Beruflich in einem Scherbenhaufen sitzen

"Es ist ein Traum, in Rom an römischer Archäologie zu arbeiten", schwärmt Philipp von Rummel. Er forscht im Deutschen Archäologischen Institut in Rom über die Basilica Aemilia.

Langsam erhitzen sich von Gras umwachsene Steine und weiße Säulen antiker Tempel unter der Sonne. Kaum eine Ecke gibt es hier, an der die ehemaligen Bewohner der Stadt nicht ihre Spuren hinterlassen haben. Jede kleinste Scherbe möchte unter die Lupe genommen werden. Rom ist ein archäologisches Paradies. Mitten unter all diesen Hinterlassenschaften der alten Römer weht eine blaue Fahne an einem unscheinbarem Gebäude nahe der Piazza dell'Indipendenza, auf der mit weißer Schrift das Logo des Deutschen Archäologischen Instituts prangt.

Im vierten Stock dieses Gebäudes sitzt der 38-jährige Philipp von Rummel, der in Freiburg und Berlin Archäologie, Alte und Mittelalterliche Geschichte studiert hat, an einem großen Schreibtisch. An der Wand hängen ein Poster von einer Wandmalerei und Plakate der Ausgrabungsstelle Chimtou in Tunesien, in der Philipp von Rummel arbeitet. In einem großen Regal an der Wand stehen viele Bücher mit archäologischen Inhalten. Wenn der junge Archäologe nicht gerade in Tunesien ist, dann verdient er an diesem Ort sein Geld.

"Es ist ein Traum, in Rom an römischer Archäologie zu arbeiten", erzählt er begeistert. Kein Wunder. Überall befinden sich irgendwelche antiken Überreste. Da es so viel in der italienischen Stadt zu erforschen und entdecken gibt, wurde das Institut als das erste in Rom am 21. April 1829 auf dem Kapitol gegründet, um all die vielen Entdeckungen in Italien zu sammeln und zu veröffentlichen. Damals war das Institut eine internationale Einrichtung. Deutsche, Briten, Franzosen und Menschen anderer Nationalitäten arbeiteten hier zusammen. 1871 wurde es jedoch in eine deutsche Anstalt umgewandelt, da es besonders von den preußischen Königen unterstützt wurde.

Die archäologische Welt nicht nur in Rom hat sich seitdem geändert. Man fängt nicht mehr überall, wo etwas Altes entdeckt wurde, an, die Erde umzubuddeln. Mittlerweile stützt man sich eher auf moderne Forschungsmethoden, wie beispielsweise die Geophysik. Es wird versucht, möglichst wenig freilegen zu müssen. Das Deutsche Archäologische Institut ist auch nicht mehr dort ansässig, wo es gegründet wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg musste es aus dem Gebäude auf dem Kapitol ausziehen. Heute arbeiten die verschiedenen, in Rom ansässigen archäologischen Institute freundschaftlich zusammen. "Konkurrenz gibt es nur noch bei den Sommerfesten, nämlich darum, wer das Schönste veranstaltet", lacht der Archäologe, der dunkelblaue Jeans und ein hellblaues legeres Hemd zu schwarzen Turnschuhen kombiniert. Das Institut in Rom ist mittlerweile zu einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts geworden, das zum Auswärtigen Amt gehört. Von der Insel Rapanui im Pazifik bis nach Peking, von Island bis nach Jemen - das Deutsche Archäologische Institut arbeitet auf der ganzen Welt.

In der Abteilung in Rom herrscht ein entspanntes Klima zwischen Deutschen und Italienern. "In der Bibliothek und Fotothek sind viele Italiener beschäftigt", sagt der Archäologe. "Die Deutschen sind Stipendiaten, Doktoranden und Wissenschaftler, die auf Zeit von Berlin aus nach Rom entsandt werden. Manche Kollegen sind auch unbefristet hier. Ich bin seit fünfeinhalb Jahren in Rom und muss im nächsten März wieder gehen." Zurück in Berlin, wird er ab diesem Frühjahr der Generalsekretär des DAI sein.

Am Institut in Rom wird hauptsächlich Italienisch gesprochen. Doch treffen sich zwei Deutsche, so wird auch gerne mal in der Muttersprache geplaudert. Die Publikationen sind meistens auf Deutsch oder Italienisch verfasst. "Als klassischer Archäologe sollte man Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch sprechen können. Je nachdem, wo man arbeitet, ist auch Türkisch oder Griechisch erforderlich. Außerdem muss man das große Latinum und das Graecum haben", erklärt von Rummel. "Neulich saß ich mit einem Schweden, einer Luxemburgerin, einem Italiener, einem Amerikaner und einer Französin an einem Tisch, und wir haben natürlich alle Italienisch miteinander gesprochen."

In Rom leitet von Rummel mit einem Kollegen von der Universität München ein Forschungsprojekt über die spätantike Zerstörung der Basilica Aemilia auf dem Forum Romanum. "Diese Basilica war schon seit vielen Jahrzehnten Forschungsobjekt. Wann sie zerstört wurde, ist eine der letzten offenen Fragen."

Die Basilica Aemilia, die wohl auch als Bankhaus diente, brannte ab. Das Dach und das Obergeschoss stürzten ein und begruben alles, was darunter war. Bei den Ausgrabungen hat man viele Münzen entdeckt. Die jüngste bisher bekannte stammt aus dem Jahre 409 nach Christus. Deshalb vermuten die Archäologen, dass sie bei der Plünderung Roms durch den Westgoten Alarich im Jahre 410 nach Christus zerstört wurde, was nun untersucht wird. In diesem Fall steht die Arbeit mit den Münzen, von denen um die 2600 gefunden wurden, im Mittelpunkt. "Münzen sind klar datierbar. Sie müssen zwar restauriert werden, doch je wertvoller das Metall der Münze ist, desto besser ist sie noch erhalten", berichtet der Archäologe, der sich leidenschaftlich gern mit Geschichte beschäftigt. Des Weiteren sind Forscher mit den Keramik-, Glas- und Metallfunden beschäftigt. Auch Historiker arbeiten mit. Die Forschung an der Basilica Aemilia, die im Dezember 2011 begann, soll in voraussichtlich drei Jahren beendet sein.

Manchmal kann ein Projekt bis zu mehr als hundert Jahren dauern, wie es etwa in Olympia oder Pergamon der Fall ist. Werkzeuge, Schmuck, Pflanzen, Knochen oder eben Münzen müssen genauestens unter die Lupe genommen werden, um über lange vergangene Zeiten zu lernen. "Es gibt auch Archäologen, die auf Pollen und Pflanzenreste spezialisiert sind. Durch Pollen kann man beispielsweise herausfinden, wie sich der Bewuchs in Landschaften verändert hat", erzählt von Rummel.

Durch die kleinsten Funde ist es möglich, die interessantesten Informationen zu erfahren. Dies fasziniert den Geschichtsforscher. Besonders die Hauptaufgabe seiner Berufsgruppe begeistert ihn: "Die Aufgabe der Archäologen besteht darin, aus den Hinterlassenschaften Geschichte zu machen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Beruflich in einem Scherbenhaufen sitzen
Autor
Alina Schlien
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2014, Nr. 76, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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