Alle Spieler sind Schiedsrichter

Auf dem Boden quietschen die Turnschuhe. In der Turnhalle der Margarethenschule in Basel wird die Schweizer Juniorenmeisterschaft in Ultimate Frisbee ausgetragen. Auf dem blauen Boden gibt es viele bunte Linien für verschiedene Sportarten. Für das Spielfeld von Ultimate werden die Außenlinien des Handballfelds benutzt. Die fehlenden Linien sind mit Klebstreifen und Hütchen markiert. Es spielt gerade das Zürcher Team Headless in Violett gegen die gelben Panthers aus Bern. Die Auswechselspieler feuern ihre Mitspieler lautstark von der Seitenlinie aus an. Ultimate enthält Elemente aus Handball, Basketball und American Football, aber zwei Unterschiede fallen sofort auf: Erstens fehlt der Ball - es wird mit einer runden Plastikscheibe gespielt. Der zweite Unterschied ist überraschender: Es gibt keinen Schiedsrichter.

Da es im Ultimate Frisbee keinen Schiedsrichter gibt, müssen die Spieler selbst bei Regelverstößen urteilen und entscheiden. Die Tatsache, dass alle Spieler sozusagen auch Schiedsrichter sind, setzt die Fairness der Spieler voraus. Dies bedeutet, dass sie die Regeln gut kennen und nicht absichtlich missachten oder falsch anwenden. Schwalben und Meckern mit dem Schiedsrichter, wie man es von anderen Sportarten kennt, gibt es somit im Ultimate nicht. Natürlich geht es auch im Ultimate darum, Spiele zu gewinnen. Dies aber nicht zu jedem Preis. "Ich möchte nicht ein Spiel gewinnen mit dem Wissen, unfair gespielt zu haben", sagt Nicolas Miglioretto, der das Spiel interessiert von der Tribüne aus verfolgt. Neben seinem Studium der Sportwissenschaften und Ethnologie ist er Junioren-Koordinator des Schweizer Verbands, Headcoach des U-20-Open-Nationalteams und Trainer des Basler Juniorenteams Freespeedies. "Gegner und Mitspieler und deren Gesundheit zu respektieren, im Wettkampf alles geben, ohne gegen die Regeln zu verstoßen ist Fairplay für mich", sagt Nicolas Miglioretto. Mit einem Frisbee in der Hand ruft er seine Spieler zu sich und erklärt ihnen dann, mit den Händen gestikulierend, die Taktik für das Spiel. Selber spielt er seit elf Jahren Ultimate Frisbee.

Die meisten kennen Frisbee von Strandspielen, aber nur wenigen ist bekannt, dass es verschiedene Frisbee-Sportarten gibt. Der Teamsport Ultimate ist eine der am meisten verbreiteten. Draußen ist das Spielfeld so lang wie ein Fußballfeld und halb so breit. An den beiden Enden des Spielfeldes sind die sogenannten "Endzonen", die jeweils 18 Meter lang sind. Im Winter wird in der Halle gespielt, und das ganze Feld ist kleiner. In der Halle spielt man auch nur fünf gegen fünf anstatt sieben gegen sieben wie auf dem Rasen. Ein Punkt wird erreicht, wenn es einer Mannschaft durch Passen der Scheibe gelingt, das Frisbee in seiner Endzone zu fangen. Mit dem Frisbee in der Hand darf man nicht laufen, ein Pass darf aber in jede Richtung gespielt werden.

Auf dem Spielfeld ist gerade das violette Team im Besitz der Scheibe. Ein Spieler hält die Scheibe, der Verteidiger steht vor ihm und versucht ihn ohne Körperkontakt beim Werfen zu behindern, indem er sich mit seinen Armen so breit wie möglich macht. Gleichzeitig zählt er im Sekundentakt bis zehn; so lange hat der Gegenspieler Zeit, die Scheibe loszuwerden. Die anderen Spieler aus Zürich versuchen sich freizulaufen. Er wirft die Scheibe, es gelingt einem Berner Spieler, die Scheibe abzufangen, somit sind die Berner jetzt im Angriff. Sofort stellen sich alle um. Der Berner Spieler will die Scheibe werfen, doch der Zürcher Verteidiger schlägt ihm versehentlich auf den Arm, so fällt die Scheibe auf den Boden. Der Berner sagt "Foul", sein Gegenspieler ist einverstanden und entschuldigt sich. Die Scheibe kommt über das ganze Spielfeld geflogen, ein Berner Spieler fängt die Scheibe mit einem Hechtsprung. Es wird gejubelt. Bern hat gewonnen. Nach dem Spiel versammeln sich alle Spieler in einem Kreis. Die Kapitäne sagen, was sie gut am Spiel und dem Verhalten des Gegners fanden, und auch was besser sein könnte. Bei jedem Turnier gibt es einen Fairplay-Preis.

Informationen zum Beitrag

Titel
Alle Spieler sind Schiedsrichter
Autor
Ronja Seibert
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2014, Nr. 64, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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