Man bekommt das Vertrauen wieder zurück

Junge ehrenamtliche Helfer lindern das Leid der Tiere

Es ist Montagmorgen. Die Müllabfuhr macht ihre Runden durch die Stadt. Durch Zufall schaut einer der beiden Müllmänner in eine Tonne, bevor er sie leert, weil er ein Geräusch gehört hat. Er öffnet den Deckel, ihm blicken kleine Augen entgegen. Darin sitzt ein schwarzes Kaninchen. Das Tier hat Glück gehabt, denn es wurde ins Tierheim gebracht. Dort unterstützen Menschen den Tierschutzgedanken mit ehrenamtlicher Arbeit. So auch Anna Jooß. Die blonde Studentin engagiert sich einmal wöchentlich drei Stunden im Tierheim der Stadt Heidenheim im östlichen Württemberg.

"Ich wollte Gutes für die Tiere tun, und das Tierheim ist immer auf der Suche nach helfenden Händen", erklärt sie. Auf das gerettete Kaninchen angesprochen, sagt Jooß entrüstet, dass sie Menschen, die so mit Tieren umgehen, nicht verstehen kann. Dies sei kein Einzelfall. Derzeit werden etwa 30 Kleintiere gepflegt, darunter viele Kaninchen und Meerschweinchen, aber auch Ratten, Chinchillas, Tauben und Marder. "Wenn die Tiere verletzt sind, werden sie von uns wieder aufgepäppelt, so dass sie weitervermittelt oder in die freie Natur entlassen werden können." Schöne Erlebnisse mit den Tieren motivieren sie bei ihrer Arbeit. Spontan fällt ihr das Kaninchen Bugs ein. Bugs ließ sich von niemandem anfassen, war aggressiv und bissig. Als eines Tages ein kleiner Junge auf der Suche nach einem Kaninchen ins Tierheim kam, war es Liebe auf den ersten Blick. Es ließ sich von ihm streicheln und auf den Arm nehmen. Glücklich gingen beide nach Hause.

Auch bei den Katzen helfen viele Ehrenamtliche mit. So wie Julia Kürzinger, die sich mehrmals wöchentlich im Tierheim einsetzt. Die 19-Jährige studiert an der Dualen Hochschule Heidenheim Wirtschaftsingenieurwesen. "Ich genieße die Gesellschaft der Katzen, wenn ich mich einfach in das Freilaufgehege setze", erklärt sie. "Man bekommt das Vertrauen und die Liebe, die man den Tieren gibt, auch wieder zurück." Den Anstoß für die Arbeit im Tierheim bekam sie durch ihre Tante, die Vorsitzende eines anderen Tierheims ist. Schon als junges Mädchen folgte sie ihr immer gerne ins Tierheim.

Bei den Hundehäusern füttert die dunkelhaarige Diana Trittler gerade einige hungrige Mäuler. Sie ist für drei bis vier Schützlinge an drei Tagen in der Woche zuständig. Die restlichen 20 Hunde werden von weiteren ehrenamtlichen Helfern betreut. Diana Trittler, die Polizeiangestellte ist, ist seit vier Jahren dabei und arbeitet seit zwei Jahren im Vorstand. Im Gespräch mit ihr wird schnell klar, dass ohne die vielen freiwilligen Helfer nichts geht: "Das Tierheim kann nur überleben durch uns, die vielen Ehrenamtlichen, die schon durch Dinge wie zum Beispiel Hunde ausführen, das Fell pflegen oder auch nur die Zecken entfernen einen unverzichtbaren Beitrag leisten. Durch diese kleinen Hilfen wird dem Personal viel Stress abgenommen." Kopfschüttelnd erzählt Trittler, was für sie am schlimmsten war: "Tiagon ist ein mittelgroßer Straßenhund aus Osteuropa, der mit Milben befallen war. Als er ins Tierheim kam, war er nicht viel mehr als Haut und Knochen. Er hatte Kahlstellen, war verwahrlost und hatte Verletzungen. Aber die Geschichte ging gut aus. Er hat sich sehr gut erholt und zu seinen Betreuern Vertrauen gefasst." Sichtlich genießt Tiagon das tägliche Spazierengehen durch den naheliegenden Wald.

Wie viele andere kam auch der Jagdterrier Robin als Fundhund in das Tierheim. Nach einer Weile zeigten nette Leute Interesse für das kleine Tier. Allerdings büchste Robin von seinem neuen Zuhause immer wieder aus, indem er zum Beispiel aus seinem Halsband schlüpfte. Bei einer seiner Entdeckungstouren wurde er von einem Auto angefahren, worauf er wieder im Tierheim landete. Sofort informierten die Mitarbeiter seine Besitzer, die ihren Ausreißer einige Tage später abholen wollten. Mit einem Halsband, das nach innen gerichtete Zacken aufwies, kamen sie im Tierheim an. Bei dem Anblick des Stachelhalsbandes sahen die Mitarbeiter des Tierheims rot. Sie weigerten sich, Robin zurückzugeben. So blieb Robin also im Heim. Durch seinen rassenbedingten Jagdtrieb und seine nicht ganz so große Begeisterung gegenüber anderen Hunden hat es Robin allerdings schwer, neue Halter zu finden.

Andere Hunde hatten mehr Glück. Einige geeignete Hunde aus dem Tierheim fanden eine neue Lebensaufgabe als Flächenhunde, die in größeren Gebieten nach Personen suchen. Andere werden als Trümmerhunde eingesetzt, die nach einem Erdbeben oder Hauseinsturz Verschüttete suchen. Manche wurden zu Fährtenhunden ausgebildet, die verschwundene Personen aufspüren. Matze, ein brauner Hund, wurde im Heim geboren und zu einem dieser Rettungshunde geschult. Ein ähnlicher Fall war Dana, die anfangs keinen Menschen leiden konnte. Im Tierheim lernte sie dann mit diesem Problem umzugehen. Heute ist sie ein geschulter Rettungshund.

Als Ehrenamtliche bekommt Diana Trittler ein gewisses Mitspracherecht für ihre Schützlinge. So wird sie gefragt, wenn sie an Interessenten abgegeben werden sollen. "Habe ich kein gutes Gefühl vor der Vermittlung, kann ich verhindern, dass der Hund in diese Familie kommt", erklärt sie. Wenn eine Vermittlung klappt, ist das natürlich ein Erfolg. "Allerdings ist es schon schwer, einen Schützling wieder abzugeben, zu dem man eine Beziehung aufgebaut hat, aber ich freue mich immer, wenn eines meiner Tiere ein neues, gutes Zuhause findet." Das gilt auch für Tiere, die aus der freien Wildbahn kommen. So wurde ein Schwan mit seinen vier Kindern ins Tierheim gebracht. Das Muttertier war an einem Flügel verletzt, alle wurden in einem Freilauf untergebracht. Auch an ein kleines Schwimmbecken zum Plantschen wurde gedacht. Im dem Becken gründelten die fünf Schwäne nach Nahrung. Nach tierärztlichen Untersuchungen bekam die Schwanendame das O. K., damit konnte sie mit ihren kleinen gräulichen Babys wieder ausgewildert werden. Die Familie wurde in der Nähe der Brenz, eines Flusses in der östlichen Schwäbischen Alb, in die Freiheit entlassen.

Der Unterhalt des Tierheimes kostet natürlich viel Geld. Die Tiere brauchen Futter, Einstreu, Fressnäpfe und ärztliche Versorgung. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, bekommt das Tierheim Futterspenden von Läden, die sie ansonsten wegwerfen müssten, und von Tierfreunden. Um Geld aufzutreiben, veranstaltet das Tierheim außerdem ein jährliches Sommer- und Winterfest und einen wöchentlichen Flohmarkt im Tierheim. Das schwarze Kaninchen springt jetzt zutraulich durch sein Gehege und hat Aussicht auf ein schönes Zuhause.

Informationen zum Beitrag

Titel
Man bekommt das Vertrauen wieder zurück
Autor
Sarah Matzas
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2014, Nr. 70, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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