Auf dem Sprung

Außer den neongrünen Schnürsenkeln gibt es auf den ersten Blick keine Besonderheiten an der Sportlerin, die in der Fritz-Jacobi-Leichtathletikhalle die Hochsprunglatte avisiert. "Hier in Leverkusen bin ich gar nichts Besonderes, nicht so wie in meiner alten Heimatstadt", sagt Kimberly Jeß. Die Hochspringerin wurde 2008 mit 16 Jahren für sie völlig überraschend U-20-Weltmeisterin im polnischen Bydgoszcz. "Das war ein unglaubliches Gefühl. Ich war die Beste in der Welt. Dabei war die Finalteilnahme schon ein Riesenerfolg für mich." 2009 sprang sie in der Halle mit 1,91 Meter deutschen Jugendrekord. Jetzt trainiert die Schleswig-Holsteinerin in Leverkusen. Sie besucht das Teilinternat des Landrat-Lucas-Gymnasiums in Opladen und teilt sich eine Wohnung mit einer gleichaltrigen Handballerin. "1800 Schüler hat meine Schule, in meiner alten waren es gerade mal 700. Das ist schon ein Riesenunterschied. Find ich aber total gut, das da auch Normale sind und nicht nur Sportler, so ein typisches Sportinternat wäre für mich nicht in Frage gekommen." Fast zwei Jahre Verletzungspech hat das hoffnungsvolle Talent nun hinter sich. Einer Reizung der Bänder im linken Fuß folgte eine Reizung im Knie. An Aufgeben hat die 18-Jährige jedoch noch nie gedacht. "Vom Training muss man mich schon mit Gewalt abhalten", lacht sie.

Weltmeisterin mit 16 Jahren und dann "nur" ein dritter Platz bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Ulm in diesem Jahr - empfindet sie das nicht als Rückschlag? "Ach was, ich weiß, was ich kann. Wenn ich wieder fit bin, kommt auch der Erfolg wieder, daran glaube ich fest." Kimberly kam vor zehn Jahren zur Leichtathletik, nebenher ging sie noch zum Ballettunterricht. Sie gewann in fast allen leichtathletischen Disziplinen im heimischen Schleswig-Holstein ihre Wettkämpfe. Ein Naturtalent, sie war lange Jahre auch im Mehrkampf sehr erfolgreich, bis sie sich dann ganz dem Hochsprung verschrieb. "Springen und werfen sind meine Stärken, nur sprinten kann ich nicht", schmunzelt sie, "aber das stört mich auch nicht groß." Vereinskameraden, das kennt sie eigentlich erst seit ihrem Wechsel nach Leverkusen. "In meinem Pupsverein waren wir nicht so viele. Mein Opa hat mich da trainiert. Hier ist es schon ganz toll. Zuerst dachte ich, das ist hier so ein riesiger, anonymer Verein, aber ich fühle mich hier eher wie in einer großen Familie."

In ihrem alten Heimatverein Rendsburg-Büdelsdorf nahe der dänischen Grenze war sie eine absolute Ausnahmeerscheinung. Sie war bekannt in ihrer Heimat, oftmals war das mehr eine Last. In Leverkusen geht man entspannter mit solchen Erfolgen um. Die Olympischen Spiele 2012 in London sind Kimberlys großes Ziel. "Das wär schon ein Traum." Mit ihrem Trainer Hans Jörg Thomaskamp kommt sie gut zurecht. "Er kritisiert mich, wo es sein muss, er lobt mich aber auch." Kimberly trainiert zusammen mit dem jungen Hochspringer Mateusz Przybylko. Aus ganz Deutschland kommen junge Leichtathletik-Talente nach Leverkusen. Schule und Leistungssport zu verbinden ist hier gut möglich. Hierfür steht die Kooperation des Landrat-Lucas-Gymnasiums mit dem TSV Bayer 04 Leverkusen. Kimberly möchte Lehrerin werden, "für Mathe und natürlich für Sport". Wie sieht ein typischer Tag aus? "Schule, essen, Tasche wechseln, aufs Fahrrad und zum Training, nach Hause, Hausaufgaben, Freunde . . ." 17 Uhr, das Training ist vorbei. Kimberly schlüpft aus ihren Spikes und schlendert zur vereinseigenen Physiotherapie-Praxis. Dort kümmert man sich um ihren Fuß und ihr noch leicht lädiertes Knie. "Bald bin ich wieder fit, dann starte ich durch."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf dem Sprung
Autor
Nina Berghoff, Leverkusen. Werner-Heisenberg-Gymnasium
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2010, Nr. 262 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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