Sie halten ihre eigenen Völker in der Stadt

Stadtimker stellen ihre Bienenstöcke auf Dächer und Balkone oder in ihre Gärten. So wie die beiden Imker in Dresden und ihre fleißigen Völker.

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr." Als Uta Tomczak im Sommer 2012 länger über dieses Zitat von Albert Einstein nachdachte, beschloss sie, selbst mit dem Imkern anzufangen. Sie wollte sich erst über die Bienenhaltung gründlich informieren und später im Frühling ein erstes Volk kaufen, doch sie bekam schon im Juli 2012 ein eigenes Volk Bienen von einem anderen Imker, der sich ganz der Züchtung einer verträglichen und fleißigen Bienenrasse gewidmet hatte. So fing sie an, auf ihrem Grundstück in Dresden die Arbeit mit den Bienen am lebenden Beispiel zu erlernen.

"Auch wenn die Imkerei auf dem Land vielleicht eher bekannt ist, finde ich es sehr von Vorteil, mit meinen Bienen in einer Großstadt zu wohnen. Regelmäßiger Kontakt zu den anderen Imkern in der Gegend ergibt sich schnell, und ein Imkerladen ist nicht weit entfernt", erklärt die 46 Jahre alte Hausfrau. Ihre natürliche Bräune und leicht ausgeblichene Kleidung verrät sofort, dass sie sich oft draußen in der Sonne aufhält.

Viele Menschen scheinen in Bezug auf die Bienenhaltung ähnlich zu denken wie sie, die Zahl der Stadtimker wächst stetig. Tom Zschaage, ein Nachbar, belegte vor zwei Jahren einen Kurs für Imkerei an der Volkshochschule. Der Familienvater erklärt den Grund für die stetig wachsende Beliebtheit seines Hobbys: "Es gibt immer mehr Menschen, denen es gutgeht und die sich für Natur, gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit oder Spiritualität interessieren. So finden viele den Weg zu den Bienen. "Entgegen der Vermutung, die Stadt würde nicht der natürlichen Umgebung der Biene entsprechen, bringt die urbane Umgebung jedoch Vorteile für die Bienenhaltung mit sich. So gibt es hier eine viel größere Vielfalt an blühenden Bäumen, Sträuchern und Blumen in den Gärten, Parks oder auf Balkonen und Brachflächen, auf dem Land dagegen oft riesige Felder mit Monokulturen.

"Einseitige Ernährung ist nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Bienen gesundheitsschädlich", sagt Uta Tomczak, während sie auf die verschiedenfarbigen Pollen verweist, den die Bienen an ihren Hinterbeinen zum Stock transportieren. Jede Pflanze hat ihren eigenen Pollen, die Farbpalette reicht von Weiß bis Dunkelrot und lässt auf eine große Artenvielfalt von Gewächsen in der Umgebung schließen. Tom Zschaage, der im Imkern einen Ausgleich zu seinem Beruf vor dem Computer fand, meint, dass Bienen die ganze Bienensaison, ab dem Frühling bis hinein in den Herbst, ausreichend Pollen und Nektar finden müssen, um überleben zu können. Das sei ein wichtiger Grund, Bienen in der Stadt zu halten.

Selbst Schadstoffe in der Luft, die in der ländlichen Region oft weniger auftreten, wirkten sich letztendlich fast gar nicht auf die Qualität des Honigs aus. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Tiere diese abbauen können. Auch die in der Landwirtschaft verwendeten Pestizide kämen in Gärten in der Stadt nicht oder nur in Maßen zum Einsatz. "Natürlich gibt es auch Probleme, die im Unterschied zum Land bei uns auftauchen. Für Stadtimker ist es nicht immer einfach, den geeigneten Standort für das Haus der Bienen zu finden", gibt die Imkerin zu. Ihre drei Bienenstöcke hat sie in ihrem Garten stehen, auf der Wiese zwischen Himbeerpflanzen, Rosen und Hochbeeten. Platz genug wäre sogar für noch mehr Völker. Jedes Volk wohnt mit einer Königin in einer eigenen Beute, die aus Styropor oder Holz bestehen kann. Die quaderförmigen, oft dunkelgrün angestrichenen Kisten können nach Bedarf übereinandergestapelt werden, um dem wachsenden Bienenvolk immer ausreichend Platz zu gewähren. So können die Beuten bis zu einem Meter hoch werden.

Es ist jedoch aus Platzgründen nicht für jeden Imker möglich, seine Bienenstöcke in einem Garten zu plazieren. Deswegen stellen manche die großen Kisten sogar auf Häuserdächer oder Balkone, selbst auf dem Berliner Dom und auf dem Dach der Laeiszhalle in Hamburg summt es mittlerweile. Durch das Aufstellen der Bienenstöcke an öffentlichen Plätzen werden mehr Menschen darauf aufmerksam. Während das Imkern früher von älteren Männer dominiert wurde, bekam es in den vergangenen Jahren Zuwachs auch von jungen Menschen, die etwas für ihre Umwelt tun wollen oder sich einfach für die Bienenhaltung interessieren. Um sich als Anfänger über Bienen zu informieren, gibt es Kurse an der Volkshochschule und regionale Vereine, die regelmäßige Treffen und Vorträge veranstalten, zum Beispiel den Imkerverein Dresden e.V..

Uta Tomczak bestätigt, dass der Verein ihr dabei half, einen Imkerpaten zu finden, einen langjährigen Imker, der ihr bei Fragen und Problemen zur Seite steht. Von ihm lernte sie unter anderem, wie sie ihre Bienen gegen Krankheiten schützen kann. "Varroamilben sind für Bienen gefährliche Parasiten, sie können ein ganzes Bienenvolk vernichten. Leider kommen sie in Deutschland eigentlich bei jedem Imker, auch bei mir, vor. Allerdings kann man die meisten mit Hilfe von organischen Säuren abtöten", erklärt sie, während sie die Wirkung der Säurebehandlung überprüft. Jeden Tag im Herbst, wenn die Behandlung stattfindet, muss sie die toten Milben zählen, damit sie den Überblick über die Ausbreitung der Parasiten behält, Die Varroamilbe ist einer der Gründe, der laut Wissenschaftlern zu weltweitem Bienensterben führen kann.

"Doch nicht nur die Honigbiene ist wegen des Bienensterbens bedroht, es gibt auch viele Wildbienen, von denen leider schon ganze Arten in Sachsen ausgestorben sind", erzählt Tom und beschließt, morgen noch neue Frühblüher zu kaufen, die er in Beeten in seinem Garten anpflanzen will, um auch im nächsten Jahr seinen Bienen den Start ins Frühjahr leichtzumachen. Den Winter verbringen die Bienen in ihrem Haus, jedoch fliegen sie nicht mehr. Dort bilden sie eine Traube um die Königin, so kann selbst bei Minusgraden ein Teil des Volkes überleben.

Die schönste Arbeit eines Imkers ist wohl das Ernten des Honigs, das meist mehrmals im Jahr im späten Frühling, Sommer und frühen Herbst stattfindet. Die Imkerin benutzte gleich ihre ersten selbst abgefüllten Gläser Honig dazu, ihre noch etwas skeptischen Nachbarn von der Wichtigkeit der Stadtbienen zu überzeugen. Auch konnte sie ihnen die Friedfertigkeit der Tiere beweisen: Während des ganzen Jahres war sie nur mit einem Imkerhut bekleidet, der das Gesicht vor Stichen schützt. "Wenn die vollen Waben in der Schleuder stehen und man an der Kurbel dreht und sieht, wie unten in einen Eimer der ganze süße, goldene Honig fließt, da ist man einfach nur noch glücklich", sagt sie voller Stolz auf ein Jahr mit ihren Bienen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie halten ihre eigenen Völker in der Stadt
Autor
Johanna Tomczak
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2014, Nr. 70, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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