Die Mutproben gehen auf keine Kuhhaut

Die schwarzen Augen der Kuh fixieren das grüne Becken in der Mitte der Arena. Sie schnaubt, senkt die Hörner und stürmt los. Die Menge tobt, während sich die jungen Männer im Becken zu Boden werfen. Die Arena im südfranzösischen La Grande-Motte ist zum Bersten voll. Gut 500 Touristen drängen sich auf den Holzbänken und warten gespannt auf das, was die Einheimischen hier Toro Piscine nennen. Luc steht mit anderen Jugendlichen im innersten Kreis des Stadions, hinter ihnen trennt sie eine zwei Meter hohe Betonmauer vom Publikum, die sie aber dank mehrerer Leitern schnell hinaufklettern können. Vor ihnen erstreckt sich eine im Durchmesser 50 Meter große Arena. In der Mitte steht auf dem weißen Sand ein grünes, rechteckiges Becken, das einen einen halben Meter hohen Rand besitzt, vier Meter lang und zwei Meter breit ist.

"Die Frauen schauen uns vom Publikum aus zu. Das hier ist nichts für Mädchen, man muss viel Mut zeigen und einiges einstecken können", sagt Luc lachend, aber nicht ohne Stolz. Er trägt ein schwarzes Tanktop, eine Badehose und abgelaufene Turnschuhe. Er ist groß, muskulös, seine schwarzen Haare trägt er kurz geschoren. Luc ist siebzehn Jahre alt, kommt aus Lyon und besucht dort ein Lycée Publique. Er verbringt seine Sommerferien mit seinen Freunden am Meer. Heute sind sie wie viele andere Jugendliche, ob nun Touristen oder Einheimische, in die Arena gekommen, um ihren Mut unter Beweis zu stellen. Rauchend erklärt er: "Ich bin ziemlich nervös. Wir haben mit den Jungs noch ein paar Taktiken besprochen, um nicht auf die Hörner genommen zu werden, aber jedes Mal reagiert das Tier anders. Es geht weniger um Kraft als um Flinkheit." Bei diesem traditionellen Spiel im Südwesten Frankreichs geht es schlicht darum, vor einem Stier wegzurennen. Eigentlich handelt es sich dabei um pechschwarze Kühe aus der Camargue. Sie sind kleiner als die Stiere, aber flinker und schneller. Die 20 Zentimeter langen Hörner werden an den Spitzen mit einer Metallhaube abgestumpft. Mitmachen muss man auf eigenes Risiko - verletzt man sich, ist man selbst schuld. Ein Moderator begrüßt das Publikum und kündigt die erste von sechs Kühen an. Ein Tor am Ende der Arena geht auf. Ein schwarzer Blitz prescht heraus. Die lauten Rufe des Publikums, die Scheinwerfer und die Musik aus den Lautsprechern scheinen das Tier kurz zu verwirren, dann stürmt es los. Die Hörner scheinen immer auf das zu zeigen, was sich gerade am meisten bewegt. Die jungen Männer ziehen sich an den Leitern hinauf, wenn die Kuh zu nahe kommt. Der Moderator fängt mit einem frechen Spruch an und fordert die Jungen heraus - schon rennt der erste durch die Arena, hinter ihm das Schnauben des Tiers, und kann sich gerade noch im Becken in Sicherheit bringen. Der Abend ist eingeläutet. Viele Mutige stehen nun in der Mitte der Arena. Die Kuh wird mit Wasser angespritzt, angeschrien, auf eine Provokation des Moderators hin zieht sogar ein ganz Kühner seine Hosen herunter, was ihm dann das Wegrennen erschwert. Es geht darum, an die Grenzen zu gehen, in der Arena der Mutigste zu sein. Immer wieder ist die Kuh schneller als die übermütigen Jungen und wirft einen zu Boden. Dann sind aber stets die Freunde zur Stelle, um die Kuh abzulenken, während der Getroffene vom Sand humpelt. "Es gibt schon ein paar blaue Flecken, aber durch das Adrenalin spürst du sie erst am nächsten Morgen", sagt Luc lachend und rennt der Kuh praktisch vor die Hörner. Angespornt werden sie vom lärmenden Publikum, das aus Familien, Freunden und Freundinnen besteht, besonders vor Letzteren wollen die Jungen glänzen, weshalb sie auch mit einer Beule noch einmal über den Sand rennen.

Unten in der Arena herrscht ein dauerndes Gedränge um die Plätze am Beckenrand, denn über diesen muss die Kuh springen. Jeder hat Angst, in der Mitte des Beckens zu liegen, dort, wo die mehrere hundert Kilo schwere Kuh landet. "In der Piscine geht es hart zu und her. Bist du in der Mitte, hast du große Chancen, dass du einen Huf abbekommst, liegst du am Rand, bekommst du einen Schuh von denen ins Gesicht, die in der Mitte liegen." Luc ist außer Atem. Er macht jetzt auf der Tribüne eine Pause, bis die nächste Kuh ihren Auftritt hat.

Nur noch einer steht in der Arena. Die Kuh steht vor ihm, den Kopf gesenkt, die Augen auf ihm. Doch der Junge ist sich vor allem der 500 anderen Augenpaare bewusst, die auf ihn gerichtet sind. Übermütig zieht er sein rotes T-Shirt aus und schwingt es neben sich her wie ein Toreador sein Tuch. Ein Raunen geht durch die Menge, als das Tier zum Angriff übergeht. Noch zwei Meter trennen ihn von den Hörnern. Plötzlich wird ihm bewusst, dass er sich fallen lassen muss, doch da haben ihn die Hörner schon voller Wucht getroffen. Das T-Shirt fällt zu Boden, während er durch die Luft fliegt. Die Kuh fällt auf den Rücken, auch für sie war der Aufprall heftig. Zehn Sekunden vergehen, dann dreißig, aber der Junge steht nicht mehr auf. Die Kuh wird aus dem Stadion geholt, der Moderator versucht, das Publikum zu beruhigen, aus den Lautsprechern kommt ein fröhliches Lied. Der Junge wird auf einer Trage hinausgetragen, dort wartet schon der Krankenwagen. Einen solchen Unfall gibt es jeden Abend.

Keiner will in der Arena sein Glück versuchen, als die zweite Kuh hineinstürmt. Der Unfall hat dem Spiel eine bedrohliche Note verliehen. Doch der Moderator provoziert weiter, setzt eine Belohnung aus. 50 Euro für denjenigen, der als Erster im Becken liegt, während die Kuh es durchquert. Die Ersten steigen in die Arena. Bald erkämpfen sich Dutzende den Platz am Beckenrand, das Publikum tobt. Auf Aufforderung des Moderators tanzen sie am Rand, was es umso schwieriger macht, sich flach ins Becken zu werfen. Der unglückliche Toreador ist vergessen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Mutproben gehen auf keine Kuhhaut
Autor
Gautier Stehli
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2014, Nr. 76, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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