"Wir haben viel zu viele Pinocchios da draußen"

Judith Krecker verteilt in Frankfurt Strafzettel / Ertappte Verkehrssünder reagieren selten souverän

Nanu, da steht doch einer. Und nicht nur einer. An diesem kalten Wintermorgen haben sich gleich drei Autos um das deutlich sichtbare Halteverbotsschild aufgereiht. Die beiden Damen der Stadtpolizei, die zusammen ihr Revier begehen, fackeln nicht lange, zücken ihr elektronisches Erfassungsgerät und verteilen je eine "Knolle". Jetzt noch schnell die Nummernschilder notiert, die Ordnungswidrigkeit protokolliert und alles fix zur zuständigen Dienststelle gesandt.

Ein junger Frankfurter, der gerade in diesem Augenblick zu seinem Fahrzeug zurückkehrt, wittert seine Chance. Den kultigen Wölkchen-Werbe-Plot vor dem geistigen Auge, in dem ein charmanter junger Mann eine hübsche Politesse mit einem Pudding erfolgreich besticht, streckt er der Dame in Uniform entschuldigend lächelnd einen seiner beiden gerade frisch erworbenen Latte macchiato im Pappbecher entgegen.

Judith Krecker, seit mehr als drei Jahrzehnten im Dienste der Stadt und ihrer Bürger, hat in den vergangenen Jahren schon vieles erlebt und einiges angeboten bekommen. Selbst einen heißen Kaffee bei eisiger Kälte lehnt sie jetzt dankend ab. "Es gibt immer welche, die denken, sie könnten sich elegant herausreden, aber wir haben viel zu viele Pinocchios da draußen, und mit einem Becherchen kann man mich nicht überzeugen. Wenn jemand glaubwürdig ist, dann ergeben sich schon Möglichkeiten, ein Auge zuzudrücken, zum Beispiel bei der Mutter, die mit vier Tüten unter dem Arm und drei Kleinen im Schlepptau angehetzt kommt, da wirst du Mensch in Uniform." Scheitern die Wölkchen-Nachahmer aber vielleicht doch nur an den angeblichen Fangprämien oder dem vermeintlichen Wettbewerb um das Knöllchenverteilen unter den Frankfurter Verkehrsüberwachern? Judith Krecker lacht: "Wenn das so wäre, hätte ich schon drei Häuser gebaut und müsste nicht mehr arbeiten. Das ist natürlich Unsinn!"

Aber in der öffentlichen Wahrnehmung findet eine Abzocke der Stadt statt. Verkehrsüberwacher stoßen auf Ignoranz und Unverständnis. Ertappte Verkehrssünder reagieren meist ungehalten, im schlimmsten Fall aggressiv. Auch wenn Politessen gelernt haben, kritische Situationen zu deeskalieren, muss ihnen draußen auch schon einmal die Schutzpolizei zu Hilfe kommen.

"Solche Angriffe auf unsere Mitarbeiter sind wirklich schade. Schließlich macht das Überwachen des so begrenzten Parkraums in unserer Stadt sicherheitstechnisch und gesamtgesellschaftlich wirklich Sinn", sagt Rainer Michaelis, Leiter der Abteilung Straßenverkehrssicherheit Frankfurt am Main. Zudem seien die Verwarngelder der Stadt im Vergleich zu unseren Nachbarländern viel zu niedrig angesetzt. "Deutschlands liebstem Kind und wichtigstem Exportartikel" wolle hierzulande niemand zu sehr an den Kragen. Insofern betrachte die Stadt das Verwarngeld lediglich als kleine Erinnerung an die Verkehrs- und Ordnungsregeln. "Im Zweifelsfall tun unseren Dauerkandidaten die zehn Euro hier und da nicht einmal weh", kommentiert der "Knöllchenchef" das Problem.

Und dennoch muss Judith Krecker sich den Respekt der Frankfurter und auch der falsch parkenden Touristen täglich neu verdienen. Von denen, die sie nicht kennen, kämen da schon mal Bemerkungen wie: "Sie sind ja eine Knallharte, Sie müssten erschossen werden!" Die ersten fünfzehn Jahre im Dienst waren die schwersten. Oft fühlte sie sich derart müde und persönlich attackiert, dass sie manchmal ihre Mütze am liebsten abgesetzt und darauf rumgetrampelt hätte. So sehr gingen ihr die Angriffe unter die Haut. Aber in ihren Stammrevieren hat sie heute Anwohner als Freunde, die ihre ruhig ordnende Hand zu schätzen wissen und sich freuen, wenn sie wieder da ist, falls sie länger an einem anderen Ort in Frankfurt im Einsatz war.

"Dort muss ich mich auf keinen Kampf mehr einlassen. Dort zücken Anwohner und Ladenbesitzer auch schon mal ihr Mobiltelefon, stellen sich hinter mich und werden aktiv, wenn es Ärger mit uneinsichtigen Parksündern gibt, die durch ihr Verhalten anliefernde Laster in der zweiten Reihe zwingen oder andere gefährliche Verkehrssituationen hervorrufen", sagt die Hilfspolizistin der Stadt.

"Heute habe ich mich mit meinem Job komplett ausgesöhnt. Ich bin draußen, bestimme meinen Tagesablauf, habe mein Aufgabengebiet, fahre Streife, setze eigene Schwerpunkte. Ich weiß, ich arbeite für die Sicherheit aller Bürger meiner Stadt." Dass die Politessen gerne ihre vermeintliche "Machtstellung" ausnutzen, ist laut Judith Krecker ein Mythos: "Ich bin nicht so, wie man sich gemeinhin eine eingefleischte Uniformträgerin vorstellt. Aber wenn ich in Uniform bin, muss ich mich auch an gewisse Regeln halten. Wenn wir heute ein halbes Jahr lang keine Verkehrskontrollen machen würden, möchte ich nicht wissen, wie es dann in Frankfurt aussehen würde."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Wir haben viel zu viele Pinocchios da draußen"
Autor
Valerie Traxler
Schule
Lessing-Gymnasium , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2014, Nr. 64, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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