum Beispiel ist ein Flachbildfernseher für 800 Euro nicht unpfändbar. So ein Ding hab ich auch nicht in meiner Wohnung stehen." Gibt es auch Fälle, die er nicht gerecht findet? "Eigentlich nicht", meint Nass. "Oft ist es ja durch eine Instanz gegangen, da hat der Mieter es akzeptiert. Meistens haben sich die Mieter aber auch einfach in einem Verfahren nicht positioniert, haben also in einem schriftlichen Verfahren keine Stellungnahme eingereicht oder sind zu einer mündlichen Verhandlung nicht erschienen. Oder sie haben dreimal den Prozess verloren und müssen akzeptieren, dass ihre Argumente nicht so gut waren. Es gibt auch einige, die sich denken: Gucken wir mal, ob überhaupt jemand kommt."

In der Zwischenzeit haben die Umzugshelfer nach und nach das gesamte Geschirr in Papier eingepackt und in den Kisten verstaut. Nass versichert, dass nichts Aufregendes mehr passiert. Es geht nach Hause - in eine Eigentumswohnung. Da sie nicht in seinem Bezirk liegt, wird Nass zumindest nicht in amtlicher Funktion dort klingeln.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wer herzzerreißende Szenen erwartet, wird enttäuscht
Autor
Julius Wenzel
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2014, Nr. 64, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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