Wer gut pitcht, der wird geliebt

Latinos sporteln im Verein "München Caribes" und bringen Spielfreude nach Bayern. Mittwoch, kurz vor Beginn des Trainings, als der Trainer eintrudelt: "Cómo estás, Raúl?" "Bien! Y tú?" "Todo fino!" Im Münchener Norden, auf dem Oberwiesenfeld, versammelt sich eine Gruppe von Latinos, die im Baseballverein "München Caribes" der amerikanischen Nationalpassion nachgeht. "Ich habe Baseball zu spielen angefangen, als ich noch ein kleines Kind war", erzählt der Kubaner Dayan Ramos, der 2nd Baseman des ersten Teams und Metzger im letzten Ausbildungsjahr. "In Lateinamerika spielen wir mit einem Besenstab und einem selbstgebastelten Ball, den wir mit Tape umwickeln, um ihn widerstandsfähiger und schwerer zu machen. Wir spielen immer auf der Straße, und so oft es geht."

Dokumentationen im Internet über lateinamerikanischen Baseball beschreiben, dass die verschiedenen Talente, die für dieses Spiel notwendig sind, oft auf der Straße entwickelt werden. Wie die gute Augen-Hände-Koordination, die nötig ist, um in den Profiligen Lateinamerikas und der Vereinigten Staaten 160 Stundenkilometer schnelle Bälle zu schlagen. "Wir hatten oft nicht mal einen Ball. Wenn wir keinen hatten, haben wir Flaschendeckel genommen. Einen Flaschendeckel mit einem Besenstab zu schlagen, das muss man erst mal schaffen", sagt Dayan Ramos. Findet in Lateinamerika ein wichtiges Baseballspiel statt, ist die ganze Stadt in Aufruhr. "Bei uns in Venezuela ist die Hölle los bei einem Spiel der Profiliga", sagt Jimie Roura, gebürtiger Venezolaner und 1st Baseman des ersten Teams der Caribes. Er macht grade sein Abitur nach. "Im Stadion geht die Post ab. Wenn du da als Spieler einen Fehler machst, dann siehst du besser zu, dass du ihn wiedergutmachst, ansonsten kannst du einpacken. Keiner mag dich mehr, und du wirst ausgepfiffen. Aber wenn du einen wichtigen Homerun schlägst, gut pitchst oder gute Defense spielst, dann wirst du geliebt." Für manchen Spieler gilt ein solcher Moment das ganze Leben und wird nie vergessen werden. Latinos spielen ihr Leben lang Baseball. Nur wenige schaffen den Sprung von den Straßen der Dominikanischen Republik oder eines anderen lateinamerikanischen Staates in die großen Profiligen. Für viele ist der Weg, Profi zu werden, der Weg aus der Armut, denn das Leben ist hart in lateinamerikanischen Städten. Weil das Talent für dieses Spiel so groß ist, bauen viele Major-League-Teams Akademien in lateinamerikanischen Ländern und geben jungen Latinos eine gesicherte Unterkunft, Essen sowie vor allem die Möglichkeit, einen Highschool-Abschluss zu erwerben. Raúl Hernández ist Mexikaner und Catcher der ersten Mannschaft der Caribes. Beruflich ist er im Europäischen Patentamt tätig. "Ich spiele seit 40 Jahren Baseball", sagt er, "man kann dieses Spiel durch nichts ersetzen. Es sind einige meiner schönsten Erinnerungen mit diesem Spiel verbunden." Deutschen, die zuweilen auf den Platz am Oberwiesenfeld kommen, muss er endlose Erklärungen abliefern, warum der jetzt läuft, der wirft, der schlägt und der den Ball fängt. Was sind Outs, was sind Pitches, wie heißen die Feldspieler? Wer macht was? Baseball hat in Deutschland wahrscheinlich nur so wenig Anklang gefunden, weil es aufgrund der Spiellänge und des Spielverlaufs als langweilig abgestempelt wird. Doch es geht beim Baseball nicht nur um das Spiel, sondern auch um das Erlebnis um das Spiel herum.

Schaut man auf das Ursprungsland des Baseballs, in die Vereinigten Staaten, so wird einem klar, dass nicht jeder Zuschauer unbedingt nur wegen des Spiels da ist, sondern auch um Bekannte zu treffen und gutes "Ballpark-Food" zu genießen. "Die Hotdogs in den Baseballstadien sind die besten. Außerdem: Wenn man als kleiner Junge einen geschlagenen Baseball im Stadion fängt, ist das ein Riesenereignis", sagt Steve Walker, der neben dem Spielen bei Munich RE arbeitet und der amerikanische Short-Stop der Caribes ist. "Und man darf ihn dann auch behalten und als Souvenir mit nach Hause nehmen, und alle freuen sich. Einen Major League Baseball behütet man wie einen Schatz. Es kommt total selten vor, dass man einen fängt." Baseball hat noch keine Profiliga in Deutschland. "Aber unsere besten Talente schaffen bereits den Sprung in die Profiligen der USA", sagt Martin Brunner, Trainer der 1. Bundesligamannschaft der Regensburg Legionäre und der bayerischen Auswahl. "Das Spielniveau in der 1. Bundesliga ist stark gestiegen, sodass man dort spannenden und interessanten Baseball sehen kann. Nur die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist noch verhältnismäßig gering. Kleiner Lichtblick waren letztes Jahr die 38 000 Zuschauer, die an den vier Tagen die WM-Vorrunde in Regensburg gesehen haben. Präsenz in den nationalen Medien, das fehlt uns noch. Besonders das Fernsehen." Im Münchener Norden treffen Kulturen aufeinander, die man sich nie in einem Verein hätte vorstellen können. Denn außer den Latinos und Deutschen sind auch noch Japaner und US-Amerikaner vertreten. Auf jeder Auswärtsfahrt wird hauptsächlich Spanisch oder Englisch gesprochen, und im Spiel reden alle Spanisch. Beginnt das Spiel, dann können manchmal Dinge geschehen, die man selbst später nicht glauben kann: "Einer unserer Spieler, ein Riese aus der Dominikanischen Republik, hat mal einen Ball über den Zaun im Centerfield geschlagen, der über die Bäume hinter dem Zaun geflogen ist und über die Moosacher Straße auf die andere Seite. Das waren wahrscheinlich 130 Meter", erzählt Raúl Hernandez.

Da fragt man sich, wie gut denn dann die Spieler in den amerikanischen Profiligen spielen müssen. "Verdammt gut!", lautet die Antwort von Steve Walker. "Die Profis haben einen Powerarm, sie sind blitzschnell und schlagen Bälle so weit, dass man es nicht für möglich hält." Nach einem Spiel gibt es dann ein zünftiges Barbecue, und die Spielzüge und die individuellen spielerischen Leistungen werden analysiert. Wer hat am besten geschlagen, wer am besten gepitcht? Welche Teams haben heute noch gewonnen? Wo stehen wir in der Tabelle? Die nächsten Schritte für die Zukunft werden besprochen und man verspricht, ins Training zu kommen. Eine feste Gruppe kommt, aber eigentlich müssten Latinos nicht ins Training kommen. Sie spielen ja schon seit ewig. Aber trotz allem lateinamerikanischen Flair und allem Talent, das viele Latinos natürlicherweise besitzen: Im Baseball kann man sich ein Leben lang verbessern. Und verliert man für einen Augenblick im Training seine Intensität, dann kann es ganz schnell mit der individuellen Leistung bergab gehen. Wer genervt ist von den Gewaltausbrüchen im Fußball, der richte einen Blick auf den Baseball und nach Amerika, denn dort schlägt sich keiner bei einem Spiel. "Bei einem Baseball-Spiel schlägt sich nie einer. Man nimmt sich zwar auf den Arm und macht Witze über das Team des Gegners, aber Gewalt kommt sehr, sehr selten vor", sagt Raúl Hernandez. Wahrscheinlich auch wegen der vielen Kinder, die dabeisitzen, vermutet er. Friedlich bleibt es auch außerhalb des Stadions. Fans des gegnerischen Teams sitzen neben Fans des heimischen Teams. Und da Baseball viel Zeit bietet, lässt sich ein gutes Picknick veranstalten. Lernt man auch noch nebenbei zwei Fremdsprachen, wie Spanisch und Englisch, so lässt sich dieses Vorteilspaket nicht mehr überbieten. "Hey, man, nice ballgame today!" "Thanks, I enjoyed it!" "Man, you're 50 years old and still playin'? Why?" "For the love of the game." "Viva béisbbol."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wer gut pitcht, der wird geliebt
Autor
Jakob Lipke, München. Elsa-Brändström-Gymnasium
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2010, Nr. 262 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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